Hausierer ins KZ Sachsenhausen verschleppt

Gedenkstätte erinnert an den 85. Jahrestag der sogenannten Aktion Arbeitsscheu Reich

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Der 1893 geborene Clemens Paul Feige hatte den Beruf des Fleischers erlernt, arbeitete als Bergmann und war in der Arbeiterbewegung aktiv. 1927 starb seine Frau Emma. Seine Schwestern kümmerten sich fortan um seine beiden Kinder. Später schlug er sich dann vermutlich als Hausierer durch. Allein das genügte den Faschisten bereits, um Menschen zu verfolgen. Denn den Nazis war verdächtig, wer keiner geregelten Arbeit nachging. Im Juni 1938 verhaftete die Kriminalpolizei den Mann und steckte ihn ins KZ Sachsenhausen. Dort wurde er am 19. Dezember 1939 ermordet.

Seit 2017 steht in der Gedenkstätte Sachsenhausen in dem waldartigen Gelände links neben dem historischen Lagertor ein Gedenkstein für Clemens Paul Feige, um das sich seine Nachfahren gekümmert haben – Enkel, Urenkel und Ururenkel. Am 18. Juni um 14 Uhr soll in Sachsenhausen ein weiteres Gedenkzeichen eingeweiht werden. Es erinnert dann an alle Opfer der sogenannten Aktion Arbeitsscheu Reich, bei der im Juni 1938 innerhalb weniger Tage mehr als 10 000 angeblich asoziale Menschen in verschiedene Konzentrationslager verschleppt worden sind. Ihr Kennzeichen auf den gestreiften Jacken war ein schwarzer Winkel.

Es traf Bettler und Landstreicher, Alkoholiker und Obdachlose. Es traf Arbeiter, die streikten oder bummelten. Es traf Prostituierte – und es traf davon abgesehen Juden sowie Sinti und Roma. Viele von ihnen überlebten die Qualen nicht. Diese Opfer des Faschismus wurden in der Erinnerung an den Rand gedrängt, wenn überhaupt von ihnen Notiz genommen wurde.

Erst im Jahr 2020 erkannte der Bundestag sie offiziell als Verfolgte an. In der Erinnerungskultur sei die Opfergruppe der als asozial Stigmatisierten aber bis heute marginalisiert, erklärt die Stiftung brandenburgische Gedenkstätten. »Nur wenige der Betroffenen haben nach 1945 öffentlich über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern gesprochen.«

Allein 6000 Männer kamen bei der Aktion ins KZ Sachsenhausen. Die Verhaftungen gingen auch in den kommenden Monaten und Jahren weiter. Für Sachsenhausen lassen sich insgesamt etwa 11 100 Häftlinge mit dem schwarzen Winkel nachweisen. Bei den in Berlin von der Polizei im Juni 1938 festgenommenen 1000 bis 2000 Juden reichte es schon aus, wenn diese eine Straßenkreuzung regelwidrig überquert hatten, wie der Historiker Thomas Rink im Jahr 2002 festhielt. Ihm zufolge heizte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels bei einer Versammlung die Stimmung an. Goebbels habe in seinem Tagebuch notiert: »Vor 300 Polizeioffizieren in Berlin gesprochen. Ich putschte richtig auf. Gegen jede Sentimentalität. Nicht Gesetz ist die Parole, sondern Schikane. Die Juden müssen aus Berlin heraus.« Wie einige Monate später in der Pogromnacht vom 9. November 1938 kam es laut Rink bereits in dieser Zeit dazu, dass Geschäfte jüdischer Inhaber beschmiert und Synagogen demoliert worden sind.

Bei der Einweihung des Gedenkzeichens am kommenden Sonntag soll unter anderen Frank Nonnenmacher reden. Er ist der Neffe eines Sachsenhausen-Überlebenden und Vorsitzender des Verbandes für die Erinnerung an die verleugneten Opfer des Nationalsozialismus. Dazu erscheinen will auch der Berliner Lothar Eberhardt mit Mitstreitern seines Arbeitskreises »Marginalisierte gestern und heute«.

Seine eigene Veranstaltung zum 85. Jahrestag der Aktion Arbeitsscheu Reich hat der im Jahr 2007 gegründete Arbeitskreis bereits am 10. Juni ausgerichtet. Er zeigte im Kunger-Kiez-Theater im Parkcenter Berlin-Treptow das Ein-Personen-Stück »Monologe mit meinem ›asozialen‹ Großvater – ein Häftling in Buchenwald«. Das Stück von und mit dem Theaterpädagogen Harald Hahn widmet sich dem Schicksal von Anton Knödler. Hahn spricht mit seinem verstorbenen Großvater über das Familiengeheimnis seiner Haft im KZ Buchenwald. Er schlüpft davon ausgehend auch in die Rolle eines SS-Mannes und verwandelt sich zurück in das Kind, das er einst war.

In einer Ankündigung der Aufführung hieß es, Harald Hahn decke unbequeme Kontinuitäten auf, die bis in die Gegenwart hineinwirken: »Was richten Schuld, Scham und Schweigen über Generationen in Familien an? Und wie strukturieren Klasse und Herkunft nicht nur das Erinnern, sondern das Leben in der Gesellschaft der Gegenwart?«

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