Schlagerstar statt Schnulzensänger

Frank Schöbel steht seit 60 Jahren auf der Bühne. Jetzt wird er 80 und veröffentlichte seine zweite Autobiografie

Zum Glück hat er es abgelehnt, Frank Lotharsen zu heißen: Frank Schöbel
Zum Glück hat er es abgelehnt, Frank Lotharsen zu heißen: Frank Schöbel

Am 11. Dezember wird der Schlagersänger Frank Schöbel 80 Jahre alt. Seit 60 Jahren steht er auf der Bühne, legte nur nach einer Operation an den Stimmbändern und anderen Beschwerden und während der Corona-Pandemie Zwangspausen ein. Unbefangen im Umgang mit dem unvermeidlichen Tod und selbst bei diesem Thema zu Späßen aufgelegt, hat er mal gesagt, er wolle 107 Jahre alt werden und live in der Fernsehsendung »Wetten dass …?« sterben, damit alle etwas davon haben. »Ich hab’s mir noch mal in Ruhe überlegt, ich will das jetzt nicht mehr«, verrät Schöbel nun in seiner neuen Autobiografie »Danke, liebe Freunde!«. Die erste unter dem Titel »Frank und frei« erschien 1998. Aber seitdem ist noch einiges geschehen.

Wie lange tritt er noch auf? Wann aufhören? Mal schauen. Erreicht hat er genug. Schon lange muss er niemandem mehr etwas beweisen. Schlager sind sein Metier. Aber angefangen hat er mit Rock ’n’ Roll. Und auch Ausflüge ins Schauspielfach unternommen. Der Defa-Musikfilm »Heißer Sommer« von 1968 ist Kult. Mit seinem Kinderlieder-Album »Komm, wir malen eine Sonne« (1976) reichte er zwar nicht an Gerhard Schöne und Reinhard Lakomy heran. Er ist aber in der Rückschau gleich hinter ihnen einzusortieren, und das muss man mit einem einzigen Ausflug in die Welt der Kinderlieder erst einmal schaffen.

Unübertroffen, zumindest was die Verkaufszahlen betrifft, ist seine legendäre Langspielplatte »Weihnachten in Familie«, eingesungen 1985 und auch fürs Fernsehen aufgenommen, zusammen mit seiner damaligen Partnerin Aurora Lacasa und den Töchtern Dominique und Odette. Mehr als zwei Millionen Exemplare gingen über den Ladentisch. Mehr hat die einzige DDR-Plattenfirma Amiga von keiner anderen LP verkauft. Dazu kommen Hits wie »Gold in deinen Augen« und »Man kann sich dran gewöhnen«. Der Erfolgsschlager »Wie ein Stern« von 1971 erlebte 1989 einen zweiten Frühling, nachdem ihn Regisseur Heiner Carow für eine Schlüsselszene in seinem Film »Coming Out« benutzte.

Eigentlich funktionieren gute Schlager in ihrer Zeit und haben nur eine geringe Haltbarkeitsdauer. Von Frank Schöbel klingen aber einige auch nach Jahrzehnten noch gut. Das findet er selbst. Dabei ist er nicht unkritisch mit sich, erzählt ganz offen, welchen seiner Schlager er für weniger gelungen hält, welchen seiner Filme man getrost vergessen kann. Bei dem einen oder anderen Film fehlte ihm etwas »Tiefgang« in den Dialogen. Was ihm gar zu blöd war, hat Schöbel nicht gemacht. Da schaltete er auf stur – schon als Soldat und Sänger im Erich-Weinert-Ensemble der Volksarmee.

Schwer zu verstehen sind seine Schlagertexte nun wirklich nicht, aber doch poetischer als in dem Genre üblich, nicht so verdammt flach. Frank Schöbel bildet sich zu Recht etwas darauf ein, dass einige seiner Lieder sogar eine politische Aussage haben, beispielsweise die nach der Wende veröffentlichten Songs »Es geht nur noch um die Kohle« und »Steh auf und leb dein Leben« oder kurz vor der Wende im Frühjahr 1989 »Wir brauchen keine Lügen mehr« – vordergründig war das nur ein Liebeslied, aber die DDR-Bürger wussten ja zwischen den Zeilen zu lesen.

Einer Partei gehörte er nie an, auch wenn es in der DDR nicht an Versuchen mangelte, den Prominenten für die SED zu werben. Er trat aber nicht einmal der Gewerkschaft bei, in der seinerzeit fast alle Erwachsenen waren. Schöbel tat es um das Geld für den Mitgliedsbeitrag leid. Dass man ihn deshalb im Kollegenkreis ein bisschen belächelte, nimmt er hin. Ein Geizhals ist er nicht, aber sparsam. Jeans und Lederjacke sind seine Markenzeichen und genügen ihm. Er braucht privat keine kostspielige Garderobe.

Aus dem Leben der Ostdeutschen ist Frank Schöbel kaum wegzudenken. Im Westen ist er weitgehend unbekannt, obwohl er da auch aufgetreten ist. 1974 sang er beispielsweise bei der Eröffnungsfeier der Fußballweltmeisterschaft im Frankfurter Waldstadion: »Freunde gibt es überall, auf der ganzen Welt«. Auch heute noch schön anzuhören. Das war ein besonderer Moment für den Hobbyfußballer Schöbel, der mittlerweile beim BSV Eintracht Mahlsdorf bei den ganz alten Herren trainiert. Gegner für ein Spiel zu finden, wird für die Mannschaften in seiner Altersklasse immer schwieriger. Fußballer oder Radrennfahrer wäre Schöbel in seiner Jugend gern geworden. Der Sport machte ihm mehr Freude als der Schulunterricht. Den Berufsausweis als Sänger schaffte Schöbel erst im dritten Anlauf.

In seiner Autobiografie erzählt er von seiner Kindheit in Leipzig. Die Mutter erzog ihn allein. Vater Johannes wurde 1945 abgeholt und ins sowjetische Internierungslager Mühlberg/Elbe gesteckt, das er nicht überlebte. »Man hat mir erzählt, dass mein Vater als Rechtsanwalt in der NSDAP war«, erklärt Schöbel auf Nachfrage. »Das war damals üblich.« Mehr weiß er darüber nicht. Die Mutter war Opernsängerin, der Onkel Herbert Küttner Radiomoderator. »Es ist richtig, dass mir die Musik in die Wiege gelegt wurde«, schreibt Schöbel. Vater Johannes sei auch »sehr musikalisch« gewesen und habe Saxofon gespielt.

Trotz einiger Erfolge im Ausland teilt Schöbel das Schicksal vieler ostdeutscher Künstler, dass ihre Namen in den alten Bundesländern kein Begriff sind. Es hat ihm nicht geholfen, dass der Mitteldeutsche Rundfunk seine Weihnachtssendungen über Jahre mit hohen Einschaltquoten im Fernsehen zeigte. Sie wurden nie ins Programm der ARD übernommen. Als Folge daraus tourt Schöbels Band bis heute fast ausschließlich in Ostdeutschland. Er nimmt das mit Humor: Dann müssten sie wenigstens nicht so weit fahren. Im Tourbus lässt er sich übrigens nicht chauffieren, steuert lieber das eigene Auto.

Sein Publikum ist zum Teil mit ihm älter geworden. Manche Fans halten ihm schon seit Jahrzehnten die Treue, fühlen sich bei persönlichen Problemen durch seine Lieder ermutigt, wie ihm in Briefen und E-Mails immer wieder bestätigt wird. »Die Fans sind eine Macht«, das ist einer seiner bekannten Schlager. Den Text schrieb ihm 1987 der Schriftsteller Jochen Petersdorf. Beide wohnten damals im Allende-Viertel in Berlin-Köpenick über Eck in der Platte. Sehen konnten sie sich nicht durch die geöffneten Fenster der Badezimmer, aber etwas zurufen. Auf diesem Wege übermittelte Petersdorf seine plötzliche Eingebung für den Refrain. Schöbel befand ihn für gut.

Das sind so Erinnerungen, die Schöbel mit den Lesern seiner Autobiografie teilt. Ein bisschen geht er auf sein wechselvolles Privatleben ein, aber sehr dosiert, und vermeidet dabei Schlammschlachten. Auch seine Ex-Frau Chris Doerk, die nach der Scheidung 1974 nicht mehr mit ihm sang, sondern erst Jahrzehnte später wieder, ist gemeint, wenn er das Buch »allen Ex-Frauen« widmet. Nebenbei bemerkt widmet er es auch Regisseuren, Requisiteuren, Kameraleuten sowie »den guten und bösen Journalisten«.

Ihn ärgert, wenn die Boulevardmedien nur über Beziehungskisten und Krankheiten von Stars schreiben wollen, obwohl das doch Privatsache sei. Wenn er Kritiken liest, dann sollen diese sich bitte sachlich mit seiner Musik beschäftigen. Damit kann er umgehen. Sauer machte ihn eine Journalistin, die sinngemäß formulierte, die innere Einheit könne erst vollendet werden, wenn die Ostdeutschen weggestorben sind, die in Schöbels Konzerte kommen.

Schöbels älterer Bruder, mit dem er sich sehr gut versteht, war aus der DDR in die BRD abgehauen, die Mutter als Rentnerin nachgezogen. Frank Schöbel hätte bei einem seiner Auftritte im Westen leicht drüben bleiben können. Doch wollte er unter anderem sein Publikum im Osten nicht im Stich lassen.

Etwa ein Jahr lang, jedoch nicht täglich, schrieb Frank Schöbel an seiner Autobiografie. Sie ist im Frage-Antwort-Stil verfasst. Hat er sich einfach interviewen und das dann eins zu eins abdrucken lassen? Eingestreute Floskeln, er trinke jetzt erst einmal Gin Tonic, bevor das Gespräch weitergehen könne, erwecken diesen Eindruck. Aber Schöbel erläutert auf nd-Nachfrage schelmisch: »Ich wollte das längste Interview der Welt schreiben.« Das habe aber niemand drucken wollen, weil die Zeitung dann mit einem Schlag voll gewesen wäre. So sei es ein Buch geworden. Er habe Fragen von Journalisten und Fans gesammelt und leicht abgeändert.

Es bleibt keine Frage unbeantwortet. Auch nicht die, ob es eine Wiedervereinigung im deutschen Schlager gegeben habe. Klare Antwort: »Nein, und ich habe das Gefühl, das will auch keiner, weil alles den Gesetzen des Marktes überlassen wird. Die positiven Dinge, die es in der DDR gab, wurden und werden oft ignoriert. Das heißt, man muss gegen alles sein, was aus der DDR kommt, sonst ist man für das Regime gewesen. Das ist natürlich dumm, aber so ist es.«

Weil man seinen bürgerlichen Namen Frank-Lothar Schöbel unmöglich fand, riet man ihm zu Beginn seiner Karriere, sich den Künstlernamen Frank Lotharsen zuzulegen. Das fand Schöbel furchtbar und lehnte ab. Es wäre auch schade gewesen um folgenden Reim von Günter Schindler, den Schöbel an das Ende seiner Autobiografie stellt: »Im Schrank entdeckt der Schöbel Maden und reklamiert den Möbelschaden.«

Frank Schöbel: Danke, liebe Freunde! Die Autobiografie von Frank Schöbel mit Herz und Haltung, Verlag Bild und Heimat, 349 S., geb., 26,99 €

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