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  • Fußball-WM in Katar

Der DFB zwischen Vorfreude und Zweifel

Eine WM ist der Höhepunkt für jeden Fußballer, wäre da nicht die vielfältige Kritik am Gastgeber Katar

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Kritik an Katar und dem DFB ist vielfältig: Den "Aktionsspieltag Klimaschutz" des Verbandes in der ersten Pokalrunde konnten die wenigsten Fans ernst nehmen.
Die Kritik an Katar und dem DFB ist vielfältig: Den "Aktionsspieltag Klimaschutz" des Verbandes in der ersten Pokalrunde konnten die wenigsten Fans ernst nehmen.

Es sind nur noch kurze Wege, die die deutsche Nationalmannschaft vor einem Länderspiel zurücklegen muss. Vom Kempinski Hotel in Gravenbruch im Süden Frankfurts ist es nur eine Viertelstunde Busfahrt bis zum Campus des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Stadtteil Niederrad, wo neuerdings alle Trainingseinheiten und Pressekonferenzen stattfinden. Nun steht die Nations League an: Am kommenden Freitag geht es in Leipzig gegen die Ungarn, drei Tage später in London gegen England. Am Dienstag gestattete Bundestrainer Hansi Flick, dass 150 Verbandsmitarbeiter und 50 Medienvertreter die Vormittagseinheit sehen durften. Anderthalb intensive Übungsstunden vor der Frankfurter Skyline, die schon mal einen Vorgeschmack auf die Wolkenkratzer-Kulisse in Doha bot, wenn am 20. November vor solchen Silhouetten die höchst umstrittene Weltmeisterschaft in Katar startet.

Zwei Monate vor Turnierstart hat Hansi Flick dem Gastgeber im Grunde die Legitimation für die Ausrichtung abgesprochen. Die Frage nach der Richtigkeit des WM-Zuschlags für das Wüsten-Emirat »hätte schon viel früher beantwortet werden müssen – und zwar mit einem Nein!«, sagte der 57-Jährige der »Süddeutschen Zeitung«. »Dass in Katar beim Thema Menschenrechte, beim Thema Nachhaltigkeit vieles nicht stimmt, ist ja offensichtlich.«

Gleichwohl sieht der prominenteste DFB-Angestellte seine Zuständigkeit »in erster Linie beim Sport, beim Fußball«. Für Trainer und Spieler sei die WM immer das größte Event, »bei dem entsprechender Erfolg verlangt wird.« Erst recht nach dem Reinfall bei der WM 2018 unter Vorgänger Joachim Löw. Und so ist gerade das Spannungsfeld zu spüren, wenn die DFB-Auswahl am 14. November erst für einen Vier-Tages-Trip in den Oman und dann weiter nach Katar reist. Führungsspieler Joshua Kimmich beschrieb anschaulich den Zwiespalt, in dem alle stecken: Einerseits verspüre er auf die WM »extreme Lust«, andererseits werde »zu Recht viel darüber diskutiert«.

Was die Menschenrechtslage und Arbeitsbedingungen angeht, sagte Kimmich: »Das wusste man vor der Vergabe. Am Ende des Tages wird ein Boykott von den Spielern gefordert, aber da sind wir zwölf Jahre zu spät dran.« Der Münchner Mittelfeldspieler erzählte von den Erfahrungen, die der Geher Jonathan Hilbert von der Leichtathletik-WM 2019 in Doha gerade den Fußball-Nationalspielern übermittelt habe. »Dass es gewisse Tabuthemen gab, über die er nicht sprechen durfte – das ist als Sportler schon krass.« Es werde ein Spagat: »Auf der einen Seite freut man sich auf das Riesenevent, auf der anderen Seite gibt es diese Missstände, die wir auch immer wieder ansprechen.«

So auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der bei einer für den Oktober angesetzten Katar-Reise mit Innenministerin Nancy Faeser (SPD) die WM-Organisatoren daran erinnern will, dass endlich ein »Working center« als Anlaufstelle für Arbeitsmigranten und ein Fonds für diejenigen eingerichtet werde, die beim Bau von WM-Stadien ums Leben kamen oder verletzt wurden. Solche Entschädigungsleistungen seien im Menschenrechtskatalog der Fifa geregelt, der Weltverband sollte tunlichst seine »eigenen Grundsätze ernst nehmen«. Die internationale Gewerkschaft Bau- und Holzarbeiter (BHI) forderte bereits konkret die Summe von 440 Millionen US-Dollar. »Weder bei der Fifa noch bei Katar fehlt es an Geld. Wir vermissen den Willen, das auf den Weg zu bringen«, kritisierte am Montag Markus Beeko, Generalsekretär Amnesty International Deutschland, auf dem vom DFB ausgerichteten Kongress »Sport und Menschenrechte«.

Eine Gegenposition nahm der eingeladene katarische Botschafter Abdulla Bin Mohammed bin Saud Al-Thani ein. »Wir sind nicht perfekt. Es braucht noch Zeit«, sagte der Scheich. »Es ist eine Reise – und diese Reise hört mit der WM nicht auf.« Ihn stört, dass eine vergleichbare Debatte in dieser Vehemenz vor der WM in Russland nicht geführt worden sei. Zudem solle man mit den Menschen vor Ort sprechen – die hätten auch Positives zu erzählen, weil einige Verbesserungen bereits auf den Weg gebracht seien.

Da pflichtete ihm BHI-Vizepräsident Dietmar Schäfers sogar bei: »Vor dem Hintergrund des autokratischen politischen Systems und der Kultur vollbringen die Kataris Riesenreformschritte.« Auf den WM-Baustellen schufteten 40 000 bis 45 000 Menschen, die aber nur zwei Prozent der Wanderarbeiter in Katar ausmachen würden. »Außerhalb der WM-Baustellen läuft die Umsetzung der Reformen nur sehr schleppend«, sagte Schäfers – und zeichnete ein düsteres Zukunftsbild. Bei der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko bestehe das Problem darin, dass neben fehlenden Arbeitnehmerrechten in Mexiko auch Gewalt und Korruption an der Tagesordnung sind. Zudem wolle sich Saudi Arabien wohl um die WM 2030 bewerben.

Es wäre ein weiteres Turnier, bei dem LGBTQIA-Gruppen alles andere als mit offenen Armen empfangen werden. Dario Minden von der bundesweiten Fanvereinigung »Unsere Kurve« wandte sich direkt an den katarischen Botschafter, als sich der Anhänger von Eintracht Frankfurt als homosexuell outete. »Wenn Sie das nicht akzeptieren, bleiben Sie aus dem Fußball raus! Fußball ist für jeden«, verlangte Minden und stellte von Angesicht zu Angesicht klar, dass es nicht das Problem sei, »dass eine WM in ein Land kommt, das keine Fußball-Kultur hat«. Das Problem sei die blutige Ausbeutung und zur Verhandlungsmasse verkommene Menschenrechte – »nur weil der Gegenüber genug Geld hat.«

Katar habe »schamlos« eine WM gekauft und »damit nichts anderes gemacht, als Deutschland vor 20 Jahren« getan habe. Aus seiner Sicht ist in Bezug auf den DFB nicht nachvollziehbar, »warum niemals ein Boykott ernsthaft erwogen wurde«. Der Fanvertreter pocht darauf, bei künftigen Turniervergaben auf gewisse Mindeststandards zu achten – und diesmal auf jegliche WM-Gewinne zu verzichten. Niemand dürfe sich an einem solchen Turnier bereichern, »jeder Euro gehört in einen Fonds für Entrechtete«.

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