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Ukrainischer Biathlet: Rückkehr russischer Sportler wäre Fehler

Von Olympia in den Krieg und zur WM. Der ukrainische Biathlet Dmytro Pidrutschnyj wird zum Botschafter seines Landes

Dmytro Pidrutschnyj schießt derzeit zum Glück wieder nur auf Scheiben eines Biathlonrennens.
Dmytro Pidrutschnyj schießt derzeit zum Glück wieder nur auf Scheiben eines Biathlonrennens.

Sie haben ein schreckliches Jahr hinter sich. Ihr Heimatland wurde angegriffen, Sie wurden ins Militär eingezogen. Und nach Ihrer Rückkehr in den Sport mussten Sie sich im Dezember noch einer Knieoperation unterziehen. Haben Sie überhaupt noch davon geträumt, hier bei den Biathlon-Weltmeisterschaften in Oberhof einen fünften Platz erreichen zu können wie in der Sprint-Entscheidung?

Interview

Dmytro Pidrutschnyj ist ein ukrainischer Biathlet. Und ein Soldat. Vor fast genau einem Jahr war die Reihenfolge noch andersherum. Gleich nach dem russischen Einmarsch wurde der 31-Jährige in die Nationalgarde eingezogen, um seine Heimatstadt Ternopil zu verteidigen. Mittlerweile ist der Verfolgungs-Weltmeister von 2019 wieder vom Dienst befreit und startet bei der WM in Oberhof.

Geträumt hatte ich eigentlich nur davon, überhaupt wieder zu meinem Sport zurückkehren zu zu können. Das würde wohl jedem Athleten in einer ähnlichen Lage so gehen. Umso überraschter war ich natürlich, dass ich solche Leistungen hier abrufen konnte. Ich hatte ja nicht einmal damit gerechnet, dass ich nach der Operation so schnell wieder ins Training einsteigen könnte. Die Resultate hier zeigen, dass wir dann richtig gearbeitet haben. Das hatte sich aber schon im IBU-Cup angedeutet (2. Liga unterhalb des Biathlon-Weltcups, Anm. d. Autors), als ich im Sprint den dritten Platz in Obertilliach erreichen konnte.

Normalerweise bauen Biathleten ihre Form bis zum Saisonhöhepunkt über viele Monate vom Herbst an auf. Wie haben Sie das in nur zwei geschafft?

Das kann ich auch nicht erklären. Ich habe wirklich keine Ahnung. Ganz ehrlich, ich dachte, das Beste, das ich hier bei der WM erreichen könnte, wäre Platz 40 oder 50, aber bestimmt nicht, dass ich bei der Siegerehrung der besten Sechs dabei wäre. Ich stand nach der Reha ja sogar erst am 10. Januar wieder auf Ski, also weniger als einen Monat vor der WM. Ich muss meinem ganzen Team an Ärzten und Trainern dafür danken, dass ich jetzt da bin, wo ich bin.

Nun wissen Sie, wie gut Ihre Form ist. Auch für den Massenstart sind Sie qualifiziert. Werden die Ziele jetzt höhergesteckt?

Natürlich will ich jetzt noch mehr gute Rennen zeigen, deswegen habe ich auch den schweren Einzel-Wettkampf am Dienstag ausgelassen. Es steht ja noch die Staffel und der Massenstart an. Für das komplette Programm wäre meine Form nach so wenig Training sicher noch nicht gut genug gewesen.

Der Norweger Tarjei Bø, der im Sprint Silber gewonnen und danach mit vier seiner Landsmänner bei der Siegerehrung gefeiert hatte, sagte danach, dass er sich keinen besseren Kollegen zur Komplettierung der Top Sechs hätte wünschen können als Sie. Es sei das perfekte Bild, um der Welt zu zeigen, dass ihre beiden Nationen Seite an Seite stünden. Man unterstütze die ukrainische Mannschaft, wo es nur geht. Haben Sie seit Ihrer Rückkehr viele solcher Reaktionen erlebt?

Ja, es war sehr nett von ihm, das auf der Pressekonferenz zu sagen. Und auch sehr wichtig für mein Land. Dort sieht man, wie sehr uns die Norweger helfen. Auch Athleten anderer Nationen unterstützen mich hier oder sagen mir einfach, wie schön es sei, mich wiederzusehen. Sie verstehen, was in unserem Land passiert.

Wie können Sie überhaupt noch trainieren? Im Netz sind Videos einer völlig zerstörten Trainingsanlage zu sehen.

Es ist wirklich sehr gefährlich daheim. Wir haben eigentlich zwei Trainingszentren: eins an der Grenze zu Belarus und eins im Westen in der Nähe zu Polen. Das im Norden in Tschernihiw, wo wir auch immer unsere nationalen Meisterschaften austragen, ist tatsächlich völlig zerstört worden. Ich lebe zum Glück im Westen des Landes, wo wir noch eine funktionsfähige Einrichtung haben. Aber an Rollerski-Fahren war nicht zu denken. Weil es also so gefährlich ist, trainierten wir fast die ganze Zeit im europäischen Ausland. Unser erstes Sommercamp haben wir sogar hier in Oberhof abgehalten.

Sie haben Ihren dritten Platz im IBU-Cup Anfang Februar einem Freund gewidmet. Warum?

Nur wenige Tage zuvor hatte ich erfahren, dass mein Kamerad Eduard, mit dem ich in den Monaten zuvor viel gesprochen hatte, bei der Verteidigung der Ukraine gestorben war. Das war natürlich eine sehr schwere Woche für mich. Ich wollte der Welt davon berichten und habe mich noch mal mehr reingehauen, um das Podium zu erreichen.

Vor fast genau einem Jahr haben Sie die weltweite Biathlon-Community mit einem Foto von Ihnen in Uniform schockiert. Sie müssten jetzt Ihr Land verteidigen, schrieben Sie nur wenige Tage nach den Olympischen Winterspielen von Peking. War das Ihre eigene Entscheidung oder mussten Sie in den Dienst an der Waffe?

Um ehrlich zu sein, dachte ich zu dem Zeitpunkt nicht wirklich darüber nach. Ich musste es einfach tun und folgte den Anweisungen unserer Führung, als ich in die Nationalgarde eingezogen wurde.

Haben Sie auch an der Front gekämpft?

Zum Glück nicht. Ich wurde hauptsächlich dazu eingeteilt, meine Heimatstadt Ternopil zu verteidigen. Die liegt im Westen, also nicht direkt an der Frontlinie. Aber ich wurde auch weiter militärisch ausgebildet, für den Fall, dass sich die Lage auch dort verschlimmert. Das war natürlich physisch und emotional sehr hart, aber ich war bereit dazu.

Sie wurden im Frühsommer vom Dienst freigestellt. Befürchten Sie eine Verschlechterung der Lage, sodass Sie doch in einen Kampfeinsatz zurückkehren müssen?

Nein, Angst habe ich nicht. Ich war zwar nicht an der Front bisher, habe aber schon genug davon gesehen, um zu wissen, was mich dort erwarten würde. Wenn man mich wieder ruft, dann werde ich mein Land verteidigen, so wie jeder andere Ukrainer auch. Davon bin ich überzeugt.

Wie geht es Ihrer Familie? Sind alle in Sicherheit?

In den ersten Monaten ist meine Familie zu meinem Trainer in die Slowakei geflüchtet. Mittlerweile sind aber alle wieder in Ternopil, sie wollen ihre Heimat nicht verlassen. Deswegen mache ich mir täglich Sorgen um sie.

Hat diese Erfahrung Ihre Sichtweise auf den Sport verändert?

Ich habe drei Monate gedient, bevor ich von unserer Führung den Auftrag bekam, wieder mit meinem Biathlon-Training anzufangen. Ich sollte mein Land im Ausland repräsentieren und den Menschen dort davon erzählen, wie die Situation in unserem Land ist. Das ist jetzt eine meiner wichtigsten Aufgaben im Sport.

Russische Athleten sind dagegen bei dieser WM und in so gut wie keiner anderen Sportart zugelassen. Eine richtige Entscheidung?

Definitiv ja. Es wäre ein großer Fehler, sie starten zu lassen. Schließlich ist der Krieg nicht zu Ende. Es hat sich also nichts geändert seit der Entscheidung, den Auslöser des Krieges international zu isolieren. Russland sollte erst auf die Weltbühne gelassen werden, wenn der Krieg beendet ist und sie dafür bezahlen, was sie angerichtet haben.

Das Internationale Olympische Komitee treibt dennoch schon jetzt einen Plan voran, einige russische Sportler bei den Sommerspielen 2024 in Paris starten zu lassen: als neutrale Athleten. Wäre das eine Option?

Nein, es wäre ein großer Fehler. Neutrale Athleten gibt es nicht. Die Erfahrung haben wir ja schon mal gemacht. Jeder wüsste, dass sie Russen sind. Fans würden auch die russische Fahne schwenken.

Es heißt, die Ukrainer würden in diesem Fall die Spiele boykottieren. Und das, obwohl sie viele Jahre auf dieses Ziel hintrainiert haben.

Ja, ich denke ebenfalls, dass das zu einem großen Boykott führen würde. Und ganz ehrlich, auch ich würde das tun, egal wie viel ich vorher in diesen Traum investiert hätte.

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