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  • Selbstverwaltete Seifenfabrik Vio.Me

Ungewisse Zukunft für Vio.Me

Der seit 2013 selbstverwalteten Seifenfabrik Vio.me aus Thessaloniki droht das Aus

  • John Malamatinas, Thessaloniki
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor zehn Jahren, im Februar 2013, sorgte die Besetzung einer kleinen Baustofffabrik in der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki international für Schlagzeilen. Die Bosse waren verschwunden und hatten die Beschäftigten von einem Tag auf den anderen ihrem eigenen Schicksal überlassen. Die Belegschaft des Unternehmens Vio.Me eröffnete damals nach einem zweijährigen Arbeitskampf mit einem Konzert und einer großen Solidaritätsdemonstration die besetzte Fabrik wieder – mit dem Ziel der Selbstverwaltung. Nun ist das Projekt bedroht, denn die Gebäude und Grundstücke des Werks wurden in einer Online-Auktion an einen ausländischen Fonds verkauft.

Am vergangenen Samstag demonstrierten deshalb über Tausend Menschen in der Innenstadt von Thessaloniki: Anarchist*innen und andere Linke, Mitglieder von Kooperativen und selbstverwalteter Projekte, auch Aktivist*innen gegen die Goldminen auf der Halbinsel Chalkidiki. Makis Anagnostou, Mitbegründer der selbstverwalteten Fabrik, läuft neben dem Fronttransparent mit der Aufschrift »Die Produktionsmittel in die Hände der Arbeiter – Hände weg von Vio.Me«. Er hat wie immer kaum Zeit für ein Gespräch, denn ständig begrüßen ihn Menschen, während der Demozug den Uferboulevard am Meer entlangzieht. Er betont, Vio.Me sei für ihn »mehr als nur sein Herzensprojekt«, sondern ein Symbol dafür, dass »Sachen anders laufen können«. »Wir sind die einzige Fabrik im Land, die ohne Chefs arbeitet und in der alle gleich bezahlt werden«, sagt er und deutet auf seine Kollegen, die neben ihm die Transparente halten.

Die aktuelle Mobilisierung folgt auf die Versteigerung eines Großteils des Geländes der Firma Filkeram Johnson im Osten Thessalonikis, auf dem auch Vio.Me untergebracht ist. Makis und seine Kollegen weisen darauf hin, dass das 140 Hektar große Grundstück für nur neun Millionen Euro an einen südafrikanischen Fonds verkauft wurde, während sein tatsächlicher Wert 2016 auf über 30 Millionen Euro geschätzt wurde.

Vio.Me – kurz für Viomichaniki Metalleftiki – wurde 1982 als eine von drei Tochterfirmen der Filkeram AG gegründet, die der Familie Filippou gehört. Im Mai 2011 wurde Konkurs angemeldet, die Eigentümerfamilie und die restlichen Aktionäre der Filkeram-Johnson-Gruppe verließen die Fabrik, gaben die Produktionsmittel auf und ließen die Beschäftigten unbezahlt. Das Werk stellte chemische Baumaterialien wie etwa Fugenkleber her und lieferte Produkte nach ganz Griechenland sowie ins benachbarte Ausland – 2006 zählte es noch zu den 20 erfolgreichsten Unternehmen Nordgriechenlands. Seit 2013 ist es den Beschäftigten nicht nur gelungen, die Fabrik zu reaktivieren, sondern auch ein anderes Produktionsmodell einzuführen: Durch Arbeiterversammlungen, Direktvermarktung ohne Zwischenhändler, aber auch durch die Umstellung auf ökologische Produkte. Mit der Stadtgesellschaft von Thessaloniki ist die Fabrik inzwischen auf vielfältige Arten verbunden, die weit über die Funktion als Produktionsstätte hinausgehen.

Solidaritätskomitees zur Unterstützung der selbstverwalteten Fabrik haben sich von Australien bis in die USA gegründet. Das Kölner Komitee sammelte Geld für einen Transporter, ökologisch verträglich hergestellte Seife aus Thessaloniki wird bis heute im nd-Shop vertrieben. Namhafte Intellektuelle wie Naomi Klein, Silvia Federici und David Harvey unterstützten 2013 die internationale Kampagne für die Fabrik. Auch Alexis Tsipras besuchte kurz vor seiner Wahl zum Premierminister den Betrieb und sicherte den Arbeiterinnen und Arbeitern seine Unterstützung zu.

Die Entstehung des Projekts ging mit der schweren Wirtschaftskrise einher, die Griechenland in den Jahren 2010 bis 2015 erschütterte. Damals beteiligten sich Tausende Griech*innen an selbstorganisierten Projekten und Kooperativen. Nach der enttäuschenden Regierungszeit von Tsipras und des Linksbündnisses Syriza, die sich dem Druck der internationalen Institutionen beugten, haben einige aufgegeben, doch viele andere haben überlebt und existieren unter der rechtskonservativen Mitsotakis-Regierung weiter. Vio.Me hat für viele von ihnen weiterhin Leuchtturmcharakter.

»Vio.Me ist nicht so leicht unterzukriegen«, sagt ein junger Aktivist, Nikos Dimitriadis von der Antiautoritären Bewegung, ein paar Transparente weiter. Er erklärt, dass die Beschäftigten im Laufe der Jahre immer wieder den Fortbestand der Selbstverwaltung erkämpfen mussten, »sei es, als der Strom abgestellt wurde, vor Gericht, oder bei Angriffen durch die Polizei«. Dem Staat scheint Vio.Me durchgehend ein Dorn im Auge zu sein – »gerade weil das Projekt gut vernetzt ist und jederzeit Unterstützer*innen bereitstehen, das Tor zur Fabrik mitzuverteidigen«. Die Beschäftigten bestehen darauf, die Fabrik weiterzubetreiben, selbst wenn der Staat beschließt, »die Bereitschaftspolizei zu schicken«. Auf Nachfrage betont Anagnostou: »In diesen zehn Jahren haben wir es mit Göttern und Dämonen aufgenommen, wir werden jetzt nicht aufgeben.«

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