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Botanisches Erbe des Kolonialismus

Von Europäern eingeschleppte Pflanzen veränderten nachhaltig die Biodiversität in ihren Kolonialreichen

  • Von Norbert Suchanek
  • Lesedauer: 5 Min.
Europäer trugen die Samen des Breitwegerich an ihren Schuhsohlen durch Nordamerika.
Europäer trugen die Samen des Breitwegerich an ihren Schuhsohlen durch Nordamerika.

Europas Kolonialmächte haben in Afrika, Asien, Amerika und Australien tiefe Spuren hinterlassen, Ländergrenzen willkürlich gezogen, Millionen von Menschen versklavt, indigene Völker, Kulturen und einheimische Sprachen ausgelöscht. Die Folgen des Kolonialismus sind in den betroffenen Regionen bis heute sichtbar. Das gilt auch für die Pflanzenwelt. Vom Zuckerrohr bis zum Gummibaum oder der europäischen Eiche: Absichtlich und unabsichtlich verschleppten die Kolonialmächte zahlreiche Pflanzenarten von einem Kontinent zum andern. Diese Veränderungen sind weiterhin präsent und finden teils noch immer statt. Das stellte nun ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Biodiversitätsforscher Bernd Lenzner und Franz Essl von der Universität Wien fest.

Europäische Großmächte begannen seit Ende des 15. Jahrhunderts mit der Errichtung von Kolonien auf anderen Kontinenten und teilten die Welt weitestgehend unter sich auf. Bis heute sind diese Grenzen aus Sicht der Botaniker erkennbar. Die Wissenschaftler untersuchten die eingeführte gebietsfremde Flora in 1183 Gebieten ehemaliger Kolonien von Großbritannien, Spanien, Portugal und den Niederlanden, die insgesamt 19 250 Pflanzenarten und -sorten umfasst.

Regionen, die einst von derselben europäischen Kolonialmacht besetzt waren, sind sich heute noch botanisch ähnlicher als andere Regionen, die nicht von derselben Macht dominiert wurden. Und je länger Regionen von einer Kolonialmacht besetzt waren, desto ähnlicher sind sie einander, so die in der Fachzeitschrift »Nature Ecology and Evolution« veröffentlichten Forschungsergebnisse. »Restriktive Handelspolitiken sorgten dafür, dass Pflanzen vor allem zwischen jenen Regionen gehandelt wurden, die von derselben Macht besetzt waren«, erläutert Forschungsleiter Lenzner: »Folglich wurden sich die Floren von Regionen ähnlicher, die unter derselben Kolonialmacht standen, verglichen mit anderen Gebieten.«

Darüber hinaus weisen Regionen, die während des Kolonialismus besonders wichtige wirtschaftliche oder strategische Rollen spielten, untereinander eine noch größere Ähnlichkeit in ihrer Artenzusammensetzung auf – verglichen mit weniger einflussreichen Gebieten. Beispiele dafür sind ehemalige Handelszentren wie die Regionen im Indo-Malaiischen Archipel, die für den internationalen Gewürzhandel entscheidend waren, oder Inseln wie die Azoren oder St. Helena, die beide wichtige Zwischenstationen auf langen, transozeanischen Reisen waren. Die Studie stellt weiterhin fest, dass die Briten die Biodiversität in ihren Kolonien am stärksten veränderten und die Niederländer am wenigsten.

Von Archäophyten bis Neophyten

Seit Jahrtausenden haben Menschen auf ihren Reisen einen Teil der Flora ihrer Heimat mitgenommen oder mit anderen Völkern ausgetauscht und so zu ihrer Verbreitung über ihren natürlichen Lebensraum hinaus beigetragen. Diese gebietsfremden Pflanzen bezeichnet die Wissenschaft als »Archäophyten«. Doch mit der ersten Atlantiküberquerung des Genuesen Christoph Kolumbus 1492 und dem Beginn der Ära der Kolonialreiche vervielfachte sich der globale Transfer von Fremdpflanzen in nie dagewesene Ausmaße. Arten, die ab dieser Zeit bewusst oder unbewusst vom Menschen in Gebiete eingeführt wurden, in denen sie natürlicherweise nicht vorkamen, heißen Neophyten.

Die neuen europäischen Kolonialmächte führten anfangs Nutzpflanzen vor allem aus wirtschaftlichen Gründen in den neuen Herrschaftsgebieten ein, um so das Überleben der Kolonisten zu sichern und den Aufbau von Siedlungen zu fördern. »Aber auch aus ästhetischen und nostalgischen Gründen wurden Pflanzen verschleppt«, schreiben die Wissenschafter in ihrer Studie. Insbesondere wurden viele Arten als Nahrungs- und Futtermittel und für den Gartenbau in und aus den kolonisierten Regionen gehandelt, woraufhin sich in diesen Regionen im Laufe der Zeit eine gebietsfremde Flora etablierte.

Nach Südafrika beispielsweise brachten niederländische Siedler nicht nur Weinstöcke aus Südeuropa, sondern auch die europäische Eiche. Die Bäume sollten den Rohstoff für die zum Reifen des südafrikanischen Weins notwendigen Holzfässer und für den Hausbau liefern. Doch das Projekt erwies sich technisch gesehen als ein Flop. Aufgrund der subtropischen Bedingungen war die Qualität des Eichenholzes nicht gut genug.

Viele der sogenannten Neophyten indes kamen auch als »Trittbrettfahrer« in die Kolonien. Beispielhaft dafür ist der »Fußtritt des Weißen Mannes«. So benannten Nordamerikas Indigene den aus Europa eingeschleppten Breitwegerich, dessen Samen sich an die Schuhsohlen der Siedler hefteten und der sich deshalb im wahrsten Sinne des Wortes Schritt für Schritt mit den Siedlertrecks über die USA und den »Wilden Westen« verbreitete.

Der weltweite Austausch von Pflanzenarten intensivierte sich dann im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit der wachsenden Zahl Botanischer Gärten und sogenannter Akklimatisierungsgesellschaften. Organisiert in einem globalen Netzwerk wurden so Pflanzen und Tiere aus wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und ästhetischen Gründen importiert, vermehrt und verbreitet. Auf dem Höhepunkt des britischen Empire gab es mehr als 50 Akklimatisierungsgesellschaften und 100 botanische Gärten, von denen einer der bekanntesten Kew Gardens in London war.

»Unsere Ergebnisse heben das anhaltende Erbe menschlicher Aktivitäten hervor, das sich in der Ähnlichkeit der Zusammensetzung und Homogenisierung ihrer Floren widerspiegelt«, resümieren die Forscher.

»Es ist bemerkenswert«, sagt Franz Essl, Seniorautor der Studie, »dass wir solche Hinterlassenschaften noch mehrere Jahrzehnte, manchmal sogar Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch europäischer Kolonialreiche feststellen können. Das zeigt, dass wir sehr vorsichtig und bewusst mit den Pflanzenarten umgehen müssen, die wir um die Welt transportieren, da sie wahrscheinlich dauerhafte Auswirkungen auf die biologische Vielfalt und die Lebensgrundlagen der Menschen bis weit in die Zukunft hinein haben werden.«

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