»Spanien ignoriert die Ausbeutung«

Staat und Gesellschaft setzen sich bislang nicht mit dem Menschenhandel auseinander, kritisiert der Historiker Martin Rodrigo y Alharilla

Die Christoph-Kolumbus-Säule im Zentrum Barcelonas verweist auch auf die Bedeutung der Übersee-Kolonien für Spanien.
Die Christoph-Kolumbus-Säule im Zentrum Barcelonas verweist auch auf die Bedeutung der Übersee-Kolonien für Spanien.

Spanien hat erst 1886 die Sklaverei in seiner Kolonie Kuba verboten. Es war damit das letzte europäische Land, das den Besitz von und den Handel mit Menschen abschaffte. Warum hat das so lange gedauert?

Kuba war einfach zu wichtig für das Spanien des 19. Jahrhunderts. Das Königreich hatte zwar viele seiner Überseekolonien verloren, aber mit Kuba, dem weltweit wichtigsten Zuckerproduzenten, die produktivste Kolonie überhaupt behalten. Wirtschaftlich war die Insel der Metropole, also Spanien, überlegen. Während Spaniens Ökonomie defizitär war, erwirtschaftete Kuba jährlich finanzielle Überschüsse, die als Steuern auf die iberische Halbinsel zurückflossen. Kubas wirtschaftliche Bedeutung war so groß, dass die erste spanische Eisenbahnstrecke nicht auf dem Festland, sondern auf der Insel errichtet wurde – eine absolute Ausnahme. Und um die weltweite Nachfrage an Zucker zu bedienen, brauchte man eben Sklaven.

Von welchen Dimensionen sprechen wir?

Zwischen 1518 und 1867 kamen fast eine Million versklavter Afrikanerinnen und Afrikaner auf die Insel, 75 Prozent von ihnen zwischen 1790 und 1867, während des Zuckerbooms. Für ein Gebiet von gerade einmal 110 000 Quadratkilometern ist das eine gigantische Zahl. Zum Vergleich: In die Vereinigten Staaten kamen insgesamt weniger als halb so viel.

Der transatlantische Sklavenhandel war seit 1821 auf Grundlage eines binationalen Abkommens zwischen Spanien und dem Vereinigten Königreich verboten. Wie konnten dennoch so viele Menschen versklavt, verschifft und verkauft werden?

Ohne die Komplizität der spanischen Behörden wäre das undenkbar gewesen. Hinter dem illegalen Sklavenhandel steckte ein komplexes Geflecht, über das sich Tausende bereicherten – vom Kapitän bis zum Matrosen oder Hafenarbeiter. Das Geschäft hatte nach unseren Schätzungen eine Rendite von durchschnittlich 100 Prozent und war damit sehr profitabel: Die Sklaven wurden an der afrikanischen Küste billig gekauft und in den Kolonien teuer verkauft. Die Nachfrage war riesig und die Einnahmen aus dem Zuckerhandel so groß, dass die Plantagenbesitzer sich diese Preise leisten konnten – und die Kapitäne Bestechungsgelder an die Behörden und den Matrosen einen höheren Lohn zahlen konnten.

Auf welche Quellengrundlage stützen Sie sich bei diesen Schätzungen?

Da der transatlantische Sklavenhandel ab 1821 ja verboten waren, erfolgte der Großteil der Abwicklung auf Grundlage mündlicher Vereinbarungen. Schriftliche Zeugnisse von Auftraggebern oder Kapitänen gibt es bis auf ein paar Briefe sehr wenig. Wir stützen uns daher vor allem auf ausländische Quellen, in erster Linie englischsprachige. Denn die Marine des Vereinten Königreichs überwachte, ob das Handelsverbot eingehalten wurde und unterhielt dazu ein Netz von Spionen, die das Foreign Office regelmäßig über verdächtige Schiffe oder Frachten informierten. Teils wurden auch Schiffe abgefangen. Wir wissen so oft, wer die Fahrten organisierte, aber nicht unbedingt, wer sie finanzierte. Wir kennen teils die Namen der Kapitäne, aber wir wissen nicht, wer in Kuba auf die Menschenware gewartet hat. Anders ausgedrückt: Wir haben zwar die Spitze des Eisberges entdeckt, aber sehen noch nicht, was darunterliegt.

Das illegale Geschäft wurde in Spanien aus wirtschaftlichen Gründen toleriert. Aber wie ging Spaniens Gesellschaft generell mit dem Thema Sklaverei um?

Natürlich gab es im 19. Jahrhundert auch in Spanien Menschen, die forderten, die Sklaverei abzuschaffen. Aber die abolitionistische Bewegung hatte nicht den gleichen Einfluss wie in Frankreich oder in Großbritannien. Als Gesellschaft konstituierten sich die Abolitionisten erst 1864, achtzig Jahre, nachdem in Paris und London ähnliche Vereine gegründet worden waren. Gleichzeitig saßen in der Pro-Sklaverei-Lobby sehr einflussreiche Geschäftsmänner. Das führte dazu, dass der Besitz von Sklaven in der Kolonie Puerto Rico erst 1873 und auf Kuba sogar erst 1886 gesetzlich verboten wurde. In Spanien selbst gibt es übrigens bis heute kein Gesetz, das die Sklaverei verbietet, lediglich eine Empfehlung dafür aus dem Jahr 1837. Allerdings gab es auf der Iberischen Halbinsel selbst damals fast keine Sklaven mehr.

Ist diese lange Toleranz der Grund dafür, warum es bis heute kaum eine öffentliche Debatte über Spaniens Rolle im weltweiten Sklavengeschäft gibt?

Die Aufarbeitung solcher Themen erfolgt meist auf Druck der Zivilgesellschaft. In Großbritannien, Frankreich und auch den Niederlanden waren es die Nachfahren versklavter Menschen, die das Thema auf den Tisch brachten. In Spanien aber gibt es so gut wie keine direkten Nachfahren afrikanisch-stämmiger Sklavinnen und Sklaven. Die Erinnerung daran bleibt bisher punktuell, auch wenn das Thema inzwischen historiographisch gut aufgearbeitet ist. Und sie variiert regional sehr stark: Während es in Barcelona ein diffuses Bewusstsein dafür gibt, dass Katalonien in den Sklavenhandel verstrickt war, erinnert sich in Cádiz niemand daran. Dabei liefen aus dem andalusischen Hafen die meisten Schiffe für Sklavenexpeditionen an der westafrikanischen Küste aus!

Müsste sich nicht auch die Politik des Themas annehmen?

Spaniens Politik hat das Thema bisher einfach ignoriert. Die Unesco hat bereits 1997 einen internationalen Gedenktag für die Opfer von Sklaverei und Sklavenhandel eingeführt, aber das offizielle Spanien hat sich daran nie beteiligt. In den Schulbüchern wird Sklaverei allenfalls am Rand erwähnt. Auf unsere Forschungen hin hat das linke Parteienbündnis Unidas Podemos, selbst Teil der Regierungskoalition, eine erinnerungspolitische Aufarbeitung des Themas gefordert. Das Parlament hat den Vorschlag angenommen. Doch da es sich dabei aber nicht um eine Gesetzesinitiative handelt, könnte die Initiative auch einfach versanden.

Warum tut sich Spanien mit der Vergangenheit so schwer?

Das ist ja nicht nur mit der Erinnerung an die Sklaverei, sondern auch beim Umgang mit dem Spanischen Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur so. Ich glaube, das hat ganz entscheidend mit der Entstehung des zeitgenössischen Spaniens und der politischen Rechten zu tun. Das heutige Deutschland ist aus der Niederlage im Zweiten Weltkrieg entstanden, Italien aus der Niederlage des Faschismus und Frankreich aus der Niederlage des Vichy-Regimes. Aber das heutige Spanien ist das Ergebnis einer Transformation des Franco-Regimes. Der ehemalige König Juan Carlos war bereits am Ende der Diktatur Staatsoberhaupt. Und die Argumente, die die rechten Parteien gegen eine Öffnung der Massengräber aus dem Bürgerkrieg verwenden, finden sich auch bei der Debatte um Sklaverei. Sie lehnen eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit prinzipiell ab, weil das ihrer Ansicht nach Spanien selbst infrage stellt. In Frankreich legen auch Konservative in Erinnerung an die Opfer der Sklaverei Blumen nieder – in Spanien undenkbar.

Wie könnte eine sinnvolle Erinnerungspolitik zur Sklaverei aussehen?

Geschichtswissenschaften und Erinnerungspolitik sind zwei getrennte Bereiche, aber sie sind natürlich eng miteinander verzahnt. Erinnerungspolitik muss auf den drei Säulen Wahrheit, Gerechtigkeit, Reparation beruhen. Und da es unsere Aufgabe als Historiker ist, die historische Wahrheit zu analysieren, ist unsere Forschung bereits eine erinnerungspolitische Maßnahme. Das Thema Sklaverei und Sklavenhandel ist inzwischen gut erforscht und müsste sehr viel stärker Eingang in Schulbücher und in das Gedenken im öffentlichen Raum finden. Aber wie genau, ist Aufgabe der Institutionen. Relevant ist es auf jeden Fall. Schließlich gab es zu keinem anderen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte mehr versklavte Menschen als heute: laut dem Global Slavery Index mehr als 40,3 Millionen weltweit.

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