Heiliges Warum

Der Spielfilm »Saint Omer« rekonstruiert den Prozess um einen Kindsmord in Frankreich

  • Christin Odoj
  • Lesedauer: 4 Min.
Weder unzurechnungsfähig noch berechnende Mörderin: Laurence Coly (Guslagie Malanda) vor Gericht.
Weder unzurechnungsfähig noch berechnende Mörderin: Laurence Coly (Guslagie Malanda) vor Gericht.

Am Anfang, wenn das Bewusstsein erwacht, steht immer die Frage nach dem Warum. Ein kleines Kind fragt 100 Mal am Tag danach. Warum ist der Regen durchsichtig, warum haben wir zwei Brustwarzen, warum ist der Briefkasten gelb? So geht es ewig weiter und es endet auch nicht, nur weil wir erwachsen sind. Ohne das »Warum« hält der Mensch das Leben nicht aus und ohne eine Antwort ist es noch viel schlimmer.

Am Anfang von Alice Diops Spielfimdebüt »Saint Omer« steht eine Tat, die genau diese Frage offen lässt. Verhandelt wird der Mord an der 15 Monate alten Élise. Die Angeklagte ist ihre eigene Mutter, Laurence Coly (Guslagie Malanda), eine Studentin aus Dakar, die für ihr Philosophiestudium nach Paris kam. Nachts soll sie mit ihrer kleinen Tochter an den Strand der nordfranzösischen Küstenstadt Berck-sur-Mer gereist sein, wohl wissend, dass hier eine starke Flut herrscht, um ihre Tochter dann im Wasser zurückzulassen.

Der Film erzählt von dem anschließenden Gerichtsprozess in der Stadt Saint Omer in minutiösen Einzelheiten, die Kamera (Claire Mathon), verweilt eine Ewigkeit auf dem selbstsicheren, kühlen Gesicht von Laurence Coly, während sie ihre Geschichte vor Richtern, Schöffen und Prozessbeobachtern erklären soll. Das Drehbuch (Alice Diop, Amrita David, Marie Ndiaye) verlässt kaum je den Gerichtssaal. Diops filmische Herkunft aus der dokumentarischen Form ist »Saint Omer« anzumerken. Die Universitätsprofessorin und Schriftstellerin Rama (Kayije Kagame) begleitet die Verhandlung, weil sie ein Buch über den Vorfall schreiben will. Rama, deren Perspektive der Film die meiste Zeit einnimmt, ist ein Alter Ego der Regisseurin Diop, die im Jahr 2016 einen Prozess verfolgte, der als Vorlage für den Film diente. Damals war die senegalesische Studentin Fabienne Kabou in ebenjenem Saint Omer angeklagt, ihre Tochter auf die gleiche Art getötet zu haben.

Der Film entzieht sich dabei den üblichen Wesensmerkmalen anderer Gerichtsfilme. Diop legt keinen Wert auf eine entlarvende, dämonisierende Psychologisierung der Kindsmörderin als überforderte, passive, gequälte Seele. Gleich zu Beginn gesteht die Angeklagte die Tat, plädiert aber auf nicht schuldig. Ihr Handeln sei das Werk von Hexerei gewesen. Eine Nachfrage der Richterin nach dem zentralen »Warum« entgegnet sie: »Ich weiß es nicht.« Ein Leben ohne die Tochter wäre einfacher gewesen, sagt sie dann doch an einer Stelle fast beiläufig.

Gleichzeitig hören wir von einer liebevollen Mutter, die ihr Kind jeden Tag massiert habe, die bemüht war, ihm alles zu geben, was es brauchte. Die aber auch alleingelassen worden sei und daraufhin sich und das Kind von der Welt isolierte (bis auf den Vater wusste niemand, dass das Kind überhaupt existiert). Der Vater (Xavier Maly), ein viel älterer Künstler, der sich weder für seine Tochter noch für seine schwangere Frau sonderlich interessierte, wird als das eigentlich überforderte, arme Würstchen inszeniert.

Rassismus schlägt der Mutter, die so perfektes Französisch spricht, dass es für die weißen Richter, Anwälte und Zeugen verwunderlich ist, ebenso entgegen wie das Entsetzen der Öffentlichkeit, der es mit der Frage nach dem »Warum« nie darum geht, zu verstehen, sondern zu urteilen. All diese Einzelheiten sind aber nicht Teil eines Puzzles, sondern stehen als isolierte Aspekte einer überkomplexen Erzählung für sich, sodass die Stücke am Ende nicht wirklich zusammenpassen, weil nie wirklich klar ist, was wahr ist.

»Saint Omer« ist über seine ganze Länge hinweg ein Film des Uneindeutigen. Weder ist die Mutter in der Inszenierung klar unzurechnungsfähig, noch ist sie die berechnende Mörderin, für die sie die Staatsanwaltschaft hält. Diese ständige Ambivalenz ist allerdings keine Stärke des Films – was die Juroren des Filmfests in Venedig sicher anders gesehen haben, denn der Film erhielt dort den großen Preis der Jury – sondern das ständige Hin- und Herschwingen zwischen Gewissheit und Ungewissheit lässt die Frage unbeantwortet, was Diop eigentlich vermitteln will.

»Saint Omer« könnte ein eindringliches Porträt einer Frau sein, die aus den strengen, traditionellen Familienstrukturen ihrer Heimat ausbrechen wollte, um in Paris zu studieren, dann aber Wohnung und auch finanzielle Unterstützung verliert und am Ende vor den Scherben ihres Lebens sitzt, alleingelassen in einer ihr feindselig gesinnten Umgebung. Aber dann ist unklar, ob die Person, die wir da auf der Anklagebank präsentiert bekommen, überhaupt so existiert, wie sie sich gibt. Und so verlieren auch die eigentlich stark akzentuierten Aspekte von Mutterschaft wieder an Kontur. Ein mysteriöser Film, den Frankreich ins Rennen um den Oscar für den besten internationalen Film schickte (der schließlich aber nicht nominiert wurde).

»Saint Omer«: Frankreich 2022. Regie: Alice Diop. Mit: Kayije Kagame, Guslagie Malanda, Valérie Dréville. 123 Minuten, Start: 9.3.

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