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»Es kamen keine Musiker nach Deutschland, es kamen Arbeiter«

Der Filmemacher Cem Kaya über seinen neuen Film, Gastarbeiterkultur und Rassismus

Musikhits jenseits der Charts: »Aşk Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod« erzählt von der türkischen Kultur in Deutschland.
Musikhits jenseits der Charts: »Aşk Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod« erzählt von der türkischen Kultur in Deutschland.

In Ihrem Film »Aşk Mark ve Ölüm Liebe, D-Mark und Tod« geht es um die Musik türkischer Migrant*innen in Deutschland. Inwiefern spiegelt sich in deren Liedern auch die Geschichte der Einwanderung?

Die ersten Gastarbeiter, wie sie damals genannt wurden, fingen schon im Zug an zu musizieren. Es gibt in der Türkei die Aşık-Kultur. Das sind Volkssänger, die tagesaktuelle politische Dinge, Sagen und teilweise religiöse Themen behandeln. Aus dieser Tradition kommt auch die kritische Haltung. Metin Türköz, der Mitte der 60er Jahre zu den Ford-Werken nach Köln ging, war ein Amateur-Aşık. In Deutschland hat er Lieder über die hiesigen Zustände gemacht – und das ist bei der Arbeiterschaft sehr gut angekommen. Auch später in der Unterhaltungsmusik spiegelt sich die Tradition der Volksdichter wider – beispielsweise bei Cem Karaca, dem großen Rockstar der Türkei, der hier nach dem Militärputsch in der Türkei im Exil gelebt hat. Auch Derdiyoklar, eine Hochzeitsband aus Nürnberg, performte Volkslieder, aber dazwischen auch linke politische Lieder wie »Liebe Gabi«, ein Song über Rassismus. Später im Hiphop der 90er Jahre wird viel über Diskriminierungserfahrungen, über Armut und Abgehängtsein gesprochen.

Ist in Deutschland ein neues Genre türkischer Musik entstanden?

Es sind viele unterschiedliche Genres entstanden. Man muss bedenken: Es kamen keine Musiker nach Deutschland, es kamen Arbeiter. Vereinzelt waren darunter vielleicht auch Musiker, aber vieles wurde selbst erlernt und dadurch verändert. Die Musik hat sich in Deutschland auch anders entwickelt, weil die Lebensrealitäten anders waren und weil es schnelleren Zugang zu technologischen Updates wie beispielsweise Soundbibliotheken für Keyboards gab. Auch Kooperationen mit deutschen Musiker*innen haben den Sound beeinflusst. Man könnte sagen, dass Deutschland eine musikalische Region der Türkei geworden ist, ähnlich wie die Schwarzmeer-Region gab es nun eine Almanya-Region. Die kurdische Musik hat sich in Deutschland anders entwickelt, weil in den 80er Jahren die kurdische Sprache in der Türkei verboten war und viele bedeutende Künstler*innen ausgewandert sind.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft schien in all den Jahrzehnten wenig von diesen musikalischen Entwicklungen mitzubekommen.

Ich fange mal so an: Yüksel Özkasap, die »Nachtigall von Köln«, hat Abermillionen Platten abgesetzt. Sie hat von der deutschen Plattenindustrie neun Goldene Schallplatten für Single-Verkäufe und zwei Goldene Schallplatten für Longplay-Verkäufe bekommen. Sie war aber nie in den Charts, wurde nie in die ZDF-Hitparade oder zu »Wetten, dass..?« eingeladen. Ihre Musik ist nicht über die normalen Vertriebswege verkauft worden, sondern über Im- und Exportläden. Man hat sie an der Metzgertheke bekommen, da gab es eine Kassetten-Ecke. Ich erlebe immer wieder, dass viele Deutsche völlig entgeistert sind, was sie 60 Jahre lang verpasst haben. Warum sich die Medien da nicht draufgestürzt haben und eine Yüksel Özkasap nicht behandelt wurde wie eine Nana Mouskouri, kann ich nicht sagen.

Der Titel »Liebe, D-Mark und Tod« ist ein Zitat. Woher stammt es?

So heißt ein Lied der Gruppe Ideal, das sie 1982 auf ihrer letzten Platte veröffentlicht haben. Die Sängerin Annette Humpe hat mal in einem Interview gesagt, dass sie die Neue Deutsche Welle und das Singen auf Deutsch satthatten und deshalb einen türkischen Song machen wollten. Deshalb haben sie den großen deutschen Literaten Aras Ören gefragt, ob er einen türkischen Songtext schreiben würde, in dem Liebe, Geld und Tod vorkommen. Den Text haben sie dann in phonetischem Türkisch interpretiert. Wir fanden, das passt unglaublich gut zu unserem Film.

Sie haben die Begriffe als Struktur für Ihren Film genutzt. Worum geht es in den drei Kapiteln?

Aşk, die Liebe, steht für Sehnsucht, Heimweh und das Alleinsein der ersten Generation hier in Deutschland. Das spiegelt sich natürlich in der Musik wider. Im zweiten Teil geht es um wirtschaftliche Aspekte. Die erste Generation erzählte uns immer wieder, dass die D-Mark eine so wertvolle Währung war. Es kehrte ein gewisser Wohlstand ein, der sich auch in der Unterhaltungsindustrie abbildet. Der dritte Teil, Ölüm, Tod, beschäftigt sich mit der zweiten und dritten Generation, die mit acht, neun, zehn Jahren nach Deutschland kamen, völlig orientierungslos waren und in diesen kruden 80er Jahren groß wurden, in denen die Ausländerfeindlichkeit wuchs und in Pogromen wie in Duisburg, Rostock-Lichtenhagen, Solingen oder Mölln Ausdruck fand. In dieser Zeit hat sich eine andere, wütende Musik entwickelt: der Hip-Hop. Damit konnten sich viele Migrantenkids identifizieren, ich inklusive.

Welche Musik hat Sie noch geprägt?

Musik aus der Türkei war immer um uns herum, auch kurdische Musik. Meine Familie und ich haben das im Auto gehört, zum Beispiel auf den langen Reisen in die Türkei. In türkischen Familien gibt es außerdem immer jemanden, der Bağlama spielt. Auch die Hochzeiten haben mich sehr geprägt. Als ich elf, zwölf Jahre alt war, sind wir dafür Hunderte Kilometer gefahren. Wo sollte man sonst Livemusik hören? Es gab immer ein Kontingent für Leute, die nicht eingeladen waren und einfach so vorbeigekommen sind. Ich kann aber nicht sagen, dass ich ein großer Fan der Musik meiner Eltern gewesen wäre. Deswegen hat meine Generation eine neue Musik, den Hip-Hop, gebraucht.

Sie arbeiten in Ihrem Film mit Archivaufnahmen aus dem deutschen Fernsehen. Gab es also doch Interesse an migrantischer Kultur?

Man sollte meinen, dass es nur wenige Aufnahmen gibt, weil die Musik so sehr an der Mehrheitsgesellschaft vorbeigegangen ist. Aber es gab unglaublich viel, zum Beispiel eine Gastarbeitersendung beim WDR, die hieß »Ihre Heimat – unsere Heimat«, und im ZDF gab es »Türkiye Mektubu«, »Ein Brief aus der Türkei«. Es wurden auch immer mal wieder Dokumentarfilme oder Berichte über das Leben der Migrant*innen gedreht. Das hat uns erstaunt, dass das unglaublich gut gemachte Sendungen waren, die uns sehr geholfen haben. Zum Beispiel gab es vom türkischen Basar an der U-Bahn Bülowstraße in Berlin vorher nur zwei Fotos im BVG-Museum. Und siehe da, wir haben zwei oder drei Dokumentarfilme allein über diesen türkischen Basar gefunden. Mein Team und ich haben über zweieinhalb Jahre hinweg nur recherchiert. Danach mussten wir das ganze Konvolut ordnen, katalogisieren und verschlagworten, das war sehr aufwendig. Innerhalb von fünf Jahren haben wir diesen Film gemacht, aber es bleibt die Frage: Wo soll das Material archiviert werden? Nehmen wir die Schallplatten und Kassetten und verstauen alles im Migrationszentrum XY oder tun wir es dahin, wo die deutsche Kultur archiviert wird?

Wie ist das heutzutage: Existieren kulturelle Grenzen in der Musik noch?

Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Auf der einen Seite sind in die deutsche Sprache mittlerweile viele arabische, türkische und kurdische Wörter eingeflossen. Hip-Hop-Gruppen sind gemischt, es gibt deutsch-türkische Stars wie Elif. Andererseits war ich neulich bei einem Tarkan-Konzert. Das ist ein internationaler Superstar, aber kein einziger deutscher Journalist hat darüber berichtet. Mein Film hört irgendwann auf, aber es geht ja weiter. Man könnte auch fragen: Ist das mit dem Rassismus vorbei? Wie lange ist Hanau her? Fast jeden Tag gibt es einen Gedenktag für einen rassistischen Mord, und es scheint nicht aufzuhören.

»Aşk Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod«, Deutschland 2022. Regie: Cem Kaya; Buch: Cem Kaya, Mehmet Akif Büyükatalay. 96 Min. Start: 29.9.

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