Wie groß waren die Feuer im Harz?

Nationalparkverwaltung widerspricht Behörden. Hintergrund ist ein Streit um die forstlichen Konzepte im Schutzgebiet

Ein Flugzeug der italienischen Feuerwehr wirft während des Waldbrandes am Brocken Wasser ab.
Ein Flugzeug der italienischen Feuerwehr wirft während des Waldbrandes am Brocken Wasser ab.

Von den beiden großen Waldbränden im Harz in diesem Sommer waren offenbar sehr viel kleinere Gebiete betroffen als offiziell dargestellt. Anfang September brannte es am Brocken entlang der Trasse der Schmalspureisenbahn eine Woche lang. Hunderte Einsatzkräfte kämpften gegen die Flammen, mehrere Hubschrauber und aus Italien geschickte Löschflugzeuge waren im Einsatz.

Der Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt und die ihm unterstellte Einsatzleitung der Feuerwehr hatten berichtet, dass eine rund 160 Hektar große Fläche von dem Feuer betroffen sei. Am vergangenen Freitag meldete sich die Nationalparkverwaltung: Eine Befliegung des Schadensgebietes mit einer Drohne und anschließender Auswertung der Luftbilder habe ein Areal von »maximal zwölf Hektar« ergeben.

Bereits nach dem am 11. August nahe Schierke (Landkreis Harz) ausgebrochenen ersten Großbrand hatte die Nationalparkverwaltung die offiziellen Angaben aus Sachsen-Anhalt deutlich nach unten korrigiert. War amtlicherseits zunächst von bis zu 37 Hektar betroffener Fläche die Rede, kam die Parkverwaltung nach Messungen aus der Luft später auf 3,6 Hektar, also gerade einmal auf ein Zehntel der Fläche.

Während einer Einsatzlage sei durch die Rettungskräfte verständlicherweise nur eine grob überschlägige Schätzung möglich, sagte Nationalparkleiter Roland Pietsch laut der Mitteilung. Umso wichtiger sei es, »transparent, offen und faktenbasiert über die abschließend betroffene Fläche zu informieren«. Der Satz impliziert den Vorwurf an den Harzer Landrat Thomas Balcerowski (CDU), dass genau das nicht geschehen ist.

Eine zwanzig Minuten vorher versandte, weitaus schärfer formulierte Pressemitteilung hatte der Nationalpark kurzfristig zurückgerufen. Darin hatte Pietsch mit Blick auf die zu hohen offiziellen Zahlen von einer Irreführung der Öffentlichkeit gesprochen. Eine solche wiederholte, weit über den Faktor 10 hinausgehende Fehleinschätzung lasse offene Fragen zurück.

Hintergrund der weit auseinanderklaffenden Angaben ist ein Streit um die forstlichen Konzepte im Nationalpark Harz. In den Kernzonen des Schutzgebietes lassen die Nationalpark-Ranger seit einigen Jahren umgeworfene Bäume und abgebrochene Äste liegen. Aus dem sogenannten Totholz soll sich langfristig eine Art Urwald entwickeln, gegenwärtig bietet es zahlreichen Tieren Nahrung und Unterschlupf. Je nach Holzart und Stand des Verfallsprozesses seien etwa 600 Pilzarten und 1350 Käferarten an der vollständigen Mineralisierung eines Stammes beteiligt, sagen Nationalparkexperten. Ihnen fehle die Lebensgrundlage, wenn das Holz entfernt werde. Wer genau hinschaue, könne selbst im scheinbar toten Wald überall Leben entdecken. »Nutzen Sie die seltene Gelegenheit, einer neuen Wildnis beim Wachsen zuzuschauen«, appelliert die Nationalparkverwaltung an die Touristen. Eine wirtschaftliche Nutzung in den Kernzonen des Parks ist ausgeschlossen.

Dem Landkreis Harz und der Landesregierung in Magdeburg ist dieses Vorgehen schon länger ein Dorn im Auge. Sie bezeichnen das Totholz als »Brandbeschleuniger«. Sachsen-Anhalts Forstminister Sven Schulze (CDU) nennt das liegengelassene Holz eine »Riesengefahr« und äußert Zweifel am bestehenden Modell eines gemeinsamen Nationalparks mit Niedersachsen. Wenn man keine gemeinsamen Lösungen finde, müsse man den Nationalpark Harz grundsätzlich infrage stellen.

Nationalparkverwaltung und Umweltverbände widersprechen dieser Bewertung scharf. »Totholz beschattet, hält den Wind ab und so die Feuchtigkeit im Boden, es schützt gegen Spätfröste und Wildverbiss«, sagt Pietsch. »Am Ende beschleunigt und sichert es den Wandel hin zu einem klimastabilen Mischwald.« Und Holger Buschmann, Landeschef des Naturschutzbundes Nabu in Niedersachsen, ergänzt: »Totholz ist kein Brandbeschleuniger, sondern ein wichtiger Bestandteil im Ökosystem Wald. Es bewahrt den Waldboden und die Krautschicht vor schnellem Austrocken und wirkt so als natürlicher Schutz vor Waldbränden.«

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