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Atomausstieg: Von wegen deutscher Sonderweg

Die Regierung stehe mit dem Atomausstieg isoliert da, beklagen Union, FDP und Wirtschaftsverbände. Ein Blick in die EU zeigt, dass das so nicht stimmt

  • Reimar Paul
  • Lesedauer: 4 Min.

Mit ihrer Kritik am deutschen Atomausstieg fahren CDU/CSU, FDP und Wirtschaftsverbände schweres rhetorisches Geschütz auf. Der Ausstieg sei »ein dramatischer Irrtum«, befindet FDP-Vize Wolfgang Kubicki. Der Wirtschaftsrat der CDU sieht darin eine »große Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland«. Und CDU-Fraktionsvize Jens Spahn spricht von »einem schwarzen Tag für den Klimaschutz«.

Besonders beliebt bei den hiesigen Atom-Apologeten ist jedoch der Verweis auf einen angeblich energiepolitischen Sonderweg der Bundesrepublik. So behauptet, stellvertretend für viele, der Vorstand des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Markus Jerger, Deutschland gehöre »zu den ganz wenigen Nationen in der Welt, die aussteigen, während andere Länder teilweise massiv in die Atomkraft investieren. Da stellt sich die Frage, warum wir gegen jedes Kalkül handeln.« Auch Unionspolitiker verweisen darauf, dass mehrere Nachbarländer – Frankreich, die Niederlande, Tschechien und Polen – sogar neue Atomreaktoren errichten wollten. EU-weit ist die Rede von insgesamt 15 oder mehr Neubauten.

Derzeit laufen AKW weltweit in 30 Staaten, insgesamt sind rund 440 Kraftwerksblöcke am Stromnetz. Spitzenreiter sind die USA mit mehr als 90 Reaktoren, gefolgt von Frankreich mit 56 und China mit 54. Im vorderen Feld finden sich zudem Russland (37), Japan (33), Südkorea (25) und Indien (22). Am Ende der Liste stehen mit jeweils einem Atomkraftwerk Armenien, Iran, die Niederlande und Slowenien. In der EU betreiben 14 der 27 Mitgliedsstaaten keine AKW. In nur einem Staat ist eine solche Anlage tatsächlich im Bau – in Flamanville in Frankreich. In Mochovce in der Slowakei liegt der Bau von zwei weiteren AKW-Blöcken wegen Geldmangels auf Eis.

Als Reaktion auf die energiepolitischen Turbulenzen infolge des Krieges gegen die Ukraine hat Belgien den beschlossenen Ausstieg verschoben. Statt 2025 sollen die sechs – teils in die Jahre gekommenen – Reaktoren 2035 vom Netz gehen.

Italien und Spanien halten am AKW-Aus fest, Spanien hat dafür einen groben Zeitrahmen von acht Jahren angegeben: Zwischen 2027 und 2035 soll der Ausstieg passieren. In Schweden wurde schon 1980 der Atom-Ausstieg beschlossen. Allerdings betreiben die Skandinavier noch immer sechs ihrer ursprünglich zwölf Reaktoren. Frankreich hat einen mehr oder weniger massiven Ausbau der Atomenergie angekündigt beziehungsweise bereits in die Wege geleitet.

Polen beabsichtigt, ein Atomprogramm neu zu starten, um so den Kohleausstieg zu bewerkstelligen. 2033 soll der erste von sechs Meilern ans Netz gehen. In Ungarn sollen zwei zusätzliche Reaktorblöcke entstehen, und Rumänien plant ein Mini-AKW mithilfe von US-Technik. In der Türkei, das Land ist kein EU-Mitglied, wird seit 2015 das erste AKW namens Akkuyu gebaut – mitfinanziert vom russischen Staatsunternehmen Rosatom.

30 Staaten betreiben noch Atomkraftwerke

Ist der deutsche Atomausstieg also doch aus der Zeit gefallen? Nein, sagt der Atomexperte und Herausgeber des jährlichen »Welt-Statusbericht Atomindustrie«, Mycle Schneider. Er beschleunige vielmehr einen Prozess, der in anderen Ländern »langsamer, ungeplant und oft schmerzlich erlitten« werde: »Ankündigungen des Neubaus von Atomkraftwerken reichen nicht aus, um Wunschdenken in industrielle Realität zu verwandeln.«

15 oder mehr Reaktoren in der EU neu zu bauen, sei schlicht unmöglich, weil die nötigen industriellen Kapazitäten dafür fehlten, argumentiert Schneider: »Wenn es in Frankreich bis nach 2050 dauern könnte, bis die ersten sechs neuen AKW in Betrieb gehen, wie eine geleakte Regierungsanalyse zeigt, wie soll es dann in den Niederlanden, Polen oder Schweden, die keine eigene Atomindustrie im Lande haben, zeitnah funktionieren?«

In der Europäischen Union seien in den vergangenen Jahren gerade mal zwei Atomkraftwerke in Bau gegangen, die sogenannten Druckwasserreaktoren der dritten Generation Olkiluoto-3 in Finnland und Flamanville-3 in Frankreich. Der finnische Reaktor habe nach 17 Jahren Bauzeit etwas Strom produziert und sei dann wegen Schäden in den Speisewasserpumpen wieder abgeschaltet worden, »der französische hat auch nach 16 Jahren noch keine Kilowattstunde geliefert«.

Überhaupt ist die Entwicklung in Frankreich interessant. Technische Probleme und austrocknende Flüsse sorgten im vergangenen Jahr dafür, dass rund die Hälfte der AKW des Landes stillstanden. Die Atomstromproduktion des Landes brach in der Jahressumme 2022 gegenüber dem Vorjahr um bis zu 80 Terawattstunden ein. Deutschland exportierte 2022 ins Nachbarland fünf Terawattstunden – ein neuer Rekordwert. Da in französischen Haushalten einfache Stromheizungen weit verbreitet sind, dürfte sich die Menge des von Deutschland (und anderen Staaten) gelieferten Stroms in das von der Atomlobby hochgelobte Frankreich im ersten Quartal dieses Jahres noch erhöht haben.

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