Richtung Frauenrevolution

Die Proteste im Iran richten sich auch gegen das Kopftuch als Identitätsfaktor der Islamischen Republik

Wie hier in der Hauptstadt Teheran ist der gesamte Iran in Aufruhr: Frauen verbrennen ihre Kopftücher und die Demonstrant*innen stecken Müllcontainer in Brand, um gegen die Islamische Republik zu protestieren.
Wie hier in der Hauptstadt Teheran ist der gesamte Iran in Aufruhr: Frauen verbrennen ihre Kopftücher und die Demonstrant*innen stecken Müllcontainer in Brand, um gegen die Islamische Republik zu protestieren.

Im Iran wächst die neue Protestwelle trotz des harten Vorgehens des Staates. Der Tod der 22-jährigen Kurdin Mahsa Amini hat Empörung in weiten Teilen der Bevölkerung ausgelöst. Bei den größten Protesten seit fast drei Jahren sind nach Angaben im iranischen Staatsfernsehen 26 Menschen getötet worden, berichtet der TV-Kanal Al-Jazeera. Die Organisation Iran Human Rights (IHR) mit Sitz in Oslo sprach am Donnerstag von mindestens 31 toten Zivilisten durch das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Proteste seit dem Tod Aminis. Die Behörden schränkten den Zugang zum Internet weiter ein und blockierten die Onlinenetzwerke Whatsapp und Instagram.

Mahsa Amini, die für sich selber den kurdischen Namen Jina gewählt hatte, wollte Ende September ihr Master-Studium beginnen. Einige Wochen davor reiste sie mit der Familie nach Teheran. Am 13. September hat die sogenannte Sittenpolizei sie an einer U-Bahn-Station festgenommen, angeblich wegen ihrer »nicht vorschriftsgemäßen Bekleidung«. Nur zwei Stunden nach der Verhaftung wurde sie ins Krankenhaus gebracht und fiel ins Koma. Die offizielle Version des Staates lautet: Sie habe infolge ihrer Vorerkrankungen einen Herzinfarkt erlitten. Die Familie bestreitet jedoch jegliche Vorerkrankungen. Jina starb am 16. September. Röntgenaufnahmen, die der Fernsehsender Iran International veröffentlicht hat, weisen auf Knochenbrüche, Blutungen und ein Hirnödem hin. Auch die Frauen, die gemeinsam mit Jina in demselben Polizeiwagen festgehalten wurden, bestätigen die Misshandlung durch die Beamten. Jina soll auf den Kopf geschlagen worden sein, sagt die Familie.

Inzwischen werden die Worte, die auf ihrem Grabstein stehen, auf den Straßen gerufen: »Jina! Du stirbst nicht, dein Name ist ein Symbol« – und dient als Kennwort für die Mobilisierung. Die ersten Proteste fanden bei der Bestattung Jinas in ihrer kurdischen Heimatstadt Saqqez statt. Die Bevölkerung forderte nicht nur die Aufklärung ihres Todes, sondern auch die Abschaffung des Zwang-Hijabs. Viele kurdische Frauen protestierten ohne Kopftuch; schnell erreichten die Proteste andere Städte. In Teheran versammelten sich Tausende Frauen und Männer auf Aufruf von Frauenrechtaktivistinnen am 17. September ausgerechnet auf der Hijab-Straße im Zentrum der Stadt. Video- und Fotoaufnahmen zeigen Frauen, die ihre Kopftücher abgelegt haben. Eine von ihnen war Shima*: »Fast keine Frau hat das Kopftuch aufbehalten«, sagt sie in einem Gespräch über den Kurznachrichtendienst Telegram. Aber auch Shima weiß, dass es um viel mehr geht: »Die ersten Parolen richteten sich gegen Jinas Tod und die Bekleidungsvorschriften, aber es radikalisierte sich, sobald die Sicherheitskräfte zugegriffen haben. Dann hat man «Tod der Diktatur« und «Tod Khamenei« gerufen.«

Shima kehrt um Mitternacht erschöpft – und verprügelt – nach Hause zurück, aber sie ist stolz: »Ja, sie haben mich geschlagen und sogar festgenommen. Wenn die Anderen mich nicht befreit hätten, wäre ich jetzt in Haft. Aber wir haben zurückgeschlagen. Die Steine, die ich geworfen habe, haben einen Polizisten getroffen.« Der Mut, den Shima unter den Protestierenden beobachtet hat, wird durch Videos von den Protesten bestätigt. In zahlreichen Szenen ist zu sehen, dass die Demonstrant*innen die Sicherheitskräfte verjagen und sogar verprügeln. Das hat auch Paria* beobachtet, eine Aktivistin in der Großstadt Rascht am Kaspischen Meer: »Ich war überrascht, dass wir uns getraut haben, meist ohne Kopftuch zu protestieren.« Sie war auch überrascht, dass viele sehr junge Männer sich dem Protest angeschlossen und die feministischen Parolen wiederholt hätten. Paria muss aber zugestehen, dass es vielen nicht unbedingt um Frauenrechte oder Selbstbestimmung für Frauen gehe. »Es waren sehr junge Männer dabei. Die protestieren gegen die Perspektivlosigkeit und die wirtschaftliche Misere.«

An den Folgetagen weiteten sich die Proteste auf unterschiedliche Landesteile aus: In Täbris, der größten Stadt der iranischen Region Aserbaidschan, die bei vorigen Protestwellen eher ruhig geblieben ist, habe es heftige Auseinandersetzungen zwischen Demonstrant*innen und Sicherheitsbeamten gegeben, berichtet Sara*, eine ehemalige politische Gefangene, die auch diesmal mitmacht. »Das Stadtzentrum war die Hölle der Sicherheitskräfte. Die Demos wurden von Frauen geleitet«, erzählt sie am Donnerstag. Saras Verbindung ist schlecht, denn seit Mittwochabend schränkt der Staat das Internet an verschiedenen Orten ein. Die Online-Plattform NetBlocks, die die Internetverbindungen auf der Welt beobachtet, bestätigt die Störungen im Iran. Der Internet-Shutdown könnte die Organisation von Protesten an den kommenden Tagen verhindern. Das ist die Erfahrung, die sowohl die Protestierenden als auch der Staat bei der letzten Protestwelle im November 2019 gemacht haben.

Aber ob das Menschen wie Shima davon abhalten würde, wieder auf die Straße zu gehen? »Je brutaler sie werden, desto entschlossener werde ich. Und das gilt für alle Protestierenden, die ich kenne.« Das heißt aber längst nicht, dass sie große Hoffnung auf unmittelbare politische Veränderungen durch diese Proteste setzt: »Man muss die Verhandlungen über das Atomprogramm abwarten. Aber wenn auch diese Proteste niedergeschlagen werden, wird das Ausmaß der Unterdrückung noch schlimmer.« Shima ist der Meinung, dass ein zweiter Atom-Deal mit den westlichen Mächten heißen würde, dass die internationale Gesellschaft die Augen vor den Menschenrechtsverletzungen schließt.

Auch Paria glaubt nicht, dass durch die Proteste der Staat gestürzt werden könne. Der Aufstand deute aber auf einen gesellschaftlichen Wandel, der vor einigen Jahren unvorstellbar war: »Selbst als eine, die sich ständig mit dem Hijab-Gesetz auseinandersetzt, darüber forscht und schreibt, hätte ich nicht gedacht, dass es so früh zu Straßenprotesten dagegen kommen könnte.« Dass Männer es akzeptieren, unter der Parole »Frau, Leben, Freiheit« mitzuprotestieren, auch wenn es ihnen im Grunde genommen um andere Sachen geht, sei ein Fortschritt, sagt sie. Der Staat werde auch nicht auf die Hijab-Pflicht verzichten, glaubt die Aktivistin. »Denn der Hijab ist ein Identitätsfaktor für die Männer der Islamischen Republik. Sie sollten sich aber an mehr Frauen ohne Kopftuch auf den Straßen gewöhnen.”

»Die nächste Revolution ist eine Frauenrevolution« ist ein seit Jahrzehnten beliebter Spruch unter den Kritiker*innen der Islamischen Republik und eine Reaktion auf die fundamentale Frauenfeindlichkeit dieses Regimes. Mittlerweile ist kaum jemand, der sich mit den Entwicklungen im Iran auskennt, so naiv zu behaupten, dass die Revolution in den nächsten Tagen kommen wird. Aber der alte Spruch setzt sich langsam durch. Darauf deuten die Proteste.

* Namen sind zum Schutz der Aktivistinnen geändert.

Dazu passende Podcast-Folgen:

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal