Im Zwiespalt mit dem Kohle-Boom

Trotz Rekordumsatzes beim Bergbau will Kolumbiens Präsident Petro auf regenerative Energien setzen

  • Knut Henkel
  • Lesedauer: 4 Min.
Blick über den riesigen Tagebau Cerrejón auf der Halbinsel La Guajira in Kolumbien. Der größte Steinkohletagebau Lateinamerikas erstreckt sich über rund 70 000 Hektar und produzierte zuletzt über 25 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr.
Blick über den riesigen Tagebau Cerrejón auf der Halbinsel La Guajira in Kolumbien. Der größte Steinkohletagebau Lateinamerikas erstreckt sich über rund 70 000 Hektar und produzierte zuletzt über 25 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr.

Dreißig Millionen Tonnen Kohle wollte die größte Mine Lateinamerikas, die auf der Halbinsel La Guajira liegende Mega-Mine Cerrejón, im Jahr 2022 produzieren. Das ist fast die Hälfte der 65,3 Millionen Tonnen Steinkohle, die laut der kolumbianischen Bergbauvereinigung (ACM) 2022 nach vorläufigen Zahlen exportiert wurden. Zehn Prozent mehr Volumen als 2021, beim Umsatz war der Zuwachs jedoch gigantisch: Sieben Milliarden US-Dollar brachte der Kohleexport im ersten Halbjahr 2022 in die Kassen. Ein Jahr zuvor waren es nur 2,4 Milliarden gewesen.

Der Nachfrage-Boom nach der klimaschädigenden Steinkohle aus Kolumbien, ausgelöst durch den russischen Angriff auf die Ukraine und das Ausscheiden Russlands als Lieferland für Deutschland und andere Staaten, lässt den ACM-Präsidenten Juan Camilo Nariño jubeln. 2022 sei ein Rekordjahr für den Bergbau gewesen – mit noch nie dagewesenen Erlösen von mehr als 22,155 Milliarden US-Dollar, so Nariño auf einer Pressekonferenz vor dem Jahreswechsel. Das Gros davon entfällt auf die Steinkohle, die in mehreren Verwaltungsdistrikten wie La Guajira, Cesar, aber auch in der Nähe der Millionenstadt Medellín gefördert wird. Obendrein hat Kolumbien eine ganze Reihe noch nicht erschlossener Vorkommen, so zum Beispiel in der Grenzregion zu Venezuela, und baut auch Nickel und Gold in größeren Mengen ab. Oft unter miesen Bedingungen, so die Anwältin Rosa María Mateus vom Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo (Cajar), das die indigenen, afrokolumbianischen und bäuerlichen Gemeinschaften auf der Halbinsel La Guajira seit Jahren unterstützt.

Dort befindet sich auf rund 70 000 Hektar – in etwa die Ausdehnung von Hamburg – die Steinkohlemine Cerrejón. Im offenen Tagebau werden die dicken, schwarzen Kohleschichten meist per Sprengung auseinandergerissen, dann mit schwerem Gerät zerkleinert und per Bahn einmal über die Halbinsel La Guajira zum Hafen Puerto Bolívar geschafft, von wo aus der fossile Brennstoff in alle Welt geliefert wird. Daran wird sich in den kommenden Jahren kaum etwas ändern, so Igor Díaz, Präsident der Gewerkschaft Sintracarbón. Der Mann mit dem Oberkörper eines Schwergewichtsringers hat früher selbst die riesigen Kipplader durch den Tagebau gelenkt, der sich immer tiefer in den Untergrund frisst. »Die Verträge mit Cerrejón laufen bis 2034. Das Unternehmen will hier weiter fördern«, so der Gewerkschafter.

Díaz verhandelt derzeit mit dem Betreiber der Mine über ein weniger stressiges Arbeitszeitmodell für die rund 11 000 Kumpel. Der Betreiber heißt Glencore, der Schweizer Branchenriese hat erst im Januar 2022 die ehemaligen Partner BHP Billiton und Anglo American ausgezahlt und die Mine Cerrejón komplett übernommen. Die produziert derzeit unter Hochdruck, denn anders als 2020 und 2021, als das Unternehmen über zurückgehende Nachfrage klagte, ist 2022 ein glänzendes Jahr. Die Produktion für 2023 ist quasi schon an Kraftwerke in Europa und Asien verkauft.

Das ist jedoch nur bedingt im Interesse der kolumbianischen Regierung von Präsident Gustavo Petro, die die Steuern für Bergbauunternehmen in einem ersten Schritt angehoben hat. Folglich verdient sie am Kohleexport mit, will aber weg von der Kohle, hin zu regenerativen Energien wie Windkraft oder Solarparks. Für die gibt es in der ariden und semariden Region der Guajira mit ihren vielen Sonnenstunden und wenig Niederschlägen gute Bedingungen, so Experten. »Fest steht, dass keine neuen Bergbaukonzessionen vergeben werden sollen«, so Díaz, der seit mehr als dreißig Jahren in der Mine arbeitet, aus der Region stammt und sich fragt, wo die Arbeitsplätze von morgen
entstehen werden.

Diese sind extrem wichtig, denn der Verwaltungsdistrikt La Guajira ist trotz all der Kohle bettelarm. Besonders betroffen ist das indigene Volk der Wayuu, das nie gefragt wurde, ob und wie der Bergbau mit seiner Lebensweise zusammenpassen könnte. Das moniert auch Vizepräsidentin Francia Márquez, die kürzlich auf Twitter provokant fragte: »In La Guajira befindet sich die größte Kohlemine Kolumbiens, und in diesem Departement sterben Kinder an Hunger. Ist das Entwicklung?«

Wie eine Entwicklung aussehen könnte, versucht die Regierung von Gustavo Petro, der seit seinem Amtsantritt im August bereits dreimal vor Ort war, gerade zu eruieren. Mehr Mitbestimmung bei Investitionsprojekten ist dabei eine Herausforderung, die Bekämpfung der omnipräsenten Korruption eine weitere und die Verbesserung der staatlichen Präsenz eine dritte. Das könnte helfen, Hunger und Durst in der Region zu bekämpfen.

Dafür hat die Regierung die Unterstützung der Gewerkschaft Sintracarbón. Bei dieser sind bereits die ersten Kollegen aktiv, um auszuloten, ob es Optionen gibt, bei der Montage von Windkraftanlagen mitzuarbeiten, so Díaz. Er hofft, kommende Woche Nachricht zu erhalten, ob die Rückkehr zum alten Arbeitszeitmodell genehmigt wird. »Für uns wäre das ein Erfolg, denn so sinken die Unfallrisiken«, meint er.

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