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Jedes gerettete Leben zählt

»Housing First« – ein Projekt im Kampf gegen die Obdachlosigkeit von Frauen. Und für ein Menschenrecht

Obdachlose Frau in Berlin. Sieht man sie nicht?
Obdachlose Frau in Berlin. Sieht man sie nicht?

Warum wundert es einen nicht? Auch bei »Housing First« wird als Begründer ein Mann genannt: Dr. Sam Tsemberis, ein Psychologe in New York, der 1992 als erster ein solches Projekt gestartet habe, mit dem Obdachlose wieder in Wohnungen gebracht werden sollten. Tatsächlich jedoch war es eine Frau: die Sozialarbeiterin Tanya Tull, Mitbegründerin von »Family Housing« in Los Angeles, einer nicht profitorientierten Initiative, die erschwingliche Wohnungen und Familienunterkünfte für Ausgestoßene und unverschuldet in Armut Geratene der US-amerikanischen Gesellschaft zu besorgen versucht. Eine der von ihr 1988 ins Leben gerufenen gemeinnützigen Organisationen, »A Community of Friends«, bemüht sich insbesondere um dauerhaften Wohnraum für obdachlose Erwachsene mit psychiatrischen Behinderungen. Dies zu betonen, war Brigitte Triems wichtig. Und es wurde vom Publikum als Korrektur einer historischen Ungerechtigkeit honoriert, einer auch auf diesem Gebiet die Verdienste engagierter Frauen ignorierenden gesellschaftlichen Wahrnehmung.

Die Vorsitzende des dfb (Demokratischer Frauenbund), Nachfolger(in) des 1947 in der sowjetischen Besatzungszone gegründeten und in der DDR eine Million Mitglieder zählenden DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschland), referierte im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Rendezvous« in der Hellen Panke in Berlin über eine in der Öffentlichkeit noch nicht sehr präsente Initiative, die sich um von Gewalt und Obdachlosigkeit betroffene Frauen kümmert. Physischer und psychischer Terror gegen Frauen ist erst in den letzten zwei Jahrzehnten im politischen Diskurs angelangt, nicht nur dank MeToo. Den Weg bereitete zwar schon die Uno-Dekade für die Frau 1976 bis 1985, doch selbst in dem damals von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossenen Übereinkommen zur Beseitigung der Diskriminierung von Frauen war das Problem Gewalt nicht explizit genannt worden.

Für die Betroffenen ist es ein Teufelskreis, aus dem sie nur schwer und oft nicht aus eigener Kraft ausbrechen können. Ist eine vor ihrem gewalttätigen Mann geflüchtete oder von jenem verstoßene Frau auf der Straße gelandet, ist eine Rückkehr zu einem normalen, würdevollen und selbstbestimmten Leben vielfach fast unmöglich. Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine eigene, menschenwürdige Unterkunft.

Für Brigitte Triems, die vier Jahre an der Spitze der Europäischen Frauenlobby (European Women‹s Lobby) stand, ist Gewalt gegen Frauen nicht nur eine der Ursachen für Wohnungslosigkeit von Frauen, sondern auch eine Folge dieser. Obdachlose Frauen sind stärker als Männer von Armut und Stress betroffen, leiden stärker unter fehlenden sozialen Bindungen und Kontakten. Die empfundene Demütigung und Stigmatisierung erscheinen umso größer, wenn sie Mütter sind.

Ein Raunen ging durch das Publikum, als Brigitte Triems mitteilte, dass nach offiziellen Schätzungen der Europäischen Kommission die Wohnungslosigkeit auf dem Kontinent seit 2010 insgesamt um mehr als 70 Prozent gestiegen ist. Es ist anzunehmen, dass die Dunkelziffer höher ist. Es gibt keine zuverlässigen Daten, auch im Land der Statistik versessenen Deutschen nicht. An die 300 000 Obdachlose werden hierzulande vermutet, der Anteil der Frauen wird auf 33 Prozent (78 000) und die Zahl der Kinder und minderjährigen Jugendlichen auf acht Prozent (20 000) geschätzt. Die Betroffenen stammen aus allen sozialen Schichten, darunter auch Akademiker und Akademikerinnen. Und die Zahl der vor Kriegen oder Armut in der Welt geflüchteten Menschen unter ihnen nimmt stetig zu.

Nach dem Vorbild der in den USA von zivilgesellschaftlichen Initiativen unternommenen Versuchen zur Minderung von Obdachlosigkeit war in Europa ein Pilotprojekt in fünf europäischen Metropolen gestartet worden: in Amsterdam, Budapest, Dublin, Glasgow, Kopenhagen und Lissabon. Mit positivem Ergebnis: Zwischen 78 und 90 Prozent der Teilnehmer vermochten sich wieder in Wohnungen einzuleben – eine enorme Herausforderung nach jahre- oder jahrzehntelangem Leben auf der Straße. Denn eine Wohnung muss auch unterhalten werden, Langzeitobdachlose müssen erst wieder befähigt werden, einen Haushalt in vier Wänden zu bewältigen.

Es folgten weitere Projekte in Frankreich, Belgien, Norwegen, Österreich, Schweden und Finnland. »Finnland ist mit seinem nationalen Housing-First-Aktionsplan ein besonders positives Beispiel – dort gibt es fast keine Obdachlosen mehr«, weiß Brigitte Triems. Habe es Ende der 1980er Jahre in unserem nördlichen Nachbarland noch 20 000 wohnungslose Menschen gegeben, seien es heute nur noch 655.

Laut dem UN-Sozialpakt von 1966, dem die Bundesrepublik drei Jahre später beitrat, hat jeder Mensch auf dem Erdenrund ein Recht »auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung sowie auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen«. Das Menschenrecht auf eine Wohnung beinhaltet mehr als ein Dach über dem Kopf. Dazu gehören gesetzlicher Schutz der Unterkunft und Bezahlbarkeit des Wohnraums, Zugang zu Trinkwasser und Energie, zu öffentlicher Infrastruktur, Gesundheitswesen, Schulen sowie kulturellen Angeboten. Von der Erfüllung dieses Menschenrechts ist man auch in Europa vielerorts weit entfernt.

Doch zurück zu den »Housing-First«-Projekten. Die meisten in Europa sind nach wie vor auf männliche Obdachlose ausgerichtet. Gemischte Projekte wie im Neunerhaus in Wien, so die Referentin, erweisen sich nicht immer als optimal, weil Frauen, die vor ihren Männern geflohen sind, sich in solchen mitunter erneut bedrängt fühlen könnten. Zudem, so Brigitte Triems, bedürfe es für Frauen, vor allem mit Kindern, spezieller sanitärer Standards. Das erste »Housing-First«-Projekt europaweit speziell für Frauen startete 2019 der Sozialdienst katholischer Frauen in Berlin. Innerhalb von drei Jahren gelang es dem bereits an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gegründeten Verein 40 Frauen mit individuellem Wohnraum zu versorgen, den diese auch zu halten vermochten, wodurch sie sich neue Lebensperspektiven eröffnen konnten. Die Frage, ob das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei, bejahte die Referentin, betonte aber zugleich: »Jedes gerettete Leben zählt.«

Nach dem Vorbild des vom Sozialdienst katholischer Frauen in der deutschen Hauptstadt erfolgreich betriebenen Versuchs folgten ähnliche Programme in Madrid, Leeds und Westminster, in Prag und in Helsinki. Und doch steht die Not wohnungsloser Frauen weiterhin nicht auf der Prioritätenliste sozialpolitischer Maßnahmen, weder auf nationaler noch internationaler Ebene. Brigitte Triems beklagte, dass es in der Bundesrepublik keine Strategie, geschweige denn eine konzertierte politische Aktion zur Bekämpfung der Wohnungslosigkeit von Frauen und Alleinerziehenden gebe. Viele betroffene Frauen wollen ihre Situation gern ändern, allein in Berlin stünden 100 Frauen auf der Warteliste für einen bezahlbaren Wohnraum. Doch es mangelt an einem solchen. Als Kuriosum sei vermerkt: Der seit längerem negative Schlagzeilen machende Immobilienkonzern Deutsche Wohnen stellte jüngst mehrere Wohnungen für das Projekt »Housing First« zur Verfügung. Zwecks Imageaufbesserung? Oder ein Zeichen der Läuterung? Wie auch immer, Brigitte Triems freut sich, dass der international renommierte Künstler Gerhard Richter ein Housing-First-Projekt in Düsseldorf mit einer großzügigen Spende unterstützt.

Eine Teilnehmerin an der Veranstaltung der Hellen Panke, die nach eigenem Bekunden in der Prostitution tätig war, von ihrem Mann verstoßen wurde und das Sorgerecht für ihre Tochter wegen angeblicher Vernachlässigung verloren hatte, schilderte, wie sie in ihrem nunmehrigen Bemühen, Leidensgenossinnen zu helfen, mit behördlicher Ignoranz konfrontiert werde. Ein Mann verwies darauf, dass zunehmend ältere Frauen, die ihre Wohnung finanziell nicht mehr halten könnten beziehungsweise an Demenz oder anderen psychischen Beeinträchtigungen erkrankt sind, in die Obdachlosigkeit gerieten. Eine weitere Diskussionsteilnehmerin beanstandete, dass durch die deutsche Amtssprache noch immer das euphemistische Wort »Nichtsesshaftenhilfe« wabere, als ob es sich bei Obdachlosen um neuzeitliche Nomaden handele.

Brigitte Triems, die für ihr Engagement für wohnungslose Frauen in Berlin jüngst vom Sozialdienst katholischer Frauen ausgezeichnet worden ist, informierte abschließend darüber, dass die EU-Kommission wie auch die Bundesregierung (im Koalitionsvertrag der »Ampel«) versprochen haben, bis 2030 die Obdachlosigkeit zu beseitigen. Ein löbliches Ziel. Zweifel sind jedoch angebracht, wenn kein Umdenken bei der Vergabe öffentlicher Mittel in nationalen und supranationalen Haushalten erfolgt.

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