Erdgas vom Aggressor

Aserbaidschans Truppen haben Armenien angegriffen. Für Jörg Kronauer ist der Konflikt geostrategisch motiviert

Keine zwei Monate ist es her, da geriet Ursula von der Leyen fast ins Schwärmen. Auf der Suche nach neuen Erdgaslieferanten für die EU hatte sich die Kommissionspräsidentin auf Reisen begeben, hatte Verhandlungen geführt und schließlich ein vorzeigbares Teilergebnis erreicht. Ihrem Ziel, sich von russischem Erdgas unabhängig zu machen, schien Brüssel so langsam näherzukommen. »Die EU hat sich entschieden«, ließ sich von der Leyen am 18. Juni stolz vernehmen, sich von Russland ab- und »verlässlicheren, vertrauenswürdigeren Partnern zuzuwenden«. Die da wären? »Ich freue mich«, strahlte die Kommissionspräsidentin, die sich gerade in Baku aufhielt, Präsident Ilham Alijew an ihrer Seite, »Aserbaidschan zu ihnen zählen zu können«. Alijew hatte ihr die Aufstockung der Erdgaslieferungen aus seinem Land bis 2027 von acht auf 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zugesagt.

Verlässlich? Vertrauenswürdig? Menschenrechtlern trieb von der Leyens süßliche Lobhudelei damals die Zornesröte auf die Stirn. In der Nacht auf Dienstag dieser Woche bewies die aserbaidschanische Regierung, dass sie auch nach außen keine Hemmungen kennt: Ihre Streitkräfte griffen Armenien an, beschossen armenische Truppen, aber auch mehrere armenische Städte ein ganzes Stück hinter der Grenze. Und sollte jemand vergessen haben, dass der »verlässliche, vertrauenswürdige Partner« der EU im Herbst 2020 schon einmal Armenien überfallen hatte – die Erinnerung daran ist spätestens jetzt wieder da.

Worum geht es bei den Kämpfen eigentlich? Im Südkaukasus sind, wie üblich, äußere Mächte zugange. Und diejenige, die zurzeit den Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien wohl am meisten schürt, ist die Türkei. Bereits im Herbst 2020 hatte Ankara die aserbaidschanischen Streitkräfte in ihrem Krieg gegen Armenien massiv unterstützt; eine mutmaßlich kriegsentscheidende Rolle hatten damals bewaffnete Drohnen aus türkischer Produktion gespielt, über die Baku in erheblicher Zahl verfügte. Aserbaidschan spielt in den expansiven Plänen der türkischen Regierung eine bedeutende Rolle. Seine Sprache ist eine Turksprache, die Beziehungen sind historisch sehr eng. Und: Aserbaidschan liegt aus Sicht der Türkei auf dem Weg nach Zentralasien, in einer Region also, in der Ankara seinen Einfluss auszudehnen wünscht.

Das Problem aus Sicht der türkischen Regierung: Es gibt noch keinen durchgehenden Landkorridor aus der Türkei nach Aserbaidschan. Ein solcher Landkorridor aber kam als Resultat des Krieges im Herbst 2020 in den Blick: der Zangezur-Korridor, ein schmaler Landstreifen entlang der armenisch-iranischen Grenze, der Aserbaidschan mit seiner südwestlich gelegenen Exklave Nachitschewan verbindet. Nachitschewan wiederum grenzt über einige Kilometer an einen kleinen Zipfel der Osttürkei. Das Waffenstillstandsabkommen, das 2020 im Anschluss an den armenisch-aserbaidschanischen Krieg geschlossen wurde, sieht eine Öffnung des Zangezur-Korridors für den Landtransport vor.

Ankara und Baku trieben zuletzt die Dinge entschlossen voran. Im Juni trafen sich die Außenminister der Türkei und Aserbaidschans mit ihrem kasachischen Amtskollegen, um den Ausbau der Transportverbindungen zwischen den drei Ländern zu forcieren. Ende August vereinbarten die Präsidenten Aserbaidschans und Kasachstans, die Beziehungen zwischen ihren Staaten systematisch zu intensivieren. Zentral sei dabei, eine Verbindung zur Türkei zu erhalten, den Zangezur-Korridor. Mit Blick auf die entstehende Transportroute aus der Türkei bis nach Zentralasien ist seit geraumer Zeit von einer »türkischen Seidenstraße« die Rede. Mit den aktuellen Angriffen auf Armenien hat Baku nun seinen Druck erhöht, den Zangezur-Korridor für eine intensive Nutzung freizugeben.

Der Konflikt im Südkaukasus ist noch lange nicht ausgekämpft. Von der Leyen hat der EU mit Aserbaidschan einen Erdgaslieferanten in einem zuverlässigen Krisengebiet ausgesucht.

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