Wandlungskünstler

Insekten performen Triadisches Ballett

  • Von Christel Sperlich
  • Lesedauer: 5 Min.
Technisierte Maschinentänzer – Wiederauferstehung des Triadischen Balletts der 1920er Jahre.
Technisierte Maschinentänzer – Wiederauferstehung des Triadischen Balletts der 1920er Jahre.

Beats wie Presslufthämmer erklingen auf der kleinen Bühne des Dessauer Bauhausmuseums. Eindringlich. Laut. Nervig. Dazu die typischen Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, wie sie auch in den 20er-Jahren ausgeführt wurden. Eckig. Kantig. Abrupt. Technisierte Maschinentänzer. In den bekannten mehr oder weniger starren Kostümen des Triadischen Balletts, vor hundert Jahren von Oskar Schlemmer entworfen, agieren die Kunstfiguren hier in nachgefertigten Kostümen und Requisiten, jedoch mit neuer Intention. Der Abstrakte. Die Drahtfigur. Die Kugelhände.

Abgelöst wird ihr Tanz durch neue auftauchende, grotesk abstrahierte Gestalten. Die Verwandlung des Menschen in eine Kunstfigur, nicht apparativ technisch wie einst im klassischen Triadischen Ballett, sondern als insektoide, stachlige, bunte Lebewesen, umwickelt mit feinen Drahtantennen. Clowneske Kostüme könnten Scheibenkleid oder Rundrock heißen. Die Puppen bewegen sich grazil. Spiralisieren, verschrauben sich fließend ineinander, übereinander, als wollten sie etwas zum Erblühen bringen. Bald darauf zeigen sich bunte Gestalten mit dick wattierten Muskelpartien in Armen und Beinen. Die »Geringelten« nannte Schlemmer die wie Michelin-Männchen anmutenden Figuren. Wie Hip-Hopper treten sie auf. Kraftvoll. Dynamisch. Tragen Hüte wie Derwische. Improvisieren Kontakt miteinander. Vernetzen sich. Keiner steht für sich allein. Sind sie eine Art Übergangsfiguren? Die Puppen legen ihre Requisiten ab, Kegel, Kugel, Maske. Tauschen Gliedmaßen aus. Streifen sich schwarze Netzhandschuhe und Strümpfe über Gesicht und Hände. Schwarze Geschöpfe begleiten pantomimisch wiederum weitere scheinbar verwandelte Wesen. Sind es Amöben, Quallen oder vielleicht Seerosen? Ein schwirrendes Insektengeflüster. Gezirpe und Gewusel. In pastellfarbenen, weit ausladenden Gewändern gleiten sie am Boden entlang, lugen aus ihren halsoffenen Kostümen hervor. Breiten sich aus, engen sich ein. Dann der Donnerschlag und Regenguss. Ein Zittern. Vibrieren. Gebären? Phantasiefiguren, die sich jetzt verpuppen?

Die Metamorphose der Insekten, die in mehreren Entwicklungsstadien verläuft, ist bis heute noch nicht vollständig erforscht. »Wir wollen diesen Prozess nicht didaktisch, nicht schullehrhaft in drei aufeinanderfolgenden Stufen darstellen, sondern als eine fließende Verwandlung, in der verschiedene Lesarten möglich sind. Waren die Puppenfigurinen bei Schlemmer Maschinenteile, wollen wir die Welt der insektoiden Wandlungskünstler erforschen«, meint Torsten Blume, Künstlerischer Leiter und Choreograf der Stiftung Bauhaus Dessau.

In diesem Jahr feiert das Bauhaus 100 Jahre Triadisches Ballett. Im Zentrum des diesjährigen Bauhausfestes stehen Oskar Schlemmers Kostümfigurinen. »META | MOR | PHOS«, heißt die Tanzperformance, die in Koproduktion mit der Companie Hedwig Dances aus Chicago unter der Leitung von Jan Bartozek mit der Stiftung Bauhaus Dessau und in Zusammenarbeit mit dem Chicago Puppet Studio entwickelt wurde. Eine fiktive Fortsetzung des Triadischen Balletts. In drei Akten.

Auf der Bühne posiert plötzlich eine monsterhafte Gestalt. Ein oktopusartiger Organismus oder Riesenbakterium? Ein silberner Kugelkopf, der Hals eine Scheibe, an der ringsum bis zu den Füßen hinunterreichende Röhren befestigt sind. Der Röhrenrock gibt dem vermeintlich starren Wesen Lebendigkeit. So dreht sich das Ungetüm fortlaufend, schwankt, verliert sein Gleichgewicht, bäumt sich auf und wirkt zugleich fragil, verletzlich. Es kommt nicht zur Ruhe, kreiselt beständig vor sich hin. Ist es ein Ankämpfen, ein sich Behaupten gegen andere, sichtbar werdende Lebewesen?

Käfer mit schuppiger Halskrause, einem weichen, empfindlichen Kugelbauch, krabbeln mit angewinkelten Armen und Beinen auf dem Boden entlang. An den Knie- und Ellbogengelenken trichterförmige, knallrote lange Stacheln, die ihre Glieder nicht nur verlängern, sondern ihnen auch andere Bewegungsrichtungen erlauben. Eilig scheinen sie es zu haben, blicken sich nach allen Seiten um. Wer sind sie? Wo wollen sie hin, wo kommen sie her? Wie lang dürfen sie bleiben? »In jeder Szene bleiben Fragen offen«, erklärt Torsten Blume.

Der Kurator sucht nach immer neuen Spielarten des klassischen Triadischen Balletts, um es zu dekonstruieren und neu zu montieren. Die aktuelle Idee der Transformation bezieht sich auf den notwendigen gesellschaftlich brisanten Wandel unserer Epoche. Energiekrise. Zeitenwende. Klimawandel. Das gigantische Insektensterben. Torsten Blume beschäftigt schon lange diese artenreichste Tiergruppe auf der Erde und deren bedeutsame Kommunikation untereinander. »Und wie gehen wir mit ihnen um? Können wir für diese Lebewesen Respekt entwickeln, auch wenn wir manche von ihnen als fremd, eklig und nervig empfinden? Besteht die Chance, von ihnen zu lernen?

Die Deutung der Fantasiewesen bleibt dem Zuschauer überlassen und damit auch die Existenzreise der Insekten von der Larve, der kleinen Raupe mit den vielen Füßen, über die in Watte eingepuppten Figuren bis hin zu den Imagos, den erwachsenen, geschlechtsreifen Insekten. «Wir können uns über den Tanz natürlich nicht anmaßen zu glauben, wir wüßten nun, wie Bienen, Hornissen, Mücken oder Fliegen, Käfer, Schmetterlinge, Libellen oder Ameisen ticken, wie sie fühlen, was sie miteinander verbindet. Wir können uns ihnen nur nähern. Und das Nachahmen ist eine Form der Annäherung. Indem ich in Mimik, Fortbewegung und Verhalten meiner planetaren Mitbewohner hineinschlüpfe, mir Stacheln, Drahtgestelle oder Kugelbäuche anlege, bin ich noch kein Insekt, aber es verändert mein Sein in der Welt», erklärt Torsten Blume. Eine Triadische Fiktion. Die Wandlung vollzieht sich auf surreale Weise, auf choreografisch träumerische Logik. «Uns geht es nicht darum, das Triadische Ballett als etwas Fertiges zu feiern, was es ja historisch nie gewesen ist.»

Das nie Abgeschlossensein sei eine gute Vorlage für neue Anknüpfungspunkte. META | MOR | PHOS ist Versuchsanordnung und Übungsmodell menschlicher Transformation. Es gilt, als insektoide «Imagos» die existenzielle Verbundenheit des Menschen mit anderen Spezies zu erkunden. «Wir wollen ein Bewusstsein schaffen für die Beziehung zwischen der menschlichen Kreatur und der kreatürlichen Natur», sagt Torsten Blume. Ein Aufeinanderzubewegen von Mensch und Tier. Ohne Dramatik. Ohne Anklage. Mit offenem Herzen.

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