Diskurspolitik ohne Fakten

Lasse Thiele über radikalen Klimaprotest der Letzten Generation

  • Lasse Thiele
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit der furchtbare Unfall, bei dem ein Betonmischer eine Berliner Radfahrerin letztlich tödlich erfasste, medial mit einer entfernten Autobahn-Störaktion der Letzten Generation verknüpft wurde, entlädt sich ein Gewitter über der Klimabewegung. Die politische Rechte hatte nur auf die Gelegenheit gewartet: So wie nach der Silvesternacht in Köln 2015 der migrationspolitische Diskurs von »Refugees welcome« und »Wir schaffen das!« um 180 Grad gedreht wurde, will sie nun das Diskursfeld Klima aufrollen. Da der Wissenschaft hier nicht mehr beizukommen ist, dienen als nächstbestes Ziel ihre hartnäckigsten Botschafter*innen.

Diese Diskurspolitik braucht keine Fakten. Dass die Aktivist*innen diesmal gar nicht auf der Fahrbahn waren, sondern auf einer Schilderbrücke darüber und somit unbeteiligt an der nicht gebildeten Rettungsgasse: geschenkt. Dass die behandelnde Notärztin eine Auswirkung der Aktion auf die Erstversorgung verneinte: irrelevant. Dass den jährlich Tausenden Verkehrstoten verkehrspolitisch zu begegnen wäre: nicht ablenken! Die Diskursverschiebung reichte so weit, die einigermaßen gesellschaftsfähige Aktionsform der friedlichen Sitzblockade plötzlich mit Terrorismus zu assoziieren. Dabei hat die Letzte Generation sich bloß so oft hingesetzt, bis sie empfindlich nervte.

Gefährlich ist, dass die reaktionäre Agenda reihenweise von liberalen Medienschaffenden mitgetragen wurde, die sich ansonsten als Hüter*innen von Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit und Faktizität gerieren. Die sich zum Klimaschutz-Lager zählen. Die sich dazu als Seismografen für gesellschaftliche Stimmungen präsentieren, aber die Erdbeben gerne selbst verstärken. Nicht alle, aber zu viele von ihnen sprachen der Letzten Generation jede Legitimation ab. Ohne Not.

Der Journalist Stephan Anpalagan etwa zerlegte auf Twitter sehr hellsichtig die rechte Hetzkampagne gegen die Aktivist*innen – um dann zu mahnen, dass diese sofort ihre Protestformen ändern müssten, wenn nur der »Verdacht einer Mitschuld« kursiere. Wie sollte nun aber die Hetze je enden, wenn schon das bloße Konstruieren von Verdachtsmomenten damit belohnt wird, weite Teile des Medienspektrums gegen moderate Klimaproteste aufzubringen? Gegen welche Protestform, welche Veranstaltung überhaupt ließe sich kein solcher Verdacht konstruieren?

Für die Bewegung ist die Berichterstattung sowohl in den Massen- als auch sozialen Medien ein Gradmesser. Es ist ein Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn ernsthafter Klimaschutz Leuten nicht nur ihren Stolz, sondern auch das eine oder andere PS-Spielzeug wegnehmen sollte. Denn die Ereignisse demonstrieren auch die unfassbare Wucht der Verdrängungsgesellschaft, die Macht ihrer Projektion in der Klimakrise: Es braucht Schuldige. Und das sollen nicht mehr diejenigen sein, die das Klima zerstören, sondern vermeintlich fanatische Klimaschützer*innen.

Nichts davon wird weggehen, wenn Aktivist*innen sich auf weniger provokante Taktiken beschränken. Dass symbolische Alltagsstörung für sich noch nicht die Klimakrise löst, wissen alle. Die »besorgten« Kritiker*innen bleiben aber effektivere Antworten schuldig. Dass im Umkehrschluss braves Handeln auf fruchtbareren Boden fiele, ist lange widerlegt – nicht zuletzt durch mediale Ignoranz. Bewegungsberatung per Feuilleton oszilliert gerne zwischen wohlmeinenden Floskeln und lächerlichem Oberlehrertum. Letztlich ist die Bitte um »konstruktiven« Protest der Aufruf, sich wieder bequemer ignorierbar zu machen. Die Klimabewegung hätte etwas standhaftere Verbündete in den Medien verdient, die nicht über jedes von rechts hingehaltene Stöckchen springen.

Jetzt, wo die Grenzen ausgetestet sind, bleibt für alle Klimabewegten die Frage, wie die mediale Deutungshoheit im Ernstfall zu behaupten wäre. Etwa durch noch professionalisiertere, auch strukturell und personell ansetzende Öffentlichkeitsarbeit, die den rechten Mythos der »linksgrünen« Medienlandschaft ein bisschen wahrer machen könnte.

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Lasse Thiele arbeitet im Konzeptwerk Neue Ökonomie am Thema Klimagerechtigkeit.

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