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Träume von der Weltherrschaft

Zirkus Europa: Das letzte Duell mit Viktoria Plzeň endete zwar gut für Bayern München. Am Ende aber war Tristesse angesagt

Im April 2014 verloren David Alaba und Toni Kroos (1., 3. v. l.) mit dem FC Bayern in der Königsklasse mit 0:4 gegen Madrid. Heute spielen beide für Real.
Im April 2014 verloren David Alaba und Toni Kroos (1., 3. v. l.) mit dem FC Bayern in der Königsklasse mit 0:4 gegen Madrid. Heute spielen beide für Real.

Das mit dem positiven Denken ist nicht so einfach in diesen Tagen beim FC Bayern München. Trotz des 4:0-Sieges am Freitag gegen Bayer Leverkusen, trotz der zumindest arithmetisch überwundenen Herbstkrise.

Eigentlich sollte der Fußballzirkus in Europa den Bayern nun den Weg weisen zum Bundesligaspitzenspiel am kommenden Samstag bei Borussia Dortmund. An diesem Dienstag geht es gegen Viktoria Plzeň. Das hätte ganz gut gepasst: ein nicht satisfaktionsfähiger Gegner, der sich wunderschön auseinanderspielen lässt und das Selbstbewusstsein stärkt vor dem, was der Boulevard gern als deutschen Clásico bezeichnet. Aber erstens ist der BVB nach dem 2:3 am Samstag in Köln so schwer gereizt, dass es kaum ein so geschmeidiges (und für die Bayern angenehmes) Duell wie in den vergangenen Jahren geben dürfte. Und zweitens haben sich die nicht so ganz unwichtigen Zuarbeiter Thomas Müller und Joshua Kimmich mal wieder mit Covid infiziert, was das Einspielen für den Bundesliga-Klassiker und auch die Pflichtaufgabe gegen Viktoria Plzeň doch ein wenig erschweren dürfte.

Erinnerungen werden wach. Als Plzeň zum letzten Mal in München gastierte, trieben noch Franck Ribéry, Arjen Robben und Bastian Schweinsteiger den Ball durch die Münchner Arena. Die Kommandos gab damals, im Herbst 2013, Pep Guardiola. Die Bayern strebten damals nicht weniger an als die Fußball-Weltherrschaft. Gerade erst hatten sie unter Jupp Heynckes das Triple aus Deutscher Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League gewonnen, und was sollte danach schon schlechter werden mit dem besten, genialsten, erfolgreichsten Trainer der Welt? Diesen Ruf genoss Guardiola nach seinem Sabbatical in New York.

Viktoria Plzeň war im Herbst 2013 ein dankbarer Gegner auf diesem Weg. Die Bayern siegten 5:0, die Tore schossen Ribéry, gleich zweimal, Schweinsteiger, Alaba und Götze. Präsident Uli Hoeneß schwärmte von »einem Luxuskader, der in Europa seinesgleichen sucht«, und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge befand, diese Mannschaft hätte nach dem Champions-League-Sieg noch einmal ein neues Niveau erreicht. Allein Guardiola grummelte. Auf die Frage, ob dies denn ein perfektes Spiel gewesen sei, antwortete er, davon sei seine Mannschaft doch noch ein gutes Stück entfernt gewesen. »Perfekt? Nein. Heute haben wir gut gespielt, aber nicht perfekt. Es wäre langweilig, wenn es jetzt perfekt wäre.«

Darin steckten mehr Wahrheit und Vorahnung, als Hoeneß, Rummenigge und Guardiola lieb war. Die Bayern gewannen zwar ihre Vorrundengruppe vor Manchester City und spielten sich auch mit der von Guardiola erwarteten Leichtigkeit gegen den FC Arsenal und Manchester United ins Halbfinale. Dort wartete Pep Guardiolas Lieblingsfeind Real Madrid.

Das Hinspiel im Bernabéu ging nach einem Tor von Karim Benzema 0:1 verloren, aber viel schlimmer war, was dann daheim in München geschah. Himmel, was für ein Inferno! 0:4! In den jüngeren Annalen ließ sich schwer Vergleichbares finden, vielleicht eine ebenso hohe Niederlage in St. Petersburg, aber das geschah auswärts und im Uefa-Cup, den das ewige Bayern-Mantra Franz Beckenbauer nicht zufällig mal den Pokal der Verlierer genannt hatte.

Auch in den folgenden Jahren hat es nicht so gepasst mit Guardiola und den Bayern, wenn es in Europa gegen seine spanische Heimat ging. 2015 scheiterte er mit den Bayern im Halbfinale der Champions League an seinem Herzensklub FC Barcelona, ein weiteres Jahr darauf an Atlético Madrid, und dann war Guardiola auch schon weg. Es ist nichts geworden mit der Weltherrschaft, die der FC Bayern unter dem katalanischen Maestro antreten wollte.

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