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»Gleichberechtigung ist im Kapitalismus nicht zu haben«

Im Koalitionsvertrag sind zahlreiche Reformen des Familienrechts vorgesehen. Wie feministisch ist das? Ein Gespräch

Ein Mann in der Vaterrolle ist heute zwar kein ungewohnter Blick mehr, aber Mütter übernehmen noch immer deutlich häufiger die Sorgearbeit.
Ein Mann in der Vaterrolle ist heute zwar kein ungewohnter Blick mehr, aber Mütter übernehmen noch immer deutlich häufiger die Sorgearbeit.

Die Ampel-Koalition will das Familienrecht modernisieren. Künftig sollen etwa unverheiratete Väter mit gleichem Wohnsitz das Sorgerecht ohne Einwilligung der Mutter erhalten können. Ist das aus feministischer Sicht ein Fortschritt?

Lisa Yashodhara Haller: Im Koalitionsvertrag geht es viel um die Frage, ob die Selbstbestimmung der Mutter zugunsten einer Gleichberechtigung zwischen Vätern und Müttern zurückgestellt wird. Gleichberechtigung und Selbstbestimmung sind beides zentrale Anliegen des Feminismus. Allerdings zäumt die Koalition in der Abwägung das Pferd von hinten auf: Sie gibt Vätern die Rechte, ohne dass zuvor tatsächlich eine partnerschaftliche Arbeitsteilung gelebt wurde.
Alicia Schlender: Als würde die Rechtslage die Väter von der Sorgearbeit abhalten. Aktuelle Statistiken zeigen aber, dass die meisten Väter bereits die vollen Rechte haben – 90 Prozent der Kinder haben Eltern mit geteiltem Sorgerecht – und trotzdem gibt es einen Gender Care Gap von über 50 Prozent.
Haller: Aus unserer Sicht ist es der Zwang zur Erwerbsarbeit, der Väter dazu treibt, sich nicht um ihre Kinder zu kümmern. Aber beim Arbeitsmarkt geht die Koalition ausgesprochen vorsichtig vor in Sachen Gleichstellung.

Studien zufolge wollen Väter gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Trotzdem steigt die Arbeitszeit von Vätern nach der Geburt eines Kindes. Total widersprüchlich.

Schlender: Ja, das hängt mit dem gesellschaftlichen Ernährer-Narrativ zusammen und unseren Vorstellungen von Männlichkeit, für die Lohnarbeit zentral ist.
Haller: Väter beteiligen sich also weniger an der Sorgearbeit, weil es für sie gesellschaftlich schwierig ist, Erwerbsarbeit zugunsten der Sorgearbeit zurückzuweisen.

Wie kann eine Regierung gegen eine gesellschaftliche Norm vorgehen?

Haller: Mit Steuern zum Beispiel. Es müsste einen Anreiz dafür geben, weniger zu arbeiten.
Schlender: Um das noch mal auf die alltagspraktische Ebene zu holen: Wenn die meistens männliche Person die ersten zwölf Monate wenig bis keine Care-Arbeit zu Hause übernimmt, dann entsteht von Anfang an ein Gender Care Gap, das sich über die nächsten 18 Jahre hinaus fortsetzt. Und gleichzeitig ein Kompetenzgefälle, das verkleinert werden könnte, wenn alle Elternteile von der Geburt an Care-Arbeit übernehmen.

Wäre es eine Lösung, die Elternzeit paritätisch aufzuteilen?

Haller: Häufig ist es so, dass Männer in Elternzeit sind und trotzdem die Frauen die Sorgearbeit machen. Trotzdem ist eine Erhöhung der verpflichtenden Elternzeit für Väter ein gutes Steuerungsinstrument. Denn wenn es eine höhere Anzahl gesetzter Elternzeit für Väter gäbe, hätten sie eine sehr viel bessere Verhandlungsgrundlage gegenüber dem Arbeitgeber.

Wie könnte man Elternzeit für Väter normalisieren?

Haller: Ein Argument für den Vater, nicht in Elternzeit zu gehen, ist der prozentuale Wegfall des Einkommens. Eine Erhöhung auf hundert Prozent ist aber aus der Perspektive sozialer Ungleichheit problematisch. Das liegt an der diskriminierenden Berechnungsgrundlage des Elterngelds: Desto mehr Geld ich verdiene, desto mehr Elterngeld bekomme ich auch. Eine andere Lösung wäre es, beide Gehälter als Berechnungsgrundlage in einen Topf zu werfen. Außerdem sollte ein Erwerbsverbot für Väter im unmittelbaren Anschluss an die Geburt gelten, äquivalent zum Mutterschutz. Und zwar über die optionalen zwei Wochen hinaus, die Familienministerin Lisa Paus antrebt.

In Schweden gibt es kein Ehegattensplitting und es ist eher die Norm, dass zwei Elternteile arbeiten. Die schwedische Gewerkschafterin Therese Svanström fordert Vollzeit für alle. Was halten Sie davon?

Haller: Die Abschaffung des Ehegattensplittings ist überfällig! Zur Vollzeitarbeit: Das kommt darauf an, was man unter Vollzeit versteht. In Schweden wird auch mit kürzeren Arbeitszeiten experimentiert. Aber 40 Stunden für alle wollen wir auf gar keinen Fall.
Schlender: Wenn damit aber 20 Stunden bei vollem Lohnausgleich gemeint sind – also quasi 40 Stunden zusammen – dann ja!

Im Koalitionsvertrag ist auch festgeschrieben, dass nach einer Trennung das Wechselmodell das bevorzugte Modell sein soll, das heißt, dass die Kinder abwechselnd bei beiden Elternteilen sind. Das klingt erst mal gut.

Schlender: Ich finde es schwierig, das pauschal zu verankern. Dabei wird nicht berücksichtigt, wie die Arrangements vorher waren. Und wenn man sich die Statistiken anguckt, ist es in den seltensten Elternschaften so, dass ein reales Fifty-Fifty-Modell gelebt wird. Aus Ungleichheitsperspektive muss man kritisieren, dass mit dem Modell für viele Mütter die Barunterhaltspflicht der Väter wegfallen würde. Außerdem bevorzugt das Wechselmodell ökonomisch stabile Familien. Unser Wohnungsmarkt lässt in den meisten Fällen gar nicht zu, mal eben zwei Wohnungen zu finanzieren plus die ganze doppelte Kinderzimmerausstattung.

Schon jetzt erhalten mehr als ein Drittel der Alleinerziehenden keinen oder unvollständigen Unterhalt vom anderen Elternteil. In dem Fall gibt es die Unterhaltsvorschusskasse vom Jugendamt, wo die Mutter aber nur den Mindestsatz erhält, unabhängig vom Gehalt des Vaters. Außerdem wird das Kindergeld davon abgezogen. Müsste man da nicht auch etwas tun?

Haller: Die Unterhaltsvorschusskasse ist insgesamt politisch ein schwieriges Konstrukt. Die Idee war, dass der Vater zum Unterhaltsschuldner des Staates wird, um der Frau den Ärger zu ersparen. Aber diese Unterhaltsschuld vom Staat wird meistens nicht vollstreckt, weil es beim Jugendamt und nicht beim Finanzministerium liegt. Brutal gesagt kommt der Steuerzahler auf für zum Teil richtig reiche Männer, die es einfach nicht einsehen, Unterhalt zu zahlen. Sigmar Gabriel hat einmal gefordert, dass Väter, die keinen Unterhalt zahlen, obwohl sie unterhaltsfähig sind, den Führerschein entzogen bekommen sollten. Der Vorschlag wurde verworfen, weil zwischen Führerschein und Unterhalt kein Zusammenhang bestehe.
Schlender: Dass sich seitdem nichts getan hat, zeigt, dass es Druckmittel bedarf – besser sind aber Steuerungsinstrumente, die von der Familiengründung an auf eine egalitäre Arbeitsteilung zielen.
Haller: Weder solche Steuerungsinstrumente noch die strittigen Fragen rund um den Kindesunterhalt sind Thema für die Ampelkoalition, allerdings eine Kindergrundsicherung, die erst einmal vielversprechend ist.

Was wäre eine feministische Sicht auf Elternschaft?

Haller: Die in Deutschland und Europa dominanten feministischen Strömungen der Gleichheit haben sich von Elternschaft immer abgegrenzt. Simone de Beauvoir hat Mutterschaft als Stolperstein der Emanzipation beschrieben. Im Black Feminism und im Feminismus nicht-europäischer Länder wird Mutterschaft tatsächlich ganz umgekehrt als Befreiung verstanden und als Katalysator für Handlungsmacht. In den letzten Jahren hat auch in Deutschland eine krasse Transformation dieses Blicks auf Elternschaft stattgefunden. Angefangen hat das damit, dass queere Communities ihren Anspruch auf Elternschaft geltend gemacht haben.
Schlender: Mutterschaft und Elternschaft haben damit wieder einen Platz im Feminismus bekommen. Das ist aus unserer Sicht erfreulich: Es geht nicht länger um eine Abgrenzung von Elternschaft, sondern darum, die Zustände zu kritisieren, unter denen Elternschaft zur Zumutung wird.

Brauchen wir zur Überwindung des Kapitalismus feministische Elternschaft?

Haller: Ich würde sagen, ja! Gleichberechtigung ist im Kapitalismus nicht zu haben. Sorgearbeit ist ein zentrales Element menschlicher Existenz, aus dem auch Freiheit entsteht. Wenn wir in einer freiheitlichen Gesellschaft leben wollen, dann sollten wir Mutterschaft verallgemeinern und nicht abschaffen.

Also in dem Sinn, dass auch Väter und nicht-binäre Elternteile Mutterschaft ausüben können?

Haller: Genau. Vaterschaft ist historisch allein patriarchale Herrschaft, ein Rechtskonstrukt, das definiert, wie die Sorge ausgeführt werden soll. Aus dieser philosophischen Perspektive braucht Vaterschaft heutzutage kein Mensch, aber Mutterschaft für alle ist ein hohes Gut.

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