Zurück in die Vergangenheit

Der Interrail wird 50: Auf den Spuren einer Reise mit dem »Ticket zur Freiheit« im Jahr 1977

Der Autor vor dem Bahnhof von Pieksämäki, heute ein regionales Eisenbahnmuseum
Der Autor vor dem Bahnhof von Pieksämäki, heute ein regionales Eisenbahnmuseum

In den 70er Jahren war das Interrailticket für viele westdeutsche Jugendliche der Pass in die Freiheit. Mit dem einen Monat lang gültigen Bahnpass konnten sie für wenig Geld mit dem Zug kreuz und quer durch Europa fahren. Weit weg von Eltern, Schule oder Uni war man endlich sein eigener Herr. Mancher hat auf der Rundreise seine erste Liebe kennengelernt, ein anderer Freunde fürs Leben gewonnen.

Auch ich hatte mich 1977 auf meiner Reise verliebt. Allerdings nicht in eine Frau, sondern in die Länder des Nordens. Diese eine Reise hat mein Leben verändert, ich habe später Skandinavistik studiert, in Stockholm, Helsinki und Oslo gelebt und gearbeitet, mehr als 50 Bücher über Nordeuropa geschrieben und die Region immer wieder bereist.

Diesmal führt die Tour nicht nur durch Städte und Dörfer, sondern auch quer durch das eigene Leben. Als Reiseführer dient mir, anders als damals, nicht der dicke Baedeker, sondern mein altes Tagebuch.

Mit dem Ticket kauft man sich auch Zeit

Im Zug Richtung Kopenhagen treffe ich ein älteres Ehepaar aus München. Was ich mache, wollen die beiden wissen, und als ich ihnen von meinen Plänen erzähle, antworten sie nur: »Da beneiden wir Sie, so viel Zeit haben wir nicht«. Zeit, die kauft man sich gleichzeitig mit dem Ticket dazu. Denn mit dem traditionellen Interrailpass – inzwischen gibt es auch eine ganze Reihe weiterer Optionen – ist man einen ganzen Monat unterwegs, genug, um dem Kopf eine kleine Auszeit zu geben.

In Kopenhagen schauten wir uns damals das Schloss Amalienborg mit dem Wachwechsel der königlichen Garde an. Auch im Nationalmuseum waren wir. Der Blickwinkel hat sich im Laufe der Jahre verändert. Die neuen Szeneviertel Reffen und Nørrebro interessieren mich heute mehr als die Königin und ihre Soldaten. Das liegt aber vermutlich auch daran, dass ich mir inzwischen den Besuch in den trendigen Cafés leisten kann. Damals dagegen kamen die Essensvorräte aus dem Rucksack. Die hatten wir billig zu Hause eingekauft und uns dann vier Wochen von Konserven ernährt.

Apropos Spartipp: den kostenlosen Rundblick herunter vom 106 Meter hohen Turm von Schloss Christiansborg, dem Sitz des dänischen Parlaments, habe ich mir auch diesmal nicht entgehen lassen. Die Aussicht von oben lohnt, weiter kann man nirgends in Kopenhagen schauen.
Auf der Fahrt nach Stockholm wird die Zugbegleiterin zu meiner wichtigsten Ansprechpartnerin. Zusätzlich zum Interrailticket hätte ich nämlich eine Reservierung kaufen müssen, das Nachlösen im Zug gestaltet sich langwierig und kompliziert. Einsteigen und losfahren, das geht heute in Schweden nur noch in Regionalzügen. »Damals war das aber einfacher«, denke ich mir, freue mich dann aber doch, dass ich mich bequem auf meinem Sitz ausstrecken kann und nicht wie früher irgendwo am Boden sitzen muss.

Auch in Stockholm schaue ich mir die Stadt von oben an, allerdings in alkoholischer Begleitung – im Biergarten an den Mosebacketerrassen, gönne ich mir ein »Öl«, wie der Schwede zum Gerstensaft sagt. Bezahlt wird per Smartphone oder mit Kreditkarte. Im Vasa-Museum nehmen sie aber noch Bargeld. Wäre auch schade, wenn man nur wegen fehlender Kreditkarte nicht reinkäme. Für mich gehört die Ausstellung rund um das 1626 gesunkene und nahezu im Originalzustand wieder gehobene Kriegsschiff zu den besten Museen weltweit. Wann immer ich in Stockholm bin, komme ich hierher und reihe mich dann auch geduldig in die oft sehr lange Schlange vor dem Eingang ein.

Der Bahnhof ist heute Hotel

Die Tour durch Finnland wird gleichzeitig zu einer Reise zu den schönsten Saunen des Landes. Im Dörfchen Humppila sauniere ich in einem umgebauten Schiff, in Tampere lasse ich mich von einer Saunaheilerin mit Birkenzweigen auspeitschen und in Kuopio bade ich in einer traditionellen Rauchsauna. Hauptziel der Finnlandreise ist Pieksämäki, eine Kleinstadt, in der es eigentlich nichts zu sehen gibt. 1977 waren wir hier gestrandet und hatten eine denkwürdige Nacht auf dem Bahnhof in Gesellschaft von sechs alkoholisierten Obdachlosen verbracht. Ein Realitätsschock für uns brave Mittelstandskinder. Noch jahrelang sprachen wir von einer »Pieksämäki-Nacht«, wenn etwas ordentlich schieflief. Die alte Bank, auf der ich damals zu schlafen versuchte, gibt es immer noch. Allerdings steht sie heute im Museum, denn aus dem Bahnhof ist inzwischen das regionale Eisenbahnmuseum geworden. Und diesmal stelle ich fest, dass es hier gar nicht so schlecht ist. Zumindest wenn man das Stadtzentrum verlässt, wird Pieksämäki zum perfekten Standort für Kanu- und Wandertouren. In Savonlinna mache ich wie damals eine Rundfahrt auf dem Saimaa – mit dem Schiff geht es an der Burg Olavinlinna vorbei, ihres Zeichens die schönste mittelalterliche Festungsanlage des Nordens. Ein bisschen gerührt bin ich dann doch, als ich herausfinde, dass ich jetzt mit demselben Dampfschiff unterwegs bin wie vor 45 Jahren.

Dafür gibt es den alten Bahnhof nicht mehr. Wo damals die Züge ankamen, steht heute ein Hotel. Für den einzigen Zug, die Lokalbahn nach Parikkala, braucht es kein repräsentatives Gebäude. Und auch die Gleisauszeichnung kann man sich sparen. Bei nur einem Gleis kann keiner in den falschen Zug einsteigen.

Zu Fuß über die Grenze

Grün und blau zieht draußen die Landschaft vorbei – durch Wälder und an Seen vorbei fährt der Zug weiter Richtung Norden. Über Oulu geht es zur Stippvisite beim Weihnachtsmann an den Polarkreis nach Rovaniemi. Das war damals definitiv besser – was 1977 noch einen Hauch Romantik hatte, ist heute Big Business und Santa Claus mit Sicherheit der erfolgreichste Souvenirverkäufer des Nordens. Schnell zurück nach Tornio, der Stadt, die ganz oben am Finnischen Meerbusen liegt. Hier überquerte früher der Zug die Grenze nach Haparanda. Die Züge nach Schweden fahren aber schon lange nicht mehr. Um die Reise fortsetzen zu können, muss ich erst mal ein paar Kilometer zu Fuß laufen. Das Geländer der kleinen Brücke, die ich von einem Land ins andere überquere, ist bis zur Hälfte weiß-blau danach blau-gelb gestrichen. Schön, dass der Wechsel der Nationalfarben das Einzige ist, was man vom Grenzübergang mitbekommt. In Haparanda steige ich wieder in den Zug. Nachtzüge sind selten geworden. Mit einem der wenigen fahre ich zurück nach Südschweden und weiter nach Dänemark. Zum Schluss muss ich dann nochmals von der Originalroute abweichen. Anders als 1977 verschwindet der Zug nämlich nicht in Rødby im Bauch einer Fähre, sondern rollt ohne Zwischenstopp über die Öresund- und später die Storebæltbrücke zurück Richtung Deutschland.

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