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  • Ausstellung »Klassenfragen«

Wenig Farbe in der Patrone

Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie widmet sich den Zusammenhängen von sozialer Klasse und Kunstproduktion

  • Larissa Kunert
  • Lesedauer: 6 Min.
»Ein Künstler, der keine Finanzierung bekommt, ist kein Künstler« steht auf dem pinkfarbenen Banner von Vlad Brăteanu.
»Ein Künstler, der keine Finanzierung bekommt, ist kein Künstler« steht auf dem pinkfarbenen Banner von Vlad Brăteanu.

Dass die Kunstwelt immer politischer wird, wurde schon oft festgestellt (zuletzt etwa von Wolfgang Ullrich in seinem Buch »Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie«). Nur wenige zeitgenössische, noch unbekannte Künstler scheinen derzeit ohne explizite aktivistische Botschaften auszukommen, wollen sie in den Institutionen und auf dem Kunstmarkt bestehen. Doch sind Debatten um race – das deutsche Wort »Rasse« ist verständlicherweise kein akzeptierter Begriff – und Geschlecht beziehungsweise Geschlechterrollen aus dem aktuellen Diskurs der bildenden Kunst nicht mehr wegzudenken, wurde die soziale Herkunft bislang vergleichsweise wenig thematisiert. Dabei ist der mittellose Künstler gerade in der bildenden Kunst ein klassisches Motiv, etwa in der Selbstinszenierung Vincent van Goghs oder in Carl Spitzwegs Gemälde »Der arme Poet« (1837). Und zweifellos hat die Klassenherkunft von Künstlerinnen und Künstlern auch heute einen entscheidenden Anteil an ihrem Selbstverständnis, ihrem Werdegang und ihrer Produktion.

Es wurde also Zeit: Nun hat sich die Berlinische Galerie in Kooperation mit der neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin des Themas Klasse angenommen und aus den Werken verschiedener Künstler aus diesem und dem letzten Jahrhundert die Ausstellung »Klassenfragen. Kunst und ihre Produktionsbedingungen« erstellt. Installationen, Skulpturen, Audiostücke, ein Film sowie auch Zeichnungen und Malereien sind hier zu sehen und zu hören. Sehr unterschiedliche Arbeiten, die jedoch alle auf die eine oder andere Weise Prekarität, Klassenunterschiede und daraus resultierende Schwierigkeiten und Selbstverortungen von Künstlern in ihrem Feld verhandeln.

Klasse hat in der Kunst zwei Seiten: Zum einen kann sie Gegenstand künstlerischer Arbeiten sein, zum anderen sind die Biografien von Kunstschaffenden von ihrer Klassenherkunft geprägt – ob sie aus dem Bürgertum oder aus einer Arbeiterfamilie stammen. Selbstredend stehen Künstlerinnen und Künstler aus prekären Verhältnissen dabei vor größeren Schwierigkeiten: Nicht nur ist ihnen der Zugang zu Ressourcen erschwert, sondern sie müssen sich auch die Codes der Kunstwelt, die mit dem akademischen Diskurs vermittelt sind, oft erst mühsam aneignen. Das wirkt sich zwangsläufig auf die produzierte Kunst aus. In der Berlinischen Galerie kann man Künstlerinnen dabei zuhören, wie sie von dem Erlernen und dem mutwilligen Wiederabstreifen dieser Codes erzählen. Ästhetisch interessant im Hinblick auf den Zusammenhang von Ressourcen und Produktion sind beispielweise die Arbeiten des Berliner Künstlers Douglas Boatwright, der mit Druckerpatronen in unterschiedlichen Erschöpfungszuständen verschiedene Motive druckte und so einem Gemälde aus der berühmten »Black Paintings«-Serie von Ad Reinhardt auf der unteren Hälfte die satte Farbe entzog und es zum Beispiel rot werden ließ. Materialarmut erzeugt hier neue Bedeutungen.

Darauf, dass soziale Klassen mit spezifischen ästhetischen Codes belegt sind (wie übrigens der französische Soziologe Pierre Bourdieu überzeugend in »Die feinen Unterschiede« dargelegt hat), verweist die Installation von Franziska Liza König, Jasminka Greganović-König und Liza Greganović: Mehrere weiße und cremefarbene Gardinen unterschiedlicher Struktur sind übereinander befestigt worden, hängen mitten im Raum. Das erinnert ein wenig an die Textilarbeiten Rosemarie Trockels oder Louise Bourgeois’ und somit an künstlerische Auseinandersetzung mit weiblicher Erfahrung – aber auch an kleinbürgerliche oder proletarische Wohnstuben, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Die Ausstellung zeigt allerdings nicht nur Kunst, sondern nähert sich ihrem Sujet auch auf gleichsam soziologisch-dokumentarische Weise: So sind an einer Wand vor dem Ausstellungsraum anonymisierte Anträge auf Corona-Hilfen zu sehen, die von über 60-jährigen Kunstschaffenden an den Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Berlin gestellt wurden. Sie gewähren einen ernüchternden Einblick in die Lebensrealität von Menschen, die die bildende Kunst vor langer Zeit zu ihrem Beruf gemacht haben und mit ihren Nöten viele weitere repräsentieren: Um Glamour geht es hier nicht, vielmehr ums nackte Über-die-Runden-kommen. Ohne Corona-Hilfen sehen sich viele der Antragsteller nicht imstande, ihre künstlerische Arbeit überhaupt fortzusetzen. So hat eine Künstlerin etwa genau 840, 34 Euro im Monat zur Verfügung – wer kann davon neben Wohnungsmiete und Lebensmitteln noch Leinwand, Farben und Atelier bezahlen? Dass derlei Probleme nicht neu sind, zeigt ein Brief der Künstlerin Hannah Höch (1989–1978) aus dem Jahr 1949 an den Schutzverband Bildender Künstler: Seit der Währungsreform könne sie selbst das Allernötigste nicht mehr bezahlen, schreibt Höch und bittet daher den Verband, ihr ihren Mitgliedsbeitrag zu erlassen. Höch kam übrigens aus einem bürgerlichen Elternhaus.

Auch die Künstlerin Jelka Plate war durch ihre soziale Herkunft nicht unbedingt benachteiligt, wie sie in ihrem eigens für die Ausstellung produzierten Hörstück »etwas verdienen« erzählt: Man erfährt, wie der soziale Aufstieg ihrer Familie durch das Einkommen ihres Vaters ihr erlaubte, sich während ihres Kunststudiums auf die unbezahlte Arbeit an dem Projekt »Die Mission – Künstlerische Maßnahmen gegen die Kälte« zu konzentrieren. Die »Mission« entstand 1997 durch eine Zusammenarbeit des Theater- und Filmregisseurs Christoph Schlingensief mit dem Schauspielhaus Hamburg: Theater- und Kunstschaffende trafen sich an einem eigens dafür eingerichteten Ort mit Obdachlosen, Arbeitslosen und Junkies und entwickelten mit ihnen gemeinsam politische Kunstaktionen. Durch die ihr gewährte finanzielle Sicherheit findet Plate also, vielleicht kann man das so sagen, zur Kritik der Klassengesellschaft und in den Protest. Später erhält sie Geld durch den Verkauf einer geerbten Wohnung und kann endlich wieder freie Kunst schaffen, statt für Theaterprojekte anderer zu arbeiten – oder sollte sie das Geld lieber in handfeste gemeinnützige Zwecke investieren? Plates Arbeit ist deshalb so gelungen, weil sie Fragen stellt, Zweifel offenlegt und Widersprüche aufzeigt.

Ein solches Differenzieren vermisst man bei der Audioarbeit von Margret Steenblock und ClaraRosa: Die beiden Künstlerinnen haben sich dafür mit der Frage auseinandergesetzt, was Klassismus bedeuten kann. Aussprüche wie »Ich gucke Filme grundsätzlich nur in der Originalversion« oder das Sich-lustig-machen über regionale Dialekte seien klassistisch, wird einem hier vermittelt. Nun, ist das so? Sicher kann in derlei Äußerungen ein gewisser Sozialchauvinismus stecken, doch die Künstlerinnen machen es sich hier zu einfach – um den Preis des Klassismusbegriffs, der damit völlig aufgeweicht wird. Schließlich gibt es auch Menschen aus dem Arbeitermilieu, die über Dialekte lachen.

Auch insgesamt fehlt es der Ausstellung, die einige sehenswerte Arbeiten zu bieten hat, an Begriffsklärungen und Erläuterungen der Inhalte – stattdessen werden lediglich ein paar bekannte Schlagworte bedient. So liest man im Ausstellungstext etwa davon, dass Klassismus mit den Diskriminierungsformen Rassismus, Sexismus und Ableismus (Diskriminierung aufgrund physischer oder geistiger Unfähigkeiten) verknüpft werden soll – sicher ein ehrenwertes Anliegen, das jedoch mittlerweile auch ein wenig zum Gemeinplatz geworden ist, vor allem, wenn sich solche Zusammenhänge, wie in der hier besprochenen Ausstellung, nur an wenigen Arbeiten überhaupt explizit zeigen. Interessanter wäre es gewesen, gerade die Besonderheiten von Klassismus auch in theoretischer Hinsicht deutlich herauszuarbeiten. Der Begriff ist ja an sich schon heikel: Versteht man ihn analog zu Rassismus, Sexismus und Ableismus, so könnte man annehmen, bei seiner Bekämpfung gehe es bloß darum, herabwürdigendes Denken und Vorurteile über sozial Benachteiligte abzuschaffen. Doch anders als bei Hautfarben und Geschlechtsmerkmalen gilt es bei Klassenmerkmalen nicht, diese idealiter wohlwollend anzunehmen. Stattdessen sollten sie zusammen mit den Klassen aufgehoben werden.

Dennoch: Man muss den Ausstellungsmachern zugute halten, dass sie mit »Klassenfragen« ein Thema aufgreifen, das im aktuellen Diskriminierungsdiskurs bislang noch wenig bearbeitet wurde.

»Klassenfragen. Kunst und ihre Produktionsbedingungen«, bis zum 9. Januar, Berlinische Galerie, Berlin

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