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Borussia Dortmund jagt nach erstem Titel ohne Klopp

Dortmund verdrängt Bayern München von der Bundesliga-Tabellenspitze

  • Daniel Theweleit, Dortmund
  • Lesedauer: 4 Min.
Derzeit kaum aufzuhalten: Dortmunds Stürmer Donyell Malen (l.) traf gleich zweimal gegen Frankfurt.
Derzeit kaum aufzuhalten: Dortmunds Stürmer Donyell Malen (l.) traf gleich zweimal gegen Frankfurt.

Die Gesänge von der deutschen Meisterschaft sind in den ersten Monaten dieses Jahres fester Bestandteil der Westfalenstadionrituale, also wurde nach dem 4:0 gegen Eintracht Frankfurt abermals geschunkelt und gehüpft. Der BVB hatte soeben auch das achte Heimspiel des Jahres 2023 gewonnen, genau vier Tage nachdem der Bundesligatitel am vergangenen Dienstag sogar amtlich von der traditionell eher zögerlichen Klubführung zum obersten Saisonziel erklärt worden war. Borussia Dortmund ist jetzt Tabellenerster und der FC Bayern zerfleischt sich weiter. »Das ist ein perfekter Samstag für uns alle«, sagte Dortmunds Mittelfeldspieler Emre Can. »Wir haben ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht, eine super Energie auf dem Platz gehabt. Das muss unser Maßstab sein.«

Dortmund träumt so laut und voller Sehnsucht vom Titel wie lange nicht, elf Jahre nach der letzten Meisterschaft könnte der BVB nicht nur einen unvergessenen Moment erschaffen, sondern sich sogar endgültig aus dem Schatten der Ära des Jürgen Klopp befreien. Die Meisterschaft sei »für jeden so oder so das Ziel«, sagte Torhüter Gregor Kobel, »und jetzt haben wir eine sehr gute Chance darauf.« Aber es ist absehbar, dass noch einige Extremsituationen zu bewältigen sein werden auf dem Weg zum Gipfel. Bereits dieser 29. Spieltag war eine enorme mentale Herausforderung gewesen.

Die Dortmunder Mannschaft befand sich im Bus auf dem Weg ins Stadion, als sich die Ausgangslage radikal änderte. Die Niederlage des FC Bayern in Mainz und das ratlose Eingeständnis des Münchner Trainers Thomas Tuchel, keine Notstandsenergien in seinem Team aktivieren zu können, beförderte die Dortmunder in die Position, plötzlich alles in der eigenen Hand zu haben. Sie wussten nicht nur, dass sie mit sechs Siegen aus den verbleibenden Partien sicher Meister werden, auch das Restprogramm sieht vielversprechend aus. Nach dem Duell gegen Frankfurt folgen Spiele in Bochum, gegen Wolfsburg, gegen Mönchengladbach, in Augsburg und gegen Mainz. So greifbar war die Schale seit elf Jahren nicht mehr. »Das war nicht ganz einfach«, sagte Sportdirektor Sebastian Kehl. »Du kommst an und weißt, dass du liefern musst – sonst bist du wieder in so einer Rechtfertigungssituation.« So wie in der Vorwoche, die tiefe Spuren hinterlassen aber vielleicht auch Kräfte freigesetzt hat.

Da hat der BVB auf geradezu absurde Art und Weise in Überzahl Führungen beim Tabellenletzten VfB Stuttgart verspielt, und die vorwurfsvolle Frage aufgeworfen: Wie könnt ihr diese Chance nur verspielen? Inzwischen erscheint das Erlebnis von Stuttgart wie eine Miniaturausgabe dessen, was dem BVB in den kommenden fünf Wochen bevorsteht. Die Bayern wirken derart desolat, dass ein weiterer Titel der Münchner im Revier eine Lage erzeugen würde, für die es keine Rechtfertigung mehr geben wird. Jenseits aller fußballerischen Fragen wird die Bundesliga im Mai zu einem Psychothriller, der viele Nerven kosten kann. Wie gut die Dortmunder dafür gerüstet sind, bleibt auch nach dem starken Spiel gegen Frankfurt unklar.

Das latente Misstrauen von Edin Terzic gegenüber seinem Team, das nach dem 3:3 von Stuttgart zurückblieb, ist noch nicht verflogen. »Wir hatten Warnung genug aus der letzten Woche und haben es heute durchgezogen«, sagte der Trainer zwar. Aber seine Betonung lag auf dem Wort »heute«. Als fürchte er, dass der folgende 4:0-Sieg, inklusive der »Wer wird Deutscher Meister? BVB Borussia!«-Gesänge ein neues Gefühl der Lässigkeit hinterlassen könnte, das bald zu den nächsten Punktverlusten führt. Den deutlich vernehmbaren Wunsch der Südtribüne, sich mit den Spielern feiern zu lassen, ließ Terzic auch deshalb unerfüllt: »Ich bin halt noch nicht fertig«, sagte er, »es sind noch so viele Schritte zu gehen«. Allerdings gibt es ein paar Spieler, die gerade dabei sind, sich unabhängig von der emotionalen Achterbahnfahrt der vergangenen Wochen eine gewisse Stabilität zu erarbeiten.

Mats Hummels gewann alle wichtigen Zweikämpfe, strahlte das Selbstvertrauen eines Champions aus und köpfte das 3:0 (41.). Emre Can ist inzwischen ein überall aushelfender Anführer in Seriosität und Aggressivität, Karim Adeyemi ist offensiv kaum zu bremsen und arbeitete voller Hingabe in der Verteidigung mit. Und mit Donyell Malen haben die Dortmunder plötzlich auch noch einen funktionierenden Torjäger. An diesem Abend schoss der Niederländer das 2:0 (24.) und das 4:0 (66.), damit hat er in den zurückliegenden fünf Partien sechs Mal getroffen und drei Tore vorbereitet. Selbst Jude Bellingham, der ein tolles Tor zum 1:0 (19.) geschossen hat, wirkte viel konzentrierter als in den von übereifrigen Momenten durchsetzten Wochen zuvor. »Wir müssen jede einzelne Stärke nutzen und jede einzelne Schwäche kompensieren«, sagte Terzic, »dann haben wir die riesige Chance, gemeinsam etwas Großartiges zu schaffen.« Aber die Gefahr, sich dabei selbst im Weg zu stehen, wird bis zur Vollendung des Coups vorhanden sein.

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