Alter!

Der Linke-Politiker Gregor Gysi wird 75, versucht mal wieder, die Partei zu retten und hat einen Traum

  • Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 4 Min.
»Ein bisschen was muss schon los sein in meinem Leben« – Gregor Gysi bei einem Vorlesetag in einer 4. Klasse.
»Ein bisschen was muss schon los sein in meinem Leben« – Gregor Gysi bei einem Vorlesetag in einer 4. Klasse.

Wann darf sich ein Politiker ins Private zurückziehen? Mit 75 ganz bestimmt. Gregor Gysi hat das nicht vor. Der Linke-Politiker, der an diesem Montag seinen 75. Geburtstag feiert, hält sich lieber an den Titel seines ersten autobiografischen Buch »Das war‹s. Noch lange nicht«. Da erschien 1995. Da war er 47.

Über Gregor Gysi ist viel geschrieben worden; er selbst hat dazu mit zahlreichen Büchern beigetragen, in denen es um seine politische Entwicklung, seine Ansichten zur Zeit, seine Gespräche mit allerhand geistreichen Leuten, um seinen Vater, einen wichtigen Kulturpolitiker, sowie um die politische Rhetorik im Allgemeinen und um seine ganz eigene, spezielle geht. Um sein Leben eben, in dem das Sprechen eine Hauptrolle spielt. Denn dass Gysi ein glänzender Redner ist, weiß nun wirklich jeder, der sich auch nur flüchtig für Politik interessiert.

Gysi war ein Glücksfall für die im Herbst 1989 wankende DDR-Staatspartei SED und für das vereinigte Deutschland. Er sammelte die Reste der SED ein und hielt sie beisammen; nur wenigen ist es so maßgeblich wie ihm zu verdanken, dass daraus eine mühsam erneuerte Partei wurde, die PDS, die nicht im Orkus der Einheit verschwand, wie gewiss viele wünschten, sondern zu einem politischen Faktor wurde. Trotz all ihrer Krisen mit einem festen Platz in der deutschen Politik. Und er war einer derjenigen Ostdeutschen, von denen sich viele Menschen in den neuen Bundesländern verstanden und vertreten fühlten.

Auch die Entstehung und die Erfolge der Linkspartei sind ohne Gysi nicht denkbar. Er hat etwas geschafft, was nur wenigen gelingt: sich selbst als Marke zu etablieren, deren Wirkung weit über die Parteipolitik hinausreicht. Egal, wo und aus welchem Grund er auftritt – immer ist er auch der Linke-Politiker, der Sympathiepunkte sammelt. Gysi ist viel unterwegs, bis heute. Er tourt mit seinen Büchern, ist Gastgeber von Talkrunden, spricht bei Kundgebungen. Als Rechtsanwalt vertritt er einen angeklagten Klimaaktivisten, wobei ihm eine Zeitschrift ein »brillantes Plädoyer« bescheinigte. Kürzlich war er Protagonist bei zwei politischen Jahresrückblicken und in Krefeld, wo der Comedian Guido Cantz mit dem Steckenpferd geehrt wurde, einem Karnevalspreis, hielt Gysi die Laudatio.

Er liebt den öffentlichen Auftritt, die Bühne, das Rampenlicht. Wahrscheinlich braucht er es auch. Natürlich könnte er sich als Rentner einen schönen Tag machen, sagte er im nd-Interview, »aber immer nur ein schöner Tag langweilt mich dann auch. Ein bisschen was muss schon los sein in meinem Leben«.

Einen besseren Werbeträger kann sich Die Linke nicht wünschen, gerade jetzt nicht, in ihrer tiefen Krise. Die ihm nahegeht und dafür sorgt, dass es eben nicht nur schöne Tage gibt. Bei der Bundestagswahl 2022 wurde er unverhofft zum Retter in der Not – ohne die drei gewonnenen Wahlkreise, einer davon Gysis in Berlin-Treptow/Köpenick – wäre Die Linke aus dem Parlament geflogen. Wie man hört, versucht er hinter den Kulissen zwischen den zerstritten Lagern der Linken zu vermitteln und die Partei- und Fraktionsführung sowie Sahra Wagenknecht zu einer Art Friedensvertrag zu bewegen. Das ist seine Rolle: mal Diener, mal Diva. Wagenknecht und er hätten eine »historische Verantwortung, diese Partei zu retten«, sagte er dazu in einem Interview.

Als Ende des letzten Jahres die langjährige Chefin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Dagmar Enkelmann, aus dem Amt verabschiedet wurde, trat auch Gysi ans Rednerpult. Es war einer seiner typischen Auftritte – Charme, Witz, ein paar Anekdoten, ein wenig Kokettieren mit seinem Alter, eine kleine Frotzelei gegen das Gendern. An einem Punkt allerdings änderte sich der Tonfall, hin zu feierlichem Ernst: Niemand habe das Recht, die Existenz der Linken zu verspielen.

Er weiß, dass er gebraucht wird. Noch einmal. Ob er in zwei Jahren wieder – es wäre das neunte Mal – für den Bundestag kandidiert, das weiß er noch nicht. Obwohl: Alterspräsident des Parlaments, das wäre was. Bei der nächsten Wahl ist Gysi 77. Die Geschäftsordnung erlaubt es, den Alterspräsidenten entweder nach dem Lebensalter oder nach der längsten Zugehörigkeit zum Parlament zu bestimmen. In beiden Fällen liegt Gysi in der Spitzengruppe, aber nicht unangefochten. Kann sein, dass er noch mal vier Jahre warten müsste. Eine Rede von ihm zur Eröffnung der Legislaturperiode wäre mit Sicherheit ein Ereignis. Ein bisschen Träumen ist ja erlaubt.

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