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  • Schaubühne Berlin: »Die Möwe«

Besser scheitern

An der Berliner Schaubühne wird Anton Tschechows »Die Möwe« zu einem Stück bloßer Abendunterhaltung verflacht

  • Erik Zielke
  • Lesedauer: 6 Min.
In »Die Möwe« an der Schaubühne hängen Nina (Alina Vimbai Strähler) und Trigorin (Joachim Meyerhoff) im Baum – und die ganze Inszenierung in der Luft.
In »Die Möwe« an der Schaubühne hängen Nina (Alina Vimbai Strähler) und Trigorin (Joachim Meyerhoff) im Baum – und die ganze Inszenierung in der Luft.

Wer Anton Tschechows frühes dramatisches Meisterwerk »Die Möwe« auf die Bühne bringen will, steht vor einer großen Herausforderung. Der Autor selbst hat sein Stück aus dem Jahr 1895 als Komödie verstanden. Zu Weltruhm gelangte er allerdings erst, als das Dreamteam des russischen Illusionstheaters Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko diesen und andere Theatertexte Tschechows als sentimentale Tragödien inszeniert hatte. Eine zwiespältige Synthese von Autorschaft und Regie. Noch heute ziert das Moskauer Künstlertheater, das Stanislawski zur Jahrhundertwende gegründet hat, eine Möwe als Emblem. Und noch heute haftet dem Stück die vom Schriftsteller ungeliebte Lesart der Regie an.

Aber wie ist das überhaupt möglich? Überwiegt in dem Text das Komische, oder ist es das Tragische? Tschechow hat ein verwickeltes Stück geschrieben über die Unzulänglichkeit menschlicher Existenz. Geht es darin um Liebe, so nur um die unerwiderte. Heinrich Heine, Meister der Miniatur, konnte diese alte und immer neue Geschichte in vier Versen abhandeln: »Ein Jüngling liebt ein Mädchen, / Die hat einen andern erwählt; / Der andre liebt eine andre, / Und hat sich mit dieser vermählt.« Handelt Tschechows »Die Möwe« von der Kunst, so immer nur von der letztlich bedeutungslosen. Der eine hat eigentlich nichts zu sagen, schreibt aus Zwang und ist damit erfolgreich; den anderen dürstet es nach künstlerischem Ausdruck, aber was er zu Papier bringt, bleibt unverstanden. Soll man lachen? Soll man weinen? Tschechow hatte, nicht zu Unrecht, seine Haltung dazu. »Die Möwe« birgt einiges an humoristischem Potenzial.

Nachdem er sich bereits 2013 in Amsterdam an dem Stoff versucht hatte und abermals 2016 in Lausanne, hat sich der Regisseur Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne am Lehniner Platz, nun auch in Berlin dessen angenommen. Premiere wurde am Dienstag gefeiert. Eine Tragödie war nicht zu sehen. Eigentlich auch keine Komödie. Viel eher: eine Klamotte. Es war die Degradierung von Weltliteratur zur billigen Abendunterhaltung.

Dabei fängt alles recht vielversprechend an. Eine gigantische Platane wächst aus der Bühnenmitte hervor, die ausladenden Äste ragen über die Köpfe des Publikums. Im Baum liegt bereits während des Einlasses die rauchende Mascha. Jung ist sie, warten muss sie. Warten worauf? Auf bessere Tage, auf die Liebe. Vielleicht darauf, dass etwas passiert. Es ist ein einfaches, aber ein starkes Bild: die junge, zierliche Frau auf dem alten, großen Baum. Die Verletzliche in der scheinbar unverwüstlichen Natur.

Dass es weit weniger eindrucksvoll weitergeht, zeigt sich dann mit dem ersten Dialog und zieht sich als fast schon erstaunlich konsequentes Phänomen über den ganzen gut zweieinhalbstündigen Theaterabend. Es ist ein arrhythmisches Spektakel, in dem kaum jemals der richtige Ton getroffen wird. Das kann allerdings wohl nicht an den Schauspielern liegen, die schon anders – und vor allem: besser – zu sehen waren. Es ist augenscheinlich dem Zugriff der Regie geschuldet, die es schafft, auch noch jede Figur zu verflachen.

Die Mascha, auf die der Zuschauerblick zuerst fällt, hat etwas von einem charmanten Dummchen. Ein Problem-Teenager, den man so im Original nicht erkennen kann. Medwedenko, der unglücklich in sie verliebt ist, ist in Ostermeiers Inszenierung vom ersten bis zum letzten Auftritt ein Hampelmann. Der Gutsverwalter Schamrajew ist ein grobschlächtiger Typ, so verkörpert, wie sich ein Regisseur, der gut im Geschäft ist, offenbar einen richtigen Proleten vorstellt.

Um zu verstehen, dass Nina aus einer prekären Situation flieht, reicht es nicht, hier im Theater zu sitzen; man muss dafür den Text kennen. Auch der Arkadina fehlt in dieser Darstellung jegliche Tiefe. Und so könnte man Figur für Figur durchgehen. Das typisierte Bühnenpersonal wird mit allerhand Einfällen bestückt, aber an Fallhöhe mangelt es diesen zweidimensionalen Menschen ganz gewaltig.

Bei Tschechow hat man es mit überaus überzeugenden Charakteren zu tun, die eine Welt und eine Geschichte spiegeln. Das Komische (und Tragische) ergibt sich daraus, dass alle sich ernsthaft bemühen um ein erfülltes Leben – und allesamt scheitern. Thomas Ostermeier lässt stattdessen ein paar Parodien auftreten, die für niemanden Identifikationsfiguren sein könnten, und diese ihre Beschränktheiten zur Schau stellen.

Ein Abend also ohne Lichtblicke? Nicht ganz. Der eine oder andere Witz mag zünden. Aber die Unterhaltung verläuft durchweg unter Niveau. Und selbstredend ist es ein ungeheures Vergnügen, den schriftstellernden Schauspieler Joachim Meyerhoff in der Rolle des populären Autors Trigorin zu sehen. Allein, es wurde hier nicht zu einem Meyerhoff-Soloprogramm geladen, sondern zu einer Inszenierung der »Möwe«, die ihrer Textgrundlage nicht gerecht wird.

Dass Ostermeier uns wenigstens kein Abziehrussland auf die Bühne gestellt hat, muss man ihm zugute halten. Er hat das Geschehen recht mühelos ins Heute verlegt, auch den Text gemeinsam mit dem Ensemble aktualisiert. Warum dann allerdings doch noch Wodka zu Salzgurken getrunken wird, Medwedenko eine vermeintlich russische Kopfbedeckung trägt und Trigorin bei seinem letzten Auftritt in einen Pelzmantel gesteckt wird, leuchtet nicht ganz ein. Wirkt das Bühnenbild mit dem Baum zunächst überzeugend, so ärgert man sich bald über die Einspielung von Vogelgezwitscher, was schon etwas arg Kunstgewerbliches an sich hat.

Neben dem offensichtlichen Liebesmotiv geht der Regisseur dem im Drama angelegeten Konflikt zwischen divergierenden Kunstauffassungen nach. Auch das allerdings ohne Gewinn. Tschechow lässt den jungen Kostja, im Geist der Avantgarde, ein Stück im Stück aufführen. Für das, was zu des Autors Zeiten der Symbolismus war, versucht man in der Schaubühne angestrengt eine Übertragung zu finden. Und so lässt man zeitgeistig ein wenig über Mutter Natur palavern, etwas überzogen performatives Bühnenbrimborium auffahren und schließlich eine Feuershow à la Florentina Holzinger zeigen. Es ist eine Kritik, die nicht treffen kann, weil sie es sich allzu einfach macht und kaum selbst ernst nehmen kann.

Auch das wurzelt bei Tschechow tiefer, als man es an diesem Theaterabend vermuten kann. Der Autor war im Theater selbst eine progressive Stimme (wenn auch beileibe kein Symbolist), in der Prosa hingegen ganz ein Kind des 19. Jahrhunderts und dankbar dafür, das gut bezahlt wurde, was gemeinhin als konventionell gilt. An der Schaubühne wird eifrig verlacht, aber kaum ernsthaft auf der Bühne über Kunst nachgedacht. So verpasst man die Gelegenheit zur Selbstreflexion und gibt sich lieber pseudokritisch.

Letztlich spiegelt diese Inszenierung dann doch genau eine unumstößliche traurige Realität aus Anton Tschechows Opus: Sie zeigt vielleicht hehre Ziele – und mehr noch: das Scheitern daran.

Nächste Vorstellungen: 10., 12. und 14. März
www.schaubuehne.de

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