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Ausstellung Andrzej Steinbach: Das zerlegte Ding

In der Hamburger Galerie Conradi sind derzeit Fotografien von Andrzej Steinbach zu sehen – es sind Befreiungsbilder

  • Radek Krolczyk
  • Lesedauer: 5 Min.
Was schwebt hier? Andrzej Steinbach hat einzelne Teile einer Schreibmaschine für seine Aufnahmen separiert und auf einer Glasplatte aufgebockt.
Was schwebt hier? Andrzej Steinbach hat einzelne Teile einer Schreibmaschine für seine Aufnahmen separiert und auf einer Glasplatte aufgebockt.

Diese Schreibmaschine wurde zerlegt; vereinzelt sind ihre Teile nun zu betrachten: die Walze, die Leertaste mit ihren seitlichen Metallstreben, dann die zahlreichen Bügel mit all den verschiedenen Buchstaben und Satzzeichen. Was geschieht, was setzt man frei, wenn man ein solches Gerät auseinandernimmt? Was passiert, wenn man von all diesen Einzelteilen Fotografien macht, die an Porträts erinnern, als wären sie nicht etwas, sondern jemand?

Eine Schreibmaschine ist ein aufgeladenes Gerät, so schwer an Geschichte, Bedeutung und Gewicht. Andrzej Steinbach hat ein Fabrikat der Marke Brother auseinandergeschraubt, die emaillierte Verkleidung und auch das Gerüst entfernt und nur die bedeutungsbildenden Teile aufbewahrt. Für seine Fotoarbeit, die gerade in der Galerie Conradi in Hamburg ausgestellt ist, hat er seine eigene Schreibmaschine verwendet. Irgendwann in den frühen 90er Jahren hatte er sie gekauft, da war er noch ein Kind, aber das spielt hier vielleicht nur eine anekdotische Rolle. 

Auf den gerahmten Fotografien, die an den Wänden der Galerie hängen, wirken die Buchstabenbügel zunächst nicht so profan und alltäglich, wie es die Einzelteile einer ausgedienten Maschine wären. Diese Einzelteile wirken wie Präparate, die man für die Betrachtung unterm Mikroskop vorbereitet, Teile von Pflanzen oder Insekten etwa.

Tatsächlich hatte der Fotograf seine Gegenstände auf einer Glasplatte aufgebockt. Dieses Vorgehen ermöglicht eine schattenlose Aufnahme. Die Bügel verdecken so durch den Abstand zum Boden den Schatten, den sie werfen – jedenfalls, wenn man die Perspektive richtig wählt. Auf diese Weise scheinen die mechanischen Teile zu schweben. Sie sind zunächst einmal entledigt – aller Geschichte, aller Bedeutung und allen Gewichts.

An den weißen Wänden wirken sie wie Zeichnungen, fremdartig, gestisch und leicht. Sie werden vielleicht zu metaphysischen, mindestens jedoch zu fantastischen Gebilden, die das Glück haben, dieser, unserer Welt entrückt zu sein. Und sie führen uns die Möglichkeit vor Augen, dass auch wir unserer Welt entrücken können – sei es in Rausch, Religion oder Revolution. Aus den erretteten Resten der Maschine entsteigt so ein utopischer Geist. Es ist der Geist der Vorstellung einer Welt, die sich auf eine sehr unbestimmte Weise radikal von der unseren unterscheiden könnte.

Möglicherweise ist gerade solch eine vollkommene Dekonstruktion eines schweren Geräts notwendig, um über ebendieses Gerät wieder offen nachdenken zu können. Denn sähe man die Fotografien einer intakten Schreibmaschine der Marke Brother, sähe man eben einfach eine Schreibmaschine der Marke Brother. Man würde sich möglicherweise erinnern an ein eigenes ähnliches Exemplar (oder an das Exemplar eines älteren Verwandten), das man mal selbst benutzt hat, das man dann verschenkt oder weggeworfen hat oder noch irgendwo im Keller haben müsste. Man würde möglicherweise ein paar nostalgische Gedanken entwickeln, möglicherweise aber auch ein paar antinostalgische. Jedenfalls bliebe das schwere eiserne Gebrauchsding weiter nur das schwere eiserne Gebrauchsding von früher – und gut wär’s.

Indem Andrzej Steinbach nun aber sein Gerät auseinandergebaut und einigermaßen fremdartige Fotos davon gemacht hat, muss man die Einzelteile zunächst identifizieren und sie im Kopf wieder zusammensetzen. So beginnt sich möglicherweise eine Geschichte der Schreibmaschine im Kopf zu entfalten. 

Die mechanische Schreibmaschine erscheint dann zunächst als ein Gerät, das einmal der Sphäre einer staatlichen oder wirtschaftlichen Verwaltung angehört hat. Das schwere Klappern ihrer Tasten und der mit diesen verbundenen Buchstabenbügel bannt die mit Namen identifizierten Menschen in Formulare oder Listen und bestimmt so deren weiteres Schicksal, seien es Einstellungen, Beförderungen, Entlassungen, Einberufungen, Inhaftierungen, Todesurteile oder Begnadigungen. Ganz egal, was hier mit der Listung der Namen in Gang gesetzt wird: Unzweifelhaft ist, dass Maschine und Macht eine enge Beziehung miteinander unterhalten.

Dazu kann man Bilder aus Filmen oder aus Comics aufrufen: Etwa zwei Menschen an einem Tisch, und wer die Schreibmaschine vor sich hat, der kann Macht über den anderen ausüben, der fragt und bannt die Antworten auf einen Bogen Papier. Oder ein Raum voll von Büroangestellten, die vor ihren Schreibmaschinen sitzen: Sie sind auch nicht anders als Fabrikarbeiter, beide an unterschiedlichen Maschinen ihre Lebenszeit an entfremdete Arbeit verschwendend.

Erst mit der Kunst, also der Literatur, legt die Schreibmaschine ihren Herrschaftscharakter ab. Das Wort kann dann aufklärerisch sein oder auch einfach nur unnütz und schön. Partisanen schrieben im Kampf gegen den deutschen Faschismus auf Schreibmaschinen Flugblätter, militante Aktivisten der 70er Jahre ihre Bekennerschreiben, im Schutz des anonymisierten Schriftbildes.

In David Cronenbergs Verfilmung von William S. Burroughs’ Roman »Naked Lunch« sieht man eine Schreibmaschine sich in einen Käfer verwandeln. In den 50er Jahren befreien die französischen Lettristen die Buchstaben aus ihren syntaktischen Zusammenhängen, und in der konkreten Poesie der 60er Jahre werden schließlich auf der Schreibmaschine getippte Buchstaben und Zeichen zu Bildern. Darin treffen sie sich mit Andrzej Steinbachs Fotografien dieser aus ihrem Produktionszusammenhang befreiten Buchstabenbügel. Diesen Befreiungsbildern, diesen Befreiungsgedanken scheint der tiefe Glaube an das Projekt der Moderne zugrunde zu liegen. Denn am Ende ist es doch die Maschine selbst, aus der die Freiheit hervorgeht. 

»Andrzej Steinbach: Sender Empfänger«, bis zum 24. Juni, Galerie Conradi, Hamburg.

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