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Vom Bergmann zum Seemann

Einst bestimmte die Kohle das Schicksal der Lausitz, jetzt entsteht hier die größte künstliche Seenlandschaft Europas

2022: Vom Tagebaurestloch ist nichts mehr zu erkennen. Bald können an der Seebrücke Schiffe anlegen.
2022: Vom Tagebaurestloch ist nichts mehr zu erkennen. Bald können an der Seebrücke Schiffe anlegen.

Es ist der 5. August 2003: Ich stehe am Rand eines riesigen Kraters. Soweit das Auge reicht, steil abfallende Sandklippen. »Da hinunter fahren wir«, erklärt unser Guide, als wäre es das Normalste der Welt, sich mit einem Jeep kopfüber einen steilen Abhang hinabzustürzen. Mein Kreislauf spielt Achterbahn. Doch die Neugier siegt: Zähne zusammenbeißen, den Motor anlassen und los geht’s. Der Wagen schlingert steil abwärts durch den Sand, macht, was er will. Endlich auf gerader Fläche, greifen die Räder des Geländewagens sicher. Wir fahren durch einen Canyon – ein gigantischer Anblick. »Mir nach«, höre ich den Guide über Funk. »Niemals« ruft meine innere Stimme, doch der Fuß gibt schon Gas, die Hände verkrampfen sich ums Lenkrad, und wie von einer Seilwinde gezogen, bewegt sich der Jeep steil bergauf. Noch ehe ich richtig registriert habe, was da passiert, ist der Sandberg erklommen, das Auto kippt vornüber und »schwimmt« in Schussfahrt abwärts. Tiefer und tiefer bis auf den Grund des künftigen Großräschener Sees. Vier Jahre zuvor gruben sich hier, im Braunkohletagebau Meuro, noch gewaltige Abraumbagger in die Erde.

15. März 2007: Wieder stehe ich auf dem Grund des künftigen Sees, schaue hoch zu einer stählernen Brücke, die ins Nichts führt. Doch schon in wenigen Jahren sollen hier Ausflugsboote anlegen, bis dahin allerdings muss noch sehr viel Wasser in die Grube fließen. Heute beginnt offiziell die Flutung des Tagebaurestloches, das sich bis 2015 in eine 771 Hektar große Wasserfläche verwandeln soll. Der Großräschener See wird einer von insgesamt 25 künstlichen Seen mit einer Gesamtfläche von über 14 800 Hektar der entstehenden Lausitzer Seenlandschaft sein, der größten künstlichen Seenkette Europas. Noch fällt es schwer, sich das vorzustellen.

28. August 2022: Ich laufe über die Brücke, die längst nicht mehr ins Nichts führt. Vor mir erstreckt sich ein gewaltiger See, auf einem Steilhang am Ufer wächst Wein, Touristen sitzen in Liegestühlen und genießen einen kühlen Drink. Die klaffende Wunde ist geschlossen, wer es nicht besser weiß, könnte glauben, hier wäre es schon immer so gewesen.

Doch riesige Seen suchte man einst hier vergeblich. Kleine Dörfchen, Wälder und flaches Ackerland bestimmten jahrhundertelang die Landschaft in der Lausitz, die Menschen lebten von dem, was der Boden hergab. Bis 1789 durch Zufall der erste Kohleflöz entdeckt wurde. Damit war das Schicksal der Region besiegelt, wenngleich es noch ein paar Jahrzehnte dauern sollte, ehe 1864 die erste industriell genutzte Grube in Großräschen in Betrieb ging. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden im Lausitzer Revier im Südosten Brandenburgs und im Nordosten Sachsens mehr als 30 Tagebaue erschlossen, vier sind noch in Betrieb – Jänschwalde und Welzow-Süd in Brandenburg sowie Nochten und Reichwalde in Sachsen. Bis 2038 soll – so zumindest der Plan – auch für sie das Aus kommen.

Als die Gruben schlossen, blieben gigantische Krater zurück. Viele Menschen verließen ihre Heimat für immer, weil sie keine Perspektiven sahen. Die Arbeitslosigkeit stieg bis Mitte der 90er Jahre auf rund 40 Prozent. Zwar gab es schon seit Jahrzehnten Ideen für die Umgestaltung der Landschaft nach dem Ende der Kohle, indes fehlte vielen der Glaube daran. Doch da waren auch Visionäre. Walter Karge, Leiter des Tagebaus Meuro bis zu dessen Schließung 1999, war so einer. Schon Mitte der 90er Jahre erklärte er nahe der Stelle, wo heute die Brücke in den Großräschener See ragt: »Hier bau ich einen Hafen.« Nicht wenige hielten ihn für einen Spinner und meinten, dass in 20 Jahren hier niemand mehr leben werde. Doch Karge war nicht nur ein Visionär, sondern auch ein Schlitzohr. Er stellte einen Bauantrag für eine »Böschungssonderausformung als Demontageplatz für Tagebaugroßgeräte« des Tagebaus Meuro, dessen Schließung bereits beschlossen war. Das leuchtete ein, irgendwo mussten die Maschinen ja auseinandergenommen werden. Der Antrag wurde genehmigt und so entstand – ganz wie es sich Karge vorgestellt hatte – eine Ausbuchtung am Tagebaurand, genau passend für die Umsetzung seiner Idee. Ein Tagebaugroßgerät wurde hier nie entsorgt, der Hafen für 120 Sportboote ist inzwischen fertig.

Visionen viel größeren Ausmaßes zeigte die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land, die von 2000 bis 2010 rund 30 Zukunftsprojekte entwickelte, die der geschundenen Region wirtschaftliche, künstlerische und ökologische Impulse geben sollten. Doch noch war viel Fantasie nötig, um sich die ausgemalte blühende Landschaft vorzustellen. Ehe aus Restlöchern Badeseen wurden, aus ehemaligen stinkenden Kohlekraftwerken und rußenden Brikettfabriken spannende Industriemuseen, ehe Hotels, Jachthäfen und Surfschulen entstanden, war es ein weiter Weg, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Doch selbst die größten Pessimisten sind inzwischen verstummt. Auch wenn noch nicht alles fertig ist und manches länger dauert als geplant.

So konnte beispielsweise das Ziel, den Großräschener See bis 2015 komplett zu fluten, nicht eingehalten werden. Bis 2026 wird das wohl noch dauern. Gründe dafür liegen vor allem im Klimawandel, ist in der Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), die 1995 zur Sanierung und Umgestaltung der ehemaligen Lausitzer Kohlereviere gegründet wurde, zu erfahren: Denn die künftigen Seen werden aus dem Grundwasser, aus Regenwasser und auch aus den Flüssen Schwarze Elster, Spree, Neiße gespeist. Würde man nur auf Grund- und Regenwasser setzen, bräuchte es 80 bis 100 Jahre, ehe das Loch gefüllt ist. Doch Wasser aus Flüssen kann nur zugeführt werden, wenn sie gut gefüllt sind und Trinkwasserversorgung, Schifffahrt, Fischerei und Industrie durch die Entnahme nicht beeinträchtigt werden. Durch den Klimawandel und damit immer trockenere Jahre bedingt, fehlt in den Flüssen zunehmend Wasser, sodass ihnen oftmals nichts oder nur wenig entnommen werden kann. Dafür, dass kein Ungleichgewicht entsteht, ist die 2000 gegründete Flutungszentrale der LMB zuständig. Sie plant und überwacht die Wasserversorgung und greift, wenn nötig, auch regulierend ein.

Wer sich einen Überblick über die Veränderung im einstigen Kohlerevier verschaffen will, begibt sich am besten mit dem Rad auf die Energie-Route der Lausitzer Industriekultur. Bereits 1900 Kilometer beschilderte Radwege sind entstanden, neun Fernradwege und sieben Themenradwege führen durch die Region. Eine gut ausgebaute touristische Infrastruktur mit Hotels, Rast- und Campingplätzen, Tauchschulen und schwimmenden Häusern ist entstanden. Auch zwei der insgesamt geplanten 13 Kanäle zwischen zehn Seen sind bereits fertig und verbinden den Senftenberger mit dem Geierswalder und den Partwitzer See. Wenn alle zehn Seen ihren Endwasserstand erreicht haben und die Kanäle eröffnet sind, können Freizeitkapitäne grenzenlos auf 7000 Hektar Wasserfläche kreuzen. 

Nach dem Motto »Aus Bergmännern werden Seemänner« haben inzwischen viele Menschen im Tourismus eine Zukunft bekommen, fast 6500 touristische Arbeitsplätze sind entstanden. Wo vor 30 Jahren Wegzug angesagt war, siedeln sich heute immer mehr junge Menschen an.

Längst gibt es zahlreiche touristische Leuchttürme in der Region, der wohl bekannteste ist der 1300 Hektar große Senftenberger See, gewissermaßen die »Mutter« der Sanierung und Umgestaltung der Region. Er feiert im kommenden Jahr seinen 50. Geburtstag, entstand aus dem 1966 stillgelegten Tagebau Niemtsch. Nur fünf Jahre dauerte es, bis das Restloch geflutet war. Kaum einer konnte sich damals jedoch vorstellen, dass sich Senftenberg durch ihn zu einer touristischen Hochburg im Süden Brandenburgs entwickeln würde. Glasklares Wasser, kilometerlange Sandstrände, dichte Wälder und eine hervorragend ausgebaute touristische Infrastruktur ziehen Wassersportler, Naturliebhaber und Familien gleichermaßen an. Besonders beliebt ist der Familienpark mit seinen 200 Ferienhäusern und rund 170 Camping-Stellplätzen. Zehntausende Gäste, insbesondere aus dem nahen Sachsen, aus Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Tschechien und seit Corona auch immer mehr aus Bayern, nehmen den Slogan »Wenn ich diesen See seh’, brauch ich kein Meer mehr« wörtlich und verbringen hier ihren Urlaub. Jährlich 61 000 Übernachtungsgäste und rund 800 000 Tagesbesucher in und um Senftenberg lassen schönste Hoffnungen auf künftige Besucherströme im »Lausitzer Seenland« wachsen. Wer allerdings miterleben will, wie eine Region ihr Gesicht komplett verändert, der sollte unbedingt jetzt kommen. Denn: Was in dieser Region passiert, dafür gibt es nirgendwo auf der Welt Vergleichbares.

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