Facebook: Die Meta-Askese

Mark Zuckerberg verordnet Facebook ein massives Sparprogramm

  • Anjana Shrivastava
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Meta-Konzern, zu dem das soziale Netzwerk Facebook gehört, hat in den letzten Monaten 30 Prozent seiner Stellen gestrichen. Nachdem Meta auf dem Höhepunkt 87 000 Angestellte beschäftigte, entließ der Onlineriese etappenweise insgesamt 26 000 Menschen. Wurde der Konzern im Jahr 2021 auf dem Aktienparkett mit einem Wert von einer Billion US-Dollar taxiert, warnt sein Gründer und Chef Mark Zuckerberg, der mit seinen 38 Jahren in der Manier eines Renaissancefürsten über alle Aspekte des Geschäfts herrscht, vor einer »neuen ökonomischen Realität« und will bei Facebook ein »Jahr der Effizienz« einführen. So sollen nicht nur Stellen gestrichen werden, sondern auch Vergünstigungen für die Belegschaft wie kostenlose Wäschedienste.

Das enorm profitable Modell von Facebook scheint seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Im Jahr 2020 gab es in den USA und Kanada 198 Millionen Mitglieder, die das Netzwerk täglich benutzten, seither gehen die Nutzerzahlen hier leicht zurück. Bisher hatte die Selbstrekrutierung unter Freunden und Verwandten immer mehr Nutzer gebracht. Doch dieses Stocken in der Mitgliederzahl verursachte im Herbst 2022 das, was die Fachpresse »die große Umkehr« nennt: Werbekunden steigen aus, Firmen lassen immer öfter das Facebook-Login-Logo auf ihren Websites weg. Dazu kam eine Novellierung bei Apple, durch die der Konzern seine Nutzer mit einem Datenschutz-Programm ausstattet. Facebook kann dadurch nicht mehr maßgeschneiderte Werbeanzeigen bei Apple-Kunden schalten und verliert dadurch zehn Milliarden Dollar an Einnahmen pro Jahr. Hinzu kommt der Siegeszug des Konkurrenten Tiktok, dessen kurze Videos noch seichtere Kost sind als das emotionalisierte Nachrichtengeschäft von Facebook. Der Mutterkonzern Meta versucht nun mit dem eigenen Videoprogramm »Reels« mitzuhalten, doch auch hier hat er Schwierigkeiten, genügend Werbekunden zu finden.

Zuckerberg hat den Niedergang seines bisherigen Geschäftsmodells schon früh erkannt. Die Umbenennung des Mutterkonzerns Facebook in Meta erfolgte nicht nur wegen Kritik am Konzern, nachdem die ehemalige Angestellte Frances Hausgen vor dem US-Kongress in Washington über den unheilvollen Einfluss von Facebook auf jugendliche Nutzer aus dem Nähkästchen plauderte. Seit Jahren ist Zuckerberg dabei, seine Firma umzubauen. Aus einer Social-Media-Plattform wird mit Milliardeninvestitionen eine Plattform des »Metaverse« geschaffen – das Metaversum soll eine neuartige Variante der virtuellen Realität sein. Zuckerberg wettet mit seiner ganzen Firma darauf, dass die Menschen immer mehr in die digitale Welt eintauchen. Dabei geht es ihm nicht um besondere Erlebnisse für die Menschen, sondern um Geschäfte mit digitalen Gütern.

Dass Zuckerberg bisher kaum Erfolg mit seinen neuen Geschäftsmodellen hat, steht auf einem anderen Blatt und wird gerne von US-Zeitschriften aufgegriffen. Das »Wired«-Magazin nannte die Metaverse-Technologie einst ein Spielzeug für »reiche, weiße Jugendliche«. Zurzeit gilt es als Binsenweisheit, dass niemand sich im Metaversum treffen will. Ingenieure sagen anonym dem Sender CNBC, dass Stellen bei den Meta-Konkurrenten TikTok und ByteDance genauso begehrt seien. Doch statt mehr Geld zu investieren, um Talente zurückzuholen, macht Zuckerberg Schlagzeilen mit seinem Stellenabbau und dem radikalen Streichen von Vergünstigungen für die übrigen Beschäftigten. Dabei hat Zuckerberg im letzten Jahr mit Facebook immerhin noch fast sieben Milliarden US-Dollar Gewinn gemacht.

Doch Kritiker haben den Meta-Chef schon öfters zu früh abgeschrieben. Bereits beim Börsengang im Jahr 2012 behaupteten manche, dass Facebook die Wandlung von PCs zu mobilen Geräten niemals schaffen werde. Dabei hat Zuckerberg sowohl den Börsengang als auch den Übergang zu Smartphones persönlich gemanagt. Wenn Zuckerberg nun von »Effizienz« und »neuer ökonomischer Realität« spricht, dann will er seinem Unternehmen ein neues Programm der Askese verordnen.

Dabei entstammt der Begriff des Metaversums dem 1992 erschienen dystopischen Roman »Snow Crash« von Neal Stephenson. Er handelt von einer Welt, die von Großfirmen beherrscht wird. Den einfachen Menschen bleibt nur ein Leben im Untergrund des Metaverse, wo sie Unterhaltung und manchmal Gelegenheitsarbeiten finden. Held ist Hiro, der in der echten Welt Pizza-Lieferant ist, der streng bestraft wird, wenn er zu spät liefert. Im Metaverse dagegen findet er ganz andere Möglichkeiten. Im Jahr 1992 war es eine gruselige Voraussage.

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