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Kultur der Erniedrigung

Mitarbeitende des Internationalen Literaturfestivals Berlin werfen dem Leiter Machtmissbrauch vor

Ulrich Schreiber musste in letzter Zeit viel Kritik einstecken. Mitarbeitende des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ILB) warfen dem Leiter unter anderem vor, dass unter ihm ein belastendes Arbeitsklima herrsche und er seine Machtposition ausnutze. Darüber hatte erstmals die Taz berichtet – als das renommierte Festival in Berlin noch in vollem Gange war.

Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und der Träger, die Peter-Weiss-Stiftung, erhielten ein Dossier der Mitarbeitenden per Mail. Darin kritisieren sie Schreibers Führungsstil. Unter anderem ist von Wutausbrüchen und Kündigungsdrohungen die Rede. Unterschrieben haben laut einer Person aus dem Mitarbeitendenkreis alle Festangestellten – bis auf eine Ausnahme.

Das Dossier, das »nd« vorliegt, hatten die Mitarbeitenden bereits im April verfasst. Die Fluktuation im Team sei enorm hoch, entweder kündige der Leiter des Literaturfestivals den Kolleg*innen oder sie seien wegen der hohen Arbeitsbelastung gegangen. »Wir halten das nicht mehr aus«, sagt eine mitarbeitende Person, die anonym bleiben möchte. Zuerst habe man an Schreibers Gewissen appelliert und ihm das Dossier in einer Teamsitzung vorgetragen. Manche Dinge habe er zugegeben, andere nicht.

Und was sagt Ulrich Schreiber selbst dazu? Die Vorwürfe zur hohen Fluktuation entsprechen ihm zufolge nicht den Tatsachen. Die Person, die beispielsweise das Dossier vorgetragen hatte, sei seit zehn Jahren beim ILB beschäftigt. Die »Taz« berichtete zudem, dass »Wutausbrüche und Kündigungsandrohungen an der Tagesordnung stehen«. »Das stimmt so nicht, das sind Unwahrheiten«, sagt Schreiber. Er habe in der Vergangenheit das eine oder andere Mal seine Stimme gegenüber Angestellten erhoben, aber von täglichen Wutausbrüchen könne keine Rede sein.

Die Person aus dem Mitarbeitendenkreis wiederum erzählt, dass der Leiter mehrfach Leute zum Weinen gebracht hätte. Er soll auch gesagt haben, dass Schreien Interpretationssache sei. Aus dem Dossier geht zudem hervor, dass Mitarbeitende des ILB wegen zu hohem Arbeitsdruck nicht nur an psychischen, sondern auch physischen Folgen, etwa Herzrhythmusstörung, leiden. »Schreiber nutzt seine Machtposition aus und demonstriert sie ständig«, sagt die Person weiter. »Es ist so erniedrigend.«

Der Leiter und Gründer des Internationalen Literaturfestivals Berlin selbst bezog kürzlich in einem Interview mit der »Berliner Zeitung« Stellung zu den Vorwürfen. Darin gibt er unter anderem zu, dass er damals nicht mit den Mitarbeitenden über das vorgetragene Dossier diskutiert hatte. »Das war ein Fehler«, räumt er gegenüber »nd« ein. Das sei seine erste Reaktion gewesen, weil die Vorwürfe zum Teil nicht stimmten, sagt Schreiber.

Inzwischen habe er seinen Fehler korrigiert und daher auch dem Vorschlag der Mitarbeitenden zu einer Mediation zugestimmt. Die soll einen Änderungsprozess anstoßen und die Arbeitskultur verbessern, so Schreibers Hoffnung. Erste Gespräche dazu gab es bereits im August. Dem Leiter zufolge findet Mitte Oktober ein Gruppengespräch statt. Daneben ging es in einer Teamsitzung am Dienstag um strukturelle Veränderungen.

Eine Person aus dem Mitarbeitendenkreis schildert die Geschichte etwas anders: »Schreiber hat die Mediation geradezu als Legitimation genutzt, um sein unangemessenes Verhalten fortzuführen, anstatt daran etwas zu ändern.« Er soll sich über die Mediation vor Kolleg*innen lustig gemacht und damit gezeigt haben, dass er die Problematik nicht als solche anerkennt. »Um etwas zu ändern, muss man sich Fehler eingestehen«, sagt die Person weiter. Das tue Schreiber nicht in ausreichendem Maße.

Der Kreis der Mitarbeitenden wünscht sich auch politische Reaktionen. Dazu gab es bereits Gespräche mit dem Hauptstadtkulturfonds, dem Hauptförderer des Festivals, und der Senatskulturverwaltung. Diese hatte zusammen mit dem Bundeskulturministerium auf Arbeits- und Leitungsebene »unverzüglich Gespräche mit allen Beteiligten geführt«, teilte die Senatskulturverwaltung auf Anfrage mit. Demzufolge stehen nun Gespräche darüber an, um die Strukturen und Abläufe des Internationalen Literaturfestivals Berlin neu zu organisieren, »dass diese auch in Zeiten größter Betriebsamkeit nicht zu extremen Arbeitsbelastungen führen«.

Dem Personal allerdings geht das nicht weit genug. »Alle berufen sich auf diesen Mediationsprozess«, sagt die Person aus dem Mitarbeitendenkreis, »aber es fehlen nach wie vor konkrete Maßnahmen, um das Team zu schützen.«

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