Das Schicksal der Menschen im Iran ist das unsere

Wer glaubt, dass die Kämpfe von Menschen im Iran und Deutschland nichts miteinander zu tun hätten, der irrt sich, findet Sibel Schick.

Zhina Amini aus der kurdischen Stadt Saqez im Iran war mit ihrer Familie auf dem Weg nach Teheran, um dort Verwandte zu besuchen. Doch die Sittenpolizei fand die Art, wie ihr Hijab saß, nicht ordnungsgemäß. Zhina wurde verhaftet und starb kurze Zeit später. Sie wurde zum Opfer eines misogynen Systems. Alles, was ihren Tod betrifft, deutet auf die Misshandlung der Sittenpolizei hin.

Die offizielle Begründung zu Zhinas Tod lautet zwar »Herzversagen durch Vorerkrankungen«. Allerdings teilte ihr Vater der BBC Farsi mit, dass sie keine Vorerkrankungen hatte. Als der Vater den Obduktionsbericht sehen wollte, soll ihm der Arzt mitgeteilt haben, dass er darauf schreiben könne, was er wolle und dass es den Vater nichts angehe. Ein System, in dem Menschen vollständig auf Willkür und Gnade anderer angewiesen sind, begünstigt Machtmissbrauch und Gewalt auf allen Ebenen.

Seit über einer Woche demonstrieren Frauen und Verbündete auf den Straßen Irans. Die Demonstrationen begannen zwar als Reaktion auf Zhinas Tötung mit der Forderung für ein Ende des Hijab-Zwangs. Doch den Menschen vor Ort wurde schnell klar, dass sie zusammen stärker und ihre Schicksale miteinander verbunden sind. Immer mehr Menschen schlossen sich den Demonstrationen an. Das Feuer der Wut aus den kurdischen Städten Irans verbreitete sich fast im gesamten Land. Im Iran ist die kurdische Minderheit Unterdrückung und Diskriminierungen ausgesetzt, sie ist von Assimilierung und Verfolgung betroffen.

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Menschen, die vereint für ihre Rechte kämpfen, sind gefährlich für Tyrannen – das weiß auch das Mullah-Regime. Dementsprechend geht es mit ihnen um: Unterschiedlichen Quellen zufolge wurden seit Beginn der Demonstrationen über 50 Menschen getötet und über 1200 Demonstrierende verhaftet. Diese sollen vor einem Sondergericht verurteilt werden. »Die Justizbeamten sollen mit ihnen genauso wie mit Vergewaltigern und Schwerverbrechern umgehen«, sagte der Teheraner Justizchef Ali Alghassimehr laut Nachrichtenagentur Tasnim. Als wären Proteste mit einer Vergewaltigung vergleichbar oder es überhaupt ein Verbrechen, sich für Rechte und Freiheiten einzusetzen! Die Bestrafungen sollen neben der Strafe auch eine symbolische Wirkung haben.

Die Proteste im Iran sind feministischen Ursprungs und die Solidarität ist intersektional. Genauso muss internationale Solidarität aussehen. Vergangenen Dienstag auf einer Gerichtsverhandlung des Kobane-Prozesses in der türkischen Hauptstadt Ankara wies die beschuldigte Politikerin Ayla Akat Ata auf diesen Zusammenhang hin: »Wir grüßen die Frauen im Iran, die ihre Haare abschneiden und ihre Hijabs verbrennen. Auch wir werden von der totalitären Führung symbolisch angegriffen. (…) Ich bin eine kurdische Frau auf der Suche nach einem demokratischen System. Diese Gerichtsverhandlung ist für mich politisch.«

Die feministische Solidarität mit den Menschen im Iran darf nicht wie eine Art Entwicklungshilfe verstanden werden – ihr Schicksal ist das unsere. Wer gegen die Sittenpolizei im Iran ist, kann keine Sittenpolizei für Deutschland fordern, sobald es beispielsweise darum geht, Sexarbeitende zu entmündigen. Mehr Unterdrückung durch die Polizei gegen Menschen, die nach unserem Weltbild moralisch falsch agierten, ist nämlich de facto Sittenpolizei.

Wer also für die Selbstbestimmung iranischer Frauen ist, muss einsehen, dass es auch trans Iraner*innen gibt – im Iran und in Deutschland, deren Selbstbestimmung genauso existenziell ist und geschützt werden muss, beispielsweise durch das Selbstbestimmungsgesetz. Man erinnere sich: Vor etwa einem Jahr zündete sich die aus dem Iran geflüchtete trans Frau Ella an und starb. Ella war Opfer der transfeindlichen Gesellschaft in der Bundesrepublik. Genauso wie der auf dem CSD getötete Malte C. Beide wären sicherlich mit den kämpfenden Frauen im Iran solidarisch.

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