»Bild«: Döpfners Kinderchor

Die Zustände bei »Bild« entsprechen den gängigen Querdenker-Fantasien, meint Christoph Ruf

Die Frage, ob man aus E-Mails zitieren darf, die im berufsinternen oder gar privaten Kontext geschrieben wurden, hat uns schon oft beschäftigt. Dass es dabei meist um Mails geht, die Mathias Döpfner geschrieben hat, spricht nicht für die Medienkompetenz von Deutschlands wichtigstem Medienmanager. Da es aber nicht nur stimmt, dass das Private politisch ist, sondern eben auch, dass das Private privat ist, war mir bei der vorletzten Döpfner-Affäre einer noch unsympathischer als Döpfner selbst. Nämlich Benjamin von Stuckrad-Barre, der die private Nachricht veröffentlicht hatte. Lieber würde man ohne Freunde leben als mit solchen wie Stuckrad-Barre, der ziemlich genau deshalb auch keine hat.

Von öffentlichem Interesse waren die ziemlich weit rechts draußen angesiedelten Gedankenspiele Döpfners natürlich dennoch schon damals. Er ist schließlich nicht irgendjemand, sondern der Boss des Mediums, das leider immer noch meinungsbildend ist. Wie einflussreich »Bild« ist, hat wohl jeder während der Hochphase der Corona-Pandemie oder bei Diskussionen über Fridays for Future oder die Letzte Generation gemerkt. Glücklicherweise hat nicht jeder, der mit einem Puls von 200 aus seinem Auto springt und den Jugendlichen seine KZ-Fantasien entgegenbrüllt, eine Waffe dabei. »Bild« konsumiert hat er aber bestimmt.

Christoph Ruf
Christoph Ruf ist freier Autor und beobachtet hier politische und sportliche Begebenheiten.

Bei den in der aktuellen »Zeit« veröffentlichten, von Tipp- und Whisky-Fehlern wimmelnden »internen Dokumenten aus dem Springer-Haus« interessiert mich nun weniger, welche Blüten ein verbittertes, einstmals noch konservatives Denken treiben kann. Auch die im einschlägigen Lehrfilm thematisierten Auswirkungen einer unreflektierten Mama-Sohn-Bindung (»Meine Mutter hat es schon immer gesagt…«) finde ich nur am Rande unterhaltsam.

Wirklich erschreckt hat mich etwas anderes. Denn Döpfner hat in einer seiner zu später, sehr später Uhrzeit geschriebenen Nachrichten an den damaligen Chefredakteur Julian Reichelt nicht nur sein eigenes Werteschema skizziert, sondern auch darum gebeten, dass sich »Bild« daran orientiere. Einiges an diesen Leitplanken ist im guten Sinne liberal, vieles andere ist es entschieden nicht. Wenn Döpfner über den seiner Meinung nach nicht existenten Klimawandel oder über Israel schreibt, klingt er wie ein politischer Aktivist, der »seine« Zeitung zum Kampfblatt der eigenen Agenda macht.

Wer sich die Grundthemen des Döpfnerschen Kosmos anschaut, merkt dabei nicht nur schnell, wie traurig da jemand darüber ist, dass Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß nicht mehr leben, sondern vor allem, dass »Bild«-intern Meinungsfreiheit nicht existieren kann, denn das Blatt hat in den vergangenen Jahren bei allen wichtigen Fragen wirklich exakt so argumentiert, wie Döpfner das in den internen Mails skizziert hat.

Und das ist dann auch das wirklich Schlimme an den geleakten Mails: Sie bestätigen für den Springer-Konzern das Bild, das Querdenker (und leider nicht nur die) von der journalistischen Integrität und dem Meinungspluralismus hierzulande generell haben. Und das, nachdem sie sich gerade erst von den Freudenexzessen erholt haben, die ihnen Patricia Schlesinger beim RBB beschert hat. Womit auch die Frage beantwortet wäre, wer der Demokratie wirklich schadet. Die »Ossis« oder Verleger, die eine Zeitung so führen, als sei eine Redaktion ein Kinderchor. Und sie selbst als Komponist und Dirigent in einem.

Das Dirigieren ging bei »Bild« bis hin zur dutzendfachen Wahlempfehlung zugunsten der FDP. Genau die hatte Döpfner so angemahnt. Schließlich war er irgendwann morgens um eins von den Granden der Haus-und-Hof-Partei CDU/CSU abgefallen: Laschet schien ihm zu bieder und zu merkeltreu, Söder charakterlich zu dubios. Letzteres ist nun allerdings eine Erkenntnis, die – ganz ohne Dirigent – von keinem einzigen Journalisten bestritten wird. Vielleicht nicht einmal von Söder selbst.

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