Das Gedächtnis der Bäume

Der Verleger Michael Krüger ermöglichte Bücher, die sonst nicht erschienen wären. Die Dokumentation »Verabredungen mit einem Dichter« porträtiert ihn

Kein Herr der Bücher, sondern ihr Diener: Der Verleger Michael Krüger
Kein Herr der Bücher, sondern ihr Diener: Der Verleger Michael Krüger

Der Mensch, sagt Michael Krüger, sei ein »zögerndes Wesen«. Das erklärt einer, der jahrzehntelang eine Doppelexistenz führte. Die offizielle eines Lektors, Verlegers und Akademiepräsidenten und die inoffizielle eines Autors. Noch dazu die eines Lyrikers von hohem Rang. Der routinierte Macher im Tagesgeschäft flieht des Abends zu den Worten, auf die man lange warten muss, weil sie sich dem schnellen Zugriff der tagesaktuellen Verfügbarkeit entziehen?

Nicht ganz, denn Michael Krüger agierte nie als gespaltenes Wesen. Wer je mit ihm als Verleger zu tun hatte, kennt den Atem seiner Worte, jenen ganz eigenen Rhythmus von Leben und Sprechen, in dem er bis heute existiert. Er ist das, was man mit dem antiquierten Wort Intellektueller bezeichnet – nur dass es, so wie es bei Krüger erscheint, gar nicht antiquiert ist. Hier folgt einer sowohl dem Eros der Worte als auch ihrer aufklärerischen Kraft. Der Wortkünstler ist immer auch ein Wortarbeiter.

Frank Wierke hat sich für seinen schönen, weil im Gestus sehr zurückgenommenen Film »Verabredungen mit einem Dichter« von 2013 bis 2020 mehrfach mit Michael Krüger getroffen. Am Anfang begegnet er ihm gerade am Ende seiner Verlegerlaufbahn im Hanser Verlag. Nach 45 Jahren nun Aufräumen und den Platz für einen anderen freimachen – wo man ihn doch selbst besser als jeder andere ausfüllt? Die Verabschiedung, die fast schon einem Rauswurf durch die Besitzerfamilie gleichkam, hat Krüger damals schwer gekränkt – er spricht nicht vor der Kamera davon, aber sein Schweigen ist beredt. Ist man so einfach ersetzbar? Jederzeit, so der Betrieb, dessen Abläufe davon kaum tangiert werden. Niemals, so wissen die Autoren.

Michael Krüger war nach dem Tod von Siegfried Unseld der zweifellos bedeutendste Verleger dieses Landes. Ein Platz, der nun vakant ist. Kein Herr der Bücher, sondern ihr Diener. Er nahm, ohne zu zögern, Autoren ins Programm, deren Texte ihn überzeugten und die dann oft für viele Jahre einen Platz am Rande einnahmen, sich kaum verkauften. Und dann bekamen sie plötzlich den Literaturnobelpreis. Kein Verlag hierzulande versammelte so viele Nobelpreisträger wie Hanser. Vielleicht auch, weil Krüger nicht prominente Autoren suchte, um sie zu verkaufen, sondern er entdeckte sie selbst, baute sie auf eine langsame und geduldige Weise auf, ohne auf die Verkaufszahlen zu schauen. Er ermöglichte Bücher, die sonst nicht erschienen wären. Das passt nicht in die heutige Logik des schnellen Erfolgs für eine Saison.

Zögern ja, aber vielleicht machte dieses Zögern eben auch schnelle Entscheidungen erst möglich. Denn im Zögern bereitet sich etwas vor. Bei Krüger kommt es aus dem Wissen um das Zufällige wie das Notwendige der Worte, mit denen man einerseits Verträge aufsetzen und andererseits Gedichte schreiben kann. Zufällig ist das Äußere, notwendig das Innere. Darum wohnt jedem guten Text ein Zögern inne. Es macht den Atem der Texte aus, ihren Rhythmus, ihren Geist: »Es braucht hoffnungslos lange, bis man so ungefähr weiß, wer man ist.«

Die persönliche Zuwendung zu jedem seiner Autoren war gewiss kräftezehrend. Immer schrieb er persönlich und handschriftlich an sie, oft waren es nur kleine Karten, auf denen er etwa eine neue Auflage feierte. Ich glaube, dass solcherart selbst erwiesene Zuwendung für ihn auch Kraftquell war, lange Tage im Verlag durchzustehen. Er liebt nun mal die Bücher und die Menschen, die sie schreiben.

Hanser liegt fast schon wieder ein Jahrzehnt hinter ihm. Krüger selbst war immer Autor bei der Konkurrenz, bei Suhrkamp. Aber um neue Bücher, an denen es nicht fehlt, geht es Frank Wierke in seinem Porträt dieses Buchmenschen nicht. Er zeigt die Hintergründe des Lesens und Schreibens bei Krüger: die Natur! Da kennt jemand die Bäume, die Vögel und Pflanzen genau, über die er schreibt. Denn er beobachtet sie. 1943 bei Zeitz geboren, wuchs Krüger die ersten Jahre bei seinen Großeltern auf. Mit dem Großvater ging er immer wieder durch den Wald, lernte dort sehen und hören. Ist ein Baum mehr als ein Buch? Schwer zu sagen, aber ohne Bäume zu kennen und zu lieben, wäre Krüger wohl nie zum Dichter geworden. Welch ein Kraftwerk ist doch so ein Baum, der von den Wurzeln bis zu den Blattspitzen durchorganisiert ist! Ein Akkordarbeiter, der über sich hinauswächst: »Wenn die Menschen vergesslich sind, der Baum ist es nicht.«

Aber bis er ein erfolgreicher Autor und Verlagsleiter wurde, dauerte es. Er studierte nur gastweise und kurz in Berlin Philosophie, lernte lieber Verlagsbuchhändler und arbeitete als Buchhändler in London, bis er 1968 zum Hanser-Verlag nach München ging, den er prägen sollte.

Nach Hanser kam die Bayerische Akademie der Schönen Künste und machte ihn zu ihrem Präsidenten: wieder fortgesetzte Fron an der Institution, wieder repräsentieren. Krüger ist ein Auftrittsmensch, aber eher wider Willen: »Ach Gott, ich muss immer dumme Reden halten!« Nein, dumm sind sie keineswegs, aber eben auch nicht zum dichterischen Kerngeschäft gehörend. Was wäre dieses? Zuerst einmal Stille und Alleinsein, um auf die leisen Dinge zu hören. Denn es gilt: »Gedichte sind misstrauisch, sie behalten für sich, was gesagt werden muss.« Wie entstehen überhaupt Gedichte? »Wenn man es wüsste, würden keine mehr entstehen.« Das Wesen der Worte, weiß der Dichter, ist paradox.

Endlich Zuflucht am See, im Holzhaus mit Garten. Aber dann kommt die Krankheit, die er bislang nie kannte, mit ganzer Wucht: eine Leukämie. Ende 2019 gibt er alle offiziellen Ämter auf, der Terminplan, bis eben übervoll mit Auftritten, leert sich schlagartig. Noch einmal trifft Wierke Anfang 2020 den Dichter, der versucht, der Krankheit poetische Funken abzulisten, trotz aller Schwäche. Zeit ist Frist, das hat er immer gewusst. Die Corona-Pandemie sperrt ihn in sein Gartenhaus ein: »Wenn man eine schwere Krankheit hat, fängt man an zu horchen – etwas sitzt in einem und drängt einen aus sich heraus.« Der Tod? Mit gut gewählten Worten lässt er sich vielleicht noch eine Weile bannen, mit jenen Zaubersprüchen, die Gedichte doch im Grunde immer sind.

Den Filmstart von »Verabredungen mit einem Dichter« begleitet Michael Krüger natürlich persönlich, ist anwesend, tritt auf, ärgert sich über verlorene Schreibzeit – Dichternormalität im Ausnahmezustand, alles wie gehabt.

»Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger«: Deutschland 2022. Regie: Frank Wierke. 91 Minuten, Start: 22. September.

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