Dortmunder Nazis und Migranten: Ein »absurder Widerspruch«

Im Ruhrgebiet attackieren Rechte und migrantische Jugendliche zusammen Linke

  • Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.
Die »Autonome Antifa 170« organisiert seit Jahren Proteste gegen Neonazis in Dortmund.
Die »Autonome Antifa 170« organisiert seit Jahren Proteste gegen Neonazis in Dortmund.

Im Dortmunder Westen und in Bochum gab es mehrere Übergriffe. Ihr macht eine neue Gruppe dafür verantwortlich. Was für Menschen agieren da?

Interview

Kim Schmidt ist Sprecherin der »Autonomen Antifa 170« aus Dortmund. Die Gruppe besteht seit über zehn Jahren und engagiert sich gegen die Dortmunder Neonaziszene. Darüberhinaus ist sie in zahlreichen linken Bündnissen in Nordrhein-Westfalen aktiv.

Die Übergriffe der letzten Wochen finden aus einer sehr gemischten und teilweise skurrilen Jugendszene heraus statt, die sich im Bereich der Möllerbrücke, einem beliebten Treffpunkt im Dortmunder Westen, bewegt und sich um eine Reihe von Schlägern formiert. Mehr noch als Steven Feldmann tritt Serkan B., ein Mittzwanziger mit Migrationserfahrung, als treibende Kraft auf. Während für die tatsächlichen Angriffe B., Feldmann und einige weitere Personen verantwortlich sind, hat sich um sie herum ein Umfeld an Jugendlichen geschart, die Aufkleber aus der Naziszene verkleben und Menschen anpöbeln, allerdings bei Weitem nicht das Gefahrenpotenzial von Feldmann, Serkan B. und deren engerem Kreis erreichen.

Zu den Rechten gehören auch Menschen mit Migrationshintergrund. Habt ihr eine Erklärung für diesen seltsamen Zusammenschluss?

Dass ein Migrationshintergrund nicht davor schützt, rechts zu sein oder sonstwie menschenfeindlichen Ideologien anzuhängen, zeigen zahlreiche rechte Organisationen, etwa die Grauen Wölfe oder salafistische Gottesstaatsfans. Die Nähe dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur »Ausländer-Raus-Fraktion« des Rechtsextremismus ist aber tatsächlich skurril. Was geht im Kopf einer Person of Color vor, die Sticker der Leute verklebt, die an anderer Stelle Menschen wegen eben ihrer Hautfarbe jagen und auch töten? Der Widerspruch scheint absurd offensichtlich.Wir sehen hier vor allem eine Szenedynamik am Werk, insbesondere Serkan B. biedert sich bei diesen Kids regelrecht an. Und vermutlich machen seine und Feldmanns zur Schau gestellte Gewaltbereitschaft durchaus Eindruck auf Heranwachsende, die auch gerne »groß und stark« wären, die einem Männlichkeitsbild nacheifern, das diese Leute scheinbar erfüllen. Dazu propagiert Serkan B. eine queerfeindliche Erzählung, indem er den von Antifaschist*innen unterstützen Kampf gegen sexistische Unterdrückung mit Pädophilie gleichsetzt. Das ist tatsächlich die stumpfsinnige Verleumdung, dass Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, oder Transpersonen, die ihre Identität nicht verstecken wollen, eigentlich auf Kindesmissbrauch aus seien. Das ist natürlich Blödsinn, aber eben einer, mit dem Rechte immer wieder die Mobilisierung von Teilen der Gesellschaft gegen LGBTIQ gelingt, und der bei diesen Heranwachsenden offenbar auf fruchtbaren Boden fällt.

Glaubt ihr, Steven Feldmann nützen seine zahlreichen Youtube-Auftritte bei nichtrechten Influencern, um unter den jungen Leuten populär zu sein?

Selbstverständlich ist es für Feldmann ein großer Pluspunkt, dass ihm mittlerweile eine Reihe von Influencern Raum für seine Propaganda gegeben hat. Das ist das alte Märchen vom Reden mit Nazis, das seit Jahrzehnten erzählt wird und dessen angebliche Resultate seit Jahrzehnten ausbleiben. Wer mit Nazis redet, präsentiert sie seinem Publikum als legitime Gesprächspartner. Die Nazis wissen das für sich zu nutzen. Manuellsen, Tom Surpreme, Beatskitchen, und wie sie nicht alle heißen, nehmen das bewusst in Kauf, um ihr Geschäft mit Zuschauerzahlen voranzubringen, und arbeiten so am »Ruhm« des erst diese Woche wieder verurteilten Feldmann mit.

Welche Rolle spielen die langjährigen Kader von »Die Rechte« und »Heimat Dortmund« für die Übergriffe?

Die alten Leute vom »Nationalen Widerstand Dortmund«, die vor Kurzem ihre Nachfolgestruktur »Die Rechte« beerdigt haben und neuerdings mit der NPD als »Die Heimat« verbandelt sind, haben damit herzlich wenig zu tun. Klar, da bestehen Kontakte zu Feldmann oder Pascal O., aber die Sicht darauf ist eine Mischung aus Schadenfreude, dass sich Kids mit Migrationshintergrund für ihre Sache einspannen lassen, und gleichzeitig Hetze in einem Statement gegen dieselben Menschen, die sie als ein Produkt der verhassten »Multikulti-Gesellschaft« diffamieren.

Was gilt es aus eurer Sicht, nun zu tun?

Den antifaschistischen Selbstschutz organisieren. Angriffe mit (Schreck-)Schusswaffen auf Hausprojekte, Übergriffe auf der Straße gegen vermeintliche Antifas – dagegen hilft nur, sich gemeinsam zu wehren. Gleichzeitig muss mit den Heranwachsenden von der Möllerbrücke ein Umgang gefunden werden, der ihnen deutlich macht, was für eine absurde Selbstschädigung es ist, das Geschäft der Leute zu erledigen, die sie außer Landes deportieren oder gleich vernichten wollen.

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