Erhört die Wälder!

Auch Lyrik reagiert auf die Klimakrise – indem sie etwa die Natur sprechen lässt und dadurch neue Denkräume eröffnet

  • Björn Hayer
  • Lesedauer: 6 Min.
Nach Bruno Latour auch ein Akteur im Netzwerk: Der Hirsch.
Nach Bruno Latour auch ein Akteur im Netzwerk: Der Hirsch.

Die Natur schlägt schon seit einiger Zeit zurück. Was einst noch apokalyptischen Prophetien glich, ist Realität geworden: Hitzesommer, Megafluten, Verwüstungen. Nicht erst seit den jüngsten und wiederholten Fridays-for-Future-Protesten steht fest, was der 2015 verstorbene Soziologe Ulrich Beck in seiner kanonischen Studie »Die Metamorphose der Welt« (2017) beschrieb: Die »Klimarisiken« zeigen dem »organisierten Industriekapitalismus seine Fehler in Form einer objektivierten Bedrohung seiner eigenen Existenz« auf.

Der faustische Fortschritt hat den Menschen augenscheinlich derart weit über alle Begrenzungen der Natur hinauswachsen lassen, dass er gänzlich die Verbindung zu ihr verloren hat. An Fakten und Zahlen zu dieser Entfremdung mangelt es bekanntlich nicht. Wir wissen theoretisch, was – vom Ausbau erneuerbarer Energien bis zur dringlich nötigen Wende in der Landwirtschaft – zu tun ist.

Doch um den gewachsenen Spalt zwischen Zivilisation und Umwelt zu überwinden, bedarf es mehr als allein technischer Lösungen. Gebraucht werden vor allem Narrative, das zeigt sich etwa in neuerer Lyrik. »Ich will zu dir Wald wir / müssen eine neue Sprache finden wir / sind so künstlich aufgeforstet wir / können zusammen nicht kommen (…) unsere Nabelschnur / schnitten wir ab«, schreibt Kerstin Becker in ihrem luziden Band »Das gesamte hungrige Dunkel« (2022). Die Sehnsucht in diesem Ruf wiegt schwer, sie zeugt vom Bewusstsein, nicht mehr zu den eigenen Ursprüngen zurückzugelangen. Die Geschichte von Wald und Flur, Tieren und Pflanzen, sie ist uns unzugänglich geworden.

Jenseits dieser traurigen Diagnose mühen sich viele Dichter*innen derzeit um eine Annäherung an Flora und Fauna, die sich angesichts der politischen Bedeutsamkeit des Diskurses romantisierender oder verklärender Baum- und Wiesenseligkeit verweigert. Wenn etwa Daniela Danz in ihrem Band »Wildniß« (2020) proklamiert: »die Landschaft tritt wieder in die Erzählung ein«, dann versteht sie darunter eine radikale Selbstermächtigung der Biosphäre. Darin erobert eine Landschaft ein Stadtgebiet zurück.

Trotz dieser buchstäblichen Renaturierung erweist sich das Szenario nicht als frei von einem zeitgenössischen Kulturpessimismus. Denn unlängst errichten die Menschen anderswo neue Häuser. Daran schließt sich wiederum eine Suade der üblichen Katastrophenmeldungen aus den Nachrichten an.

Die »Bucht des Stillstandes«, womit die Autorin das starre Verharren der Gesellschaft im Modus des Weiter-so bezeichnet, scheint ein trügerischer Ort zu sein, was vor allem an Danz’ ästhetischen Verfahren deutlich wird. Mit dem Verzicht auf Kommata sowie dem Abbrechen von Sätzen zeichnet ihre Verse stets ein Störungsmoment aus. Das Stocken beim Lesen ist gewollt. Es markiert die Atempause für kritische Hinterfragung. So lautet auch die wichtigste Maxime jener Gedichtsammlung: »die Dissonanzen jawohl sie bessern uns«, fordern uns eine Abkehr vom Übel der Gewohnheit ab. Danz’ so eruptive wie erhabene Miniaturen schreiben sich daher von einer Finsternis her, die überhaupt erst zur Suche nach Erkenntnis motiviert.

Nur wie könnte diese Erkenntnis aussehen? Dem kürzlich verstorbenen Soziologen Bruno Latour zufolge beruht das planetare Ganze auf einer Art Netzwerk, in dem mehr oder weniger allen Wesen ein Akteurstatus zukommt. Indem sie miteinander agieren und damit eine Funktion erfüllen, haben sie zugleich eine Berechtigung im Dasein. Tiere wie auch Menschen haben darin einen vor allem aus ihrer gegenseitigen Abhängigkeit resultierenden Wert.

Den dichterischen Positionen scheint es, vielleicht analog dazu, um Beseelung und damit Empathievermittlung zu gehen. Wenn etwa Pflanzen als Akteure bezeichnet werden, dann könnte man ihnen auch die Fähigkeit zum Denken und Fühlen zuschreiben. Da wir gemeinhin nicht die Sprache von Bäumen, Schweinen oder Tauben beherrschen, eröffnet uns Lyrik, die sie sprechen lässt, einen neuen Kommunikationsraum.

Besonders Ulrike Draesner und Oswald Egger erzeugen auf faszinierende Weise einen Sound der Wildnis. Dieser basiert bei Draesner in ihrem Band »Doggerland« (2021) auf einer eigenen Grammatik und einem eigenen Rhythmus. Es regiert die reine Lautmalerei. Da »nageln ringelnatter kreuzotter«. Und »das sichelförmige gewaff der keiler« lässt uns geradezu erschaudern. Wir entwickeln Vorstellungen von den Tieren hinter diesen hyperverdichteten Beschreibungen, von ihren Bewegungen und ihrem Verhalten. Gleichzeitig bewahrt die Art der Formulierung eine gewisse Hermetik.

Ebenso belässt Oswald Egger, der Dirigent der Vielstimmigkeit von Landschaften in der deutschen Lyrik, dem Treiben von Flora und Fauna sein Geheimnis. Nach seiner brillanten Hommage an die Täler Südtirols »Val di Non« (2017) besticht auch sein Band »Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt« (2021) durch arkane Ausdruckskraft. Es ist das Porträt des titelgebenden Flusses. Kaum noch vorstellbare Schauspiele aus vom Wasser mitgenommenen Materialien bahnen sich darin Raum: »Die Stromfäden verschlingen im Prallhangschutt und bilden, auseinandergezurrt, schraubenförmig torquierte Spierel«. Im Legato folgen wir »Stromwälzfäden« und »fein gelitzten Strähnen«, um sodann mit den Linien in das Stakkato von Kanten, »Steinklippen« und »Kalkschiefer« zu münden.

Jene mit Wortneukreationen und einem Überangebot an artifiziellen Bildern angereicherten Gedichte unterstehen dem Versuch, eine Form für das Selbst einer Biosphäre zu finden, die sich, sofern das überhaupt noch möglich ist, weitestgehend einem anthropozentrischen Machtanspruch entzieht. Nicht das humane Individuum soll der Natur seinen Stempel und seine Deutungshoheit aufdrücken, vielmehr soll sie selbst zum Subjekt werden. Erst diese Aufwertung unterstreicht die Dringlichkeit, sie in moralischer und politischer Hinsicht stärker zu achten. Denn vor allem weil der grünen Welt eine erstaunliche Andersartigkeit und eine spezifische Unergründlichkeit innewohnt, muss sie als schützenswertes Gut gelten.

Stellt sich diese Einsicht zu spät ein und handeln wir weiter so, als hätten wir zehn Erden übrig, dürfte die Konsequenz eintreten, die Sepp Mall in einem Gedicht aus seinem Band »Holz und Haut« (2020) skizziert: Lange »redeten [wir] vom Waldverbiss / vom / sauren Regen«, ferner einem eine bedrohliche Gewissheit transportierenden Geruch. »Wenn wir auseinander- / gehen (später) / rinnt dir das Brennen / ins / Innere / wie durch Harzkanäle mittn / ins Hirn / wo Baum für Baum kippt / ins Erinnern / in die Glut«.

Von Auen und Wäldern, Tieren und Pflanzen sollten nicht nur schöne Fotos für Archive übrigbleiben. Ihnen jetzt Gehör zu schenken, ihnen den Platz für eine eigene Erzählung zuzubilligen, lautet das Plädoyer einer so wachsamen wie selbstbewusst alle Sprach- und Denkgrenzen überwindenden Lyrik.

Kerstin Becker: Das gesamte hungrige Dunkel. Edition Azur, 72 S., br., 18 €.
Daniela Danz: Wildniß. Wallstein, 86 S., geb., 18 €.
Ulrike Draesner: Doggerland. Penguin, 184 S., geb, 38 €.
Oswald Egger: Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt. Suhrkamp, 280 S., geb., 28 €.
Sepp Mall: Holz und Haut. Haymon, 96 S., 16,90 €.

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