Von der Schönheit kollektiver Fürsorge

Es ist nicht feministisch, sich von der Verantwortung für andere freizusprechen, meint Livia Sarai Lergenmüller

Lasst uns widerständig und rebellisch bleiben – aber gemeinsam.
Lasst uns widerständig und rebellisch bleiben – aber gemeinsam.

Eine moderne Feministin macht, was sie will, und achtet in erster Linie auf sich selbst! Sie hat sich befreit von jeglichen Erwartungen, die ihr nahestehende Personen auf sie projizieren, macht sich frei von emotionalem Ballast und streicht "toxische" Menschen radikal aus ihrem Leben.

So oder so ähnlich klingt der Chor des liberalen "Feminismus" – oder eher der neoliberalen Vereinnahmung des Feminismus. Und seit einer Weile haben auch junge Feminist*innen in sozialen Medien – oder eher feministisch inspirierte Content-Creator – das Narrativ der Selbstfürsorge für sich entdeckt: "Streiche aus deinem Leben, was und wer dir nicht passt" und "lass toxische Menschen in 2022" heißt es dort. Was toxisch ist, bleibt dabei weitläufige Auslegungssache und kann in der Wahrnehmung junger Empowerment-Fürsprecher*innen auch mal bedeuten, dass eine Freundin zur Zeit einfach zu viel Raum einnimmt oder ein*e Partner*in uns mit seinen*ihren Problemen zu stark belastet. Der implizite Aufruf dahinter: Übernimm einfach gar keine Verantwortung mehr für irgendwen außer für dich selbst. Das ist echte "Selfcare", echte Ermächtigung – Hashtag Girlboss!

Seinen Ursprung findet diese Entwicklung in der Erkenntnis, dass das Private politischen Charakter hat. Entsprechend schlüssig ist es, die feministische Praxis an der individuellen Erfahrung von Frauen und queeren Menschen anzusetzen. Hierfür war der Begriff der "emotionalen Arbeit" wichtig. Ursprünglich wurde er von der Soziologin Arlie Hochschild geprägt, die damit beschrieb, wie Arbeiterinnen im feminisierten Dienstleistungssektor während der Arbeit ihre Emotionen kontrollieren müssen. Zentrales Beispiel dafür ist die Flugbegleiterin, von der erwartet wird, stets ruhig und freundlich zu bleiben.

Rasch wurde das Konzept vom feministischen Diskurs vereinnahmt, um die Emotionsarbeit zu beschreiben, die Frauen in zwischenmenschlichen Beziehungen selbstverständlich auf sich nehmen. Das Pflegen von emotionaler Nähe, sich wichtige Geburtstage zu merken, immer wieder nachzufragen, wie es dem Partner geht. Der Begriff beschreibt ein wirkungsvolles Konzept, das die geschlechterspezifische Dynamik dieser Arbeit sichtbar macht. Der liberale Feminismus nutzt es jedoch dafür, die Fürsorge für unsere Mitmenschen aufzurechnen und uns von zwischenmenschlicher Verantwortung freizusprechen. Die Unterdrückungsverhältnisse, die diese Ungerechtigkeit bedingen, werden dabei nicht analysiert.

In der Folge werden wichtige politische Phrasen nun bis in die Bedeutungslosigkeit überstrapaziert. Freund*innen zu helfen, wird zur emotionalen Arbeit, von der es sich zu befreien gilt. Emotional fordernde Momente werden als »Gewalterfahrung« empfunden, jeder inhaltliche Austausch zur »kostenlosen Bildungsarbeit« deklariert. Scheinbar alles, worauf man keine Lust hat, wird zur »Grenzüberschreitung« – das Vokabular reicht aus, um jede potentielle Belastung von uns zu weisen. In dieser Logik gilt Egoismus als Ermächtigung, ein achtloser Umgang mit anderen wird zum widerständigen Feminismus.

Das ist schade, wenn auch logisch, ist es doch eine weitere Facette eines kapitalistisch assimilierten Feminismus, der der genussorientierten "Selfcare" eine hegemoniale Bedeutung zukommen lässt, gar als revolutionäre Praxis verkauft. Statt uns um eine materialistische Analyse zu bemühen, kümmern wir uns fleißig um uns selbst!

Selbstredend ist das Kennen und Achten der eigenen Bedürfnisse wichtig und notwendig – wird es zur primären politischen Praxis erklärt, führt es jedoch zu einer Individualisierung und Entsolidarisierung. Das spielt gegen die Gesellschaft, die wir uns wünschen. Denn dabei wird vergessen, dass kollektive Fürsorge ebenso wohltuend wie politisch erstrebenswert ist: Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Verantwortungsnahme sind wertvolle feministische Tugenden.

Kollektive Transformation entsteht nur durch kollektive Organisation – wir sollten Strukturen schaffen, in denen emotionale Arbeit anerkannt statt abgelehnt wird. In diesem Sinne: Lasst uns widerständig und rebellisch bleiben – aber gemeinsam.

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