Kein Bock auf die WM in Katar

Viele Fußballfans werden das Turnier in der Wüste ignorieren. Unser Kolumnist Christoph Ruf ist einer von ihnen

Stefanie Drese (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern hat vergangene Woche ein paar bemerkenswerte Sätze zur anstehenden Fußball-WM in Katar gesagt. »Die Menschenrechtssituation, die Ausbeutung der Arbeiter mit vielen Toten bei den Stadionbauten, die klimatisierten Stadien, die Einschränkungen für Fans: Wohl noch nie in der Geschichte hat sich der Weltfußball so weit von der Basis des Fußballsports und von Bürgerrechten entfernt«, so die mir bis dato unbekannte Sportministerin. Die »Ostsee-Zeitung« hat das zum Anlass genommen, in der Rostocker Kneipenlandschaft herumzufragen, wer denn im kommenden Winter auf public-viewing und Fanbespaßung setze? Resultat: Fast die komplette Kneipenlandschaft wird die WM ignorieren, man habe weder Lust auf das Turnier, noch den Eindruck, dass die Stammgäste die hätten. Tags drauf freute ich mich erneut, als ich eine Pressemeldung der TSG Hoffenheim las, mit der der Bundesligist ankündigte, dass er auf jede Art der Berichterstattung aus Katar verzichten wird: »Es bedarf der klaren Einordnung, der Bewertung von Begleitumständen und der Kommentierung aktueller Entwicklungen. Eine rein sportliche, einzig Tore und Leistungen feiernde Darstellung ohne den Blick auf den Rahmen, in dem dieses so genannte Fußball-Fest durchgezogen wird, verbietet sich aus unserer Sicht.«

Man darf hoffen, dass die meisten anderen Vereine diesem Beispiel folgen, wie man auch hoffen darf, dass die Kneipen in Magdeburg, Duisburg oder Bamberg nicht anders handeln werden als die in Rostock. Es zeichnet sich also schon jetzt ab, dass es im Spätherbst nicht nur die üblichen Verdächtigen sein werden, die dieses Turnier mit Ver- und Missachtung strafen werden, sondern dass Katar 2022 zur gerechten Strafe für all die wird, die es beschlossen haben.

Das, was die TSG-Medienleute über die Berichterstattung geschrieben haben, gilt im Übrigen für alle Facetten der WM-Rezeption, auch fürs banale Zuschauen. Es ist nämlich einfach nicht möglich, ein WM-Spiel zu schauen »ohne einen Blick auf den Rahmen« zu werfen. Katar 2022 kann man nur ignorieren, mitsamt allen Ritualen, die sonst so zu einer EM und WM gehören. Zu gerne würde man denjenigen Fußballfans (und wer hätte die nicht auch die in seinem Bekanntenkreis?), die sich »leider, leider« dennoch mit Bierkiste, Chips und »schlechtem Gewissen« zum WM-Gucken verabreden, zurufen, dass das schon okay ist. Weil sie ja nichts dafür können, das Kind eh in den Brunnen und der Arbeitsmigrant vom Gerüst gefallen ist. Aber Menschen, die freudig mit 250 an einem tödlichen Unfall vorbeifahren, sind halt auch nicht sehr sympathisch. Noch ärgerlicher als das Gerede der Brot- und Spiele-Fußballsüchtigen ist aber die Argumentation einiger weniger sich alternativ dünkender Fußballfans, die die Kritik an Katar »eurozentristisch« und »kulturimperialistisch« finden. Als ob Menschenrechte so relativ wären wie Essgewohnheiten oder Musik-Folklore. Und als ob es egal wäre, ob in einem Land ein religiöser Wahn die Paragraphen prägt, der keine Aufklärung gekannt hat. Oder ein rechtsstaatliches System, das oft genug pure Makulatur sein mag, aber in seinen schlimmeren Ausprägungen dann doch zu deutlich weniger tödlichen Exzessen führt als die Arbeitsbedingungen in einem Land, dessen Bevölkerung zu 90 Prozent aus Arbeitssklaven besteht.

Überhaupt ist es Zeit, anlässlich der WM über Menschenrechte zu sprechen. Leute, die sich diese WM trotzdem anschauen, können das aber auch sein lassen. Wie auch Fußballverbände keine Tagungen über Menschenrechtsfragen organisieren müssen, wenn sie im November ihre Auswahl dennoch nach Katar schicken. Der DFB hat am Montag einen Kongress zu »Menschenrechten und Katar« veranstaltet, dem auch »kritische« Fanvertreter durch ihre Teilnahme höhere Weihen verliehen haben. Am Freitag fand dann das Länderspiel gegen Ungarn statt – als weiterer Test vor der WM. Wenn jemand weiß, wie es ausgegangen ist, möge er es bitte für sich behalten.

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