Agitieren mit Dokumenten

Jean-Marie Straub, einer der größten linken Künstler der letzten hundert Jahre, ist tot. Ein Nachruf.

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 7 Min.
Jean-Marie Straub 2017 auf dem 70. Filmfestival in Locarno (Schweiz)
Jean-Marie Straub 2017 auf dem 70. Filmfestival in Locarno (Schweiz)

Der größte kommunistische Filmregisseur der letzten hundert Jahre ist tot und die wenigsten Kommunistinnen und Kommunisten werden ihn gekannt haben. Jean-Marie Straub, der im Januar 90 geworden wäre, ist am Sonntagmorgen in dem Ort Rolle am Genfer See verstorben. Er sei friedlich eingeschlafen, heißt es. Zusammen mit Danièle Huillet (1936 – 2006) schuf er eine Reihe von nur monumental zu nennenden Filmen. Sie sind tatsächlich das, was sonst jedem kleinen Nonkonformisten nachgerühmt wird: »sui generis«, eine eigene Klasse von Film, die viele Verächter, einige Verehrer und weder Vorläufer noch Nachfolger kennt.

Aber gibt es wirklich keine Vorläufer? Sicher, die Härte und Sprödigkeit von Bertolt Brecht und Robert Bresson übernahmen Straub und Huillet, sie wurden noch härter, noch spröder. Distanz tritt auch bei ihnen an die Stelle aller voreiligen Verlebendigung, die Revolution spricht auch bei ihnen in Zitaten, nicht in Schreien. Wenn irgendwer die Theaterlehre Brechts streng befolgt hat, dann Straub und Huillet. Doch wer sich auch nur ihr erstes großes Werk anschaut, »Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht« (1964/65), erkennt, dass solche unbequemen Sprünge in der Zeit in Brechts Theater schwer denkbar sind. Und für den sanften Bresson wäre dieser Film zu militant gewesen.

Ironischerweise handelt es sich bei »Nicht versöhnt« (1965) um die Verfilmung eines Romans von Heinrich Böll (»Billard um halb zehn«), der, Linkskatholik wie Bresson, ebenfalls nicht übermäßig revolutionär gestimmt war. Es überrascht daher nicht, dass Bölls Verleger Sturm gegen diese Adaption von Straub und Huillet lief. Sie zeigt einen Akt der Selbstjustiz, an einem Nazi verübt von einer alten Dame. Ein Aufruf zur Gewalt! Es sollte nicht der letzte bleiben.

Nach der überaus komischen Fingerübung »Machorka Muff« (1962) mit Erich Kuby in der Hauptrolle war »Nicht versöhnt« bereits die zweite Verarbeitung eines Werks von Böll, und zum zweiten Mal ging es darum, wie sich die alten Nazi-Eliten binnen kurzem in der Bundesrepublik eingerichtet hatten und unter anderem die Wiederbewaffnung ins Werk setzten. Mit den Nazis hatte Straub seine Erfahrungen gemacht.

Dem 1933 in Metz Geborenen war es in der Schule verboten, Französisch, seine Muttersprache, zu sprechen. Er reflektiert die deutsche Okkupation in »Lothringen!« (1994), einem Film nach »Colette Baudoche« von Maurice Barrès. Wer erst diesen sehr polemischen, mitunter lustigen, aber auch plumpen deutschfeindlichen Roman gelesen hat und dann Straubs und Huillets präzisen, nüchternen und schönen Film sieht, kann über ihre Meisterschaft der Adaption nur staunen.

Das Deutsch, zu dem der Knabe Straub gezwungen wurde, war die Sprache der Herren. Sie kehrt wieder in seinem und Huillets Film »Geschichtsunterricht« (1972) nach dem unvollendeten Cäsar-Roman von Brecht. In der ersten Hälfte des Films sind die Imperialisten unter sich, die zweite ist eine sehr lange Fahrt durch ein Armenviertel Roms, wo Straub und Huillet damals lebten. Hier bleiben die Unterdrückten noch stumm. Sie finden, wenn auch mühsam, zur Sprache in »Klassenverhältnisse« (1984) nach dem »Verschollenen« von Franz Kafka. Seinen verschütteten Reichtum entfaltet das Deutsche aber erst als revolutionäres Idiom, nämlich in den drei Fassungen von Friedrich Hölderlins »Der Tod des Empedokles«.

Straub und Huillet haben ihrem »Empedokles« (1987) den Untertitel »Wenn dann der Erde Grün von neuem euch erglänzt« gegeben und dazu erklärt: »Was der Mensch dem Menschen und der Natur angetan hat, muss aufhören, radikal aufhören – dann, erst dann allein können die Freiheit und die Gerechtigkeit anfangen.« Kurz, sie machten aus Hölderlin den Utopisten, den erst ein kühner Außenseiter der Philologie, Dietrich E. Sattler, in ihm zu sehen gelehrt hat. Wer den geringsten Zweifel an dieser politischen Lesart hat, schaue sich Straubs Testament, »Kommunisten« (2014), an, in dem er aus vielen seiner mit Huillet gedrehten Werke jeweils das kommunistische Moment herauspräpariert. Dem »Empedokles« entnimmt er den Rat zum Aufstand gegen das Überkommene: »Was euch der Väter Mund erzählt, gelehrt, / Gesetz und Brauch, der alten Götter Namen, / Vergesst es kühn« und weist mit Empedokles den Weg in die klassenlose Gesellschaft: »Gebt das Wort und teilt das Gut.«

Solche Sätze werden nicht von irgendwelchen Burgschauspielern deklamiert, sondern – bei »Empedokles« mit der bemerkenswerten Ausnahme des legendären Howard Vernon (»Das Schweigen des Meeres«) – durchweg von Laien. Der Aufwand, den Huillet und Straub bei ihren Dreharbeiten trieben, ist nur mit dem von Charlie Chaplin zu vergleichen, der wie sie Perfektionist war. In Dutzenden von Takes, bei denen es nicht nur auf jede Pause, jede einzelne Betonung, sondern auch auf den Stand der Wolken, den Einfall der Sonne oder das zufällige Vorbeihuschen einer Eidechse ankam, entstanden diese Filme, ohne Ausnahme mit Originalton, in der Originalsprache, nach Möglichkeit an originalen Schauplätzen, oft im Freien.

Dass der Dirigent und Organist Gustav Leonhardt, einer der frühesten Verfechter der historischen Aufführungspraxis, in »Die Chronik der Anna Magdalena Bach« (1968) den Bach darstellt – von »Spielen« darf man hier nicht sprechen –, hat seinen guten Grund: Auch Huillet und Straub hielten sich an eine historische Aufführungspraxis. Sie ist bei ihnen ein Agitieren mit Dokumenten. Nicht immer erscheinen die Dokumente ungekürzt und unbearbeitet, aber sie werden nicht aufbereitet und aufgeweicht, sondern bleiben roh, wie sie sind. Selbst die Untertitel werden als Interlinearübersetzungen, also im strengsten Sinn wörtlich, gegeben, und »Synchronisation ist Mord«, wie Straub einmal erklärte. Wir haben es mit einer Kunst zu tun, in der es auf alles ankommt, so als ob das Überleben der Menschheit von ihr abhinge. Es ist ein Kino strikt gegen die Kinoindustrie.

Dass es auch im Wortsinn kommunistisches Kino ist, zeigt sich vielleicht am besten an den vielen Verarbeitungen von Texten Cesare Paveses, insbesondere seiner »Gespräche mit Leuko« (1947). Sie breiten Dialoge zwischen dem Fußvolk des Olymps, Nymphen und Halbgöttern, mit gewöhnlichen Hirten und Jägern aus. Sterbliche und Unsterbliche bearbeiten gemeinsam die großen Mythen, und ganz in derselben Weise haben Straub und Huillet ihre Darsteller aus dem Ort Buti in der Toskana mit diesen wunderbaren Dialogen leben lassen. Die Darsteller, sagten Straub und Huillet, hätten den Text »gezähmt«, ihn »sinnlich« werden lassen. Erst danach wurde auf dem Monte Pisano gedreht.

Dass der erste Film der Pavese-Reihe, »Von der Wolke zum Widerstand« (1979) in die Bearbeitung der Mythen auch die Geschichte der kommunistischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg einwirkt, ist kein Widerspruch. Ein ganz ähnliches Verhältnis stellte sich ja schon früher her: Ihrer Inszenierung von Arnold Schönbergs »Moses und Aron« (1974) – neben »Zu früh / zu spät« (1980/81) vielleicht ihr prächtigster Film – ging die »Einleitung zu Arnold Schoenbergs Begleitmusik zu einer Lichtspielscene« (1972) voraus. Darin liest der Regisseur und Historiker Günter Peter Straschek auf eindringliche Weise einen Brief Schönbergs, in dem dieser sich gegen den Antisemitismus seiner Zeit empört. Widerstand und Mythos gehören hier zusammen, weil Widerstand nie ganz in der Zeit aufgeht und Mythos immer auch gemeinsame Arbeit ist.

Straschek, ein unkorrumpierter Mann, wenn es je einen gegeben hat, gehört neben dem Regisseur Peter Nestler, der ebenfalls in der »Begleitmusik« auftritt, zur »Straubianischen Internationale«, die in Frankreich, Italien, selbst in Portugal weitaus stärker aufgestellt ist als in Deutschland. Der Widerstände gerade in der Linken waren viele, geduldig antwortete Straub etwa mit Mao: »Unsere Genossen sollten nicht glauben, etwas, das sie selbst nicht verstehen, müsse auch den Massen vollends unverständlich sein.«

Dazu passt sehr gut, was Straschek einst berichtet hat. Nach einer Aufführung von »Nicht versöhnt« in Graz hätten die örtlichen Intellektuellen irgendetwas von James Joyce gesponnen. Sein Onkel Rudi aber, ein ganz schlichter Mann, Antifaschist, habe die komplette Fabel des Films erzählen können, »wie ich es auch später nie wieder erlebt habe«. Das Schwierige an den Filmen von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet ist, dass sie so einfach sind.

Die Filme von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub sind in inzwischen sieben DVD-Alben bei den Éditions Montparnasse herausgekommen (leider ohne Untertitel). Danièle Huillet, Jean-Marie Straub: Schriften. Herausgegeben von Tobias Hering, Volko Kamensky, Markus Nechleba, Antonia Weiße. Vorwerk 8, 400 Seiten, br., 24 Euro.

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