»Veronica«: Leben, Sex und Grausamkeit in New York

Mary Gaitskill erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zweier Frauen und von der Einsamkeit in New York

  • Isabella Caldart
  • Lesedauer: 4 Min.

Im deutschsprachigen Raum ist Mary Gaitskill noch nicht der Durchbruch gelungen. Und das, obwohl sie seit Ende der achtziger Jahre schreibt, der Film »Secretary« (2002) mit Maggie Gyllenhaal und James Spader lose auf einer ihrer Kurzgeschichten basiert und sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Der Blumenbar Verlag hat sich nun zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass hierzulande ein breites Publikum Gaitskill lesen kann. Nach der Wiederveröffentlichung 2020 von »Bad Behavior«, einem Short-Story-Band aus dem Jahr 1988, und der Erzählung »Das ist Lust« (2021), folgt nun der Roman »Veronica«.

Wollte man Mary Gaitskill mit einer anderen Autorin vergleichen, wäre es am ehesten Siri Hustvedt. Beide sind nicht nur fast gleich alt (1954 und 1955 geboren), sondern haben auch einen starken New-York-Bezug. Im Vergleich zu Hustvedts Belletristik und Essays ist Gaitskills Prosa aber kühler, dunkler. Die Kurzgeschichten von »Bad Behavior« drehen sich um Themen wie Abhängigkeit, sexuelle Devianz, sexualisierte Gewalt und Einsamkeit. In gedimmter Form finden sich diese Motive auch in »Veronica« wieder. Der Roman, im Original 2005 veröffentlicht, wurde von Daniel Schreiber in Deutsche übertragen.

Die titelgebende Veronica ist nicht die Protagonistin, sondern die Freundin von Ich-Erzählerin Alison – wenn man sie denn als Freundin bezeichnen will. Es sind die achtziger Jahre in Manhattan, als sich die beiden kennenlernen. Alison ist jung und wunderschön, hat vor ihrer Rückkehr in die USA in Paris als Model gearbeitet, während die 16 Jahre ältere Veronica »hässlich und krank« ist und eine Einsamkeit ausstrahlt, die auch Alison so noch nicht erfahren hat. Der Roman springt hin und her zwischen den Achtzigern und der Gegenwart, in der Alison selbst in einer ähnlichen Situation ist. Das einstige Model hat jetzt einen Putzjob im Büro eines ehemaligen Fotografen, der ihr diesen Job verschaffte, weil er einst in sie verliebt war. Sonst geht es ihr heute wie Veronica damals: Sie ist alt geworden und selbst krank und hat Hepatitis, während Veronica HIV-positiv war.

Warum genau die beiden Frauen trotz ihrer Unterschiede über die Jahre hinweg befreundet waren, kann Alison auch nach Veronicas Tod nicht ganz verstehen. Veronica hatte mit fortschreitender Krankheit immer weniger soziale Kontakte. Alison wiederum ist als kranke Frau mittleren Alters froh, »dass mir keine schöne junge Frau gegenübersitzt und mir erklärt, dass ich lernen müsse, mich selbst zu lieben«. Alison weiß: Wäre Veronica nicht an HIV erkrankt und ihr Partner an Aids gestorben, diese merkwürdige Freundschaft hätte nicht bis zu Veronicas Tod überdauert. »Manchmal empfand ich Verachtung und Abscheu für Veronica«, heißt es an einer Stelle. In einem anderen Moment erinnert sie sich daran, wie sie vor anderen Geschichten über ihre Freundin erzählte, in denen sie beschrieb, »wie skurril sie war und ihre abgedrehten Kommentare zum Besten gab. Ich kann die Stimmen der Leute hören, die mir bestätigten, was für ein guter Mensch ich war und wie tapfer«.

Doch in gewisser Weise sah sie in Veronica einen Spiegel ihrer eigenen Seele. In ihren Jahren als Teenagermodel in Paris wurde sie ausgenutzt, wie ein austauschbarer Gegenstand behandelt, um Geld betrogen, musste miterleben, wie mächtige Agenten minderjährige Models sexuell mißbrauchen. Und doch ist sie von dieser Welt nicht abgestoßen. Als sie mit diesen Erfahrungen zurück in ihrem geschützten Familienhaus in New Jersey ist, hält sie es dort kaum aus. »Das ist wirklich Poesie«, sagt sie über ihre Zeit in Paris, »Leben aus Sex und Grausamkeit.« Aus diesem Grund ist sie auch nach New York gezogen, »um des Lebens willen, um Sex und Grausamkeit zu erfahren«. Beides gibt es tatsächlich in der Stadt, in der HIV damals einschlug wie eine Bombe. Auch wenn Alison nicht direkt davon betroffen ist, schwingt die Angst davor immer mit, bis sie sich irgendwann eingesteht, dass sie, die sich für so liberal und offen hält, schwule und bisexuelle Männer »in Verbindung mit dem Tod« bringt und ihnen insgeheim die Schuld an Veronicas Infizierung gibt. So ist Gaitskills Roman auch eine Erinnerung an die Stimmung, die sich zum Höhepunkt der Aids-Panik in durch sämtliche Kreise zog.

»Veronica«, 2005 für den National Book Award nominiert, zeigt, worin Gaitskill so gut ist: Menschliche Abgründe und die Paradoxie zwischen Intimität und Isolation beschreiben, ohne dabei in Pathos und Sentimentalitäten abzurutschen oder aber in Widerwärtigkeiten, wie es einige männliche Autoren gerne tun. Sie schildert sie vielmehr mit einem nüchternen, teils distanzierten Blick, mit einer »So ist das nun mal«-Einstellung. Die gar vielen Zeitsprünge und der verschobene Fokus von zunächst ihrer Modelkarriere in Paris und dann ihrer Freundschaft mit Veronica, machen den Roman etwas unausgeglichen. Dennoch ist »Veronica« ein Buch über eine Freundschaft, die Einsamkeit höchstens lindern, aber niemals heilen kann.

Mary Gaitskill: Veronica. A. d. amerik. Engl.v. Daniel Schneider, Blumenbar Verlag, 301 S., geb., 22 €.

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