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Jeder fünfte Berliner ist armutsgefährdet

19,3 Prozent der Berliner sind armutsgefährdet, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich

  • Marten Brehmer
  • Lesedauer: 5 Min.

Leben mit dem Minimum – für 11,6 Prozent der Berliner ist das Alltag. Sie leben von weniger als 950 Euro im Monat. Das entspricht der Hälfte des sogenannten Äquivalenzeinkommens von 1900 Euro. Deutlich größer ist der Kreis jener, die statistisch gesehen armutsgefährdet sind. Mit 19,3 Prozent betrifft dies fast ein Fünftel der Berliner. Sie verdienen weniger als 1045 Euro, was 60 Prozent des Äquivalenzeinkommens entspricht. Der Wert ist seit 2018 mit 16,5 Prozent deutlich gestiegen.

Dies geht aus dem Zwischenstand zum Senatsbericht Soziale Lage hervor, der »nd« vorliegt. Der Bericht wurde im Juni an die Parlamentarier versandt. Zuerst berichtete die »B.Z.«. Grundlage ist die sogenannte Sozialberichterstattung der Sozialsenatsverwaltung, mit der verschiedene Datenerhebungen aus Senatsverwaltungen und Bezirken zusammengeführt werden. Die Datenlage gibt den Stand von 2021 wieder, es handelt sich allerdings um die jüngsten verfügbaren offiziellen Daten zu Armut und Armutsgefährdung in Berlin. Die Daten decken sich ungefähr mit der Sozialerhebung des Paritätischen Wohlfahrtverbands.

Paradoxerweise ist die Quote der Armutsgefährdung gestiegen, während die Quote der Empfänger von Mindestsicherung seit 2017 sank und zuletzt stagnierte. Am stärksten von Armut betroffen sind nichtsdestotrotz Langzeitarbeitslose, von denen 70 Prozent von weniger als 1045 Euro lebten. Nicht nur Arbeitslose, auch Menschen, die in Teilzeit arbeiten, sind häufig von Armut bedroht: Knapp 21 Prozent von ihnen blieben unter der Einkommensgrenze. Unter Vollzeitbeschäftigten lag die Quote dagegen bei etwa 6 Prozent.

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Besonders stark von Armut gefährdet sind zudem Alleinerziehende: Knapp 38 Prozent leben hier unter der Einkommensgrenze. Auch Haushalte, in denen drei oder mehr Kinder leben, sind mit 35 Prozent stark überdurchschnittlich von Armut bedroht. Hoch ist die Quote ebenso bei Einpersonenhaushalten. Menschen, die alleine leben und jünger als 65 Jahre alt sind, sind zu 30 Prozent von Armut gefährdet. Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind überdurchschnittlich arm: 30,4 Prozent von ihnen gelten als armutsgefährdet, das ist etwa das Zweieinhalbfache der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.

Während die Armut in der Hauptstadt zugenommen hat, sind die Einkommen der Reichsten gestiegen. 9,2 Prozent der Berliner beziehen mindestens das Doppelte des Äquivalenzeinkommens. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich deutlich: Lagen die Einkommen des reichsten Fünftels der Berliner 2017 noch 4,3-mal höher als die Einkommen des ärmsten Fünftels, liegt dieser Faktor inzwischen bei 5.

Markus M. Grabka ist nicht überrascht, dass gerade diese Gruppen stark von Armut betroffen sind. Der Soziologe beschäftigt sich am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung mit Ungleichheit. »Die hohe Quote bei Alleinerziehenden und Haushalten mit vielen Kindern zeigt, dass wir immer noch große Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben«, sagt er. Vor allem das Angebot der Kinderbetreuung passe schlecht zu den Bedürfnissen. »Wie soll denn eine alleinerziehende Krankenschwester aktuell Nachtdienste übernehmen können?«, fragt er. Es sei nicht verwunderlich, dass viele dann die Arbeitszeit reduzieren.

Bei Migranten sieht er vor allem Neuzuwanderer von Armut gefährdet. Häufig gebe es Probleme bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen, zudem fehlen den Neuankömmlingen Netzwerke. Ein niedriges Bildungsniveau sei zwar auch ein wichtiger Faktor, aber die Integration ukrainischer Geflüchteter, die zum größten Teil sogar studiert seien, zeige, dass es auch mit hohem Bildungsniveau Hürden gebe. »Die müssen ja auch erst mal Deutsch lernen und einen Job finden«, sagt er. Er hält es für dringend nötig, die Qualifizierung zu verbessern – und dabei »einen langen Atem« zu zeigen.

Er wünscht sich, dass die Politik insgesamt mehr gegen die Ursachen von Armut tue. »Dafür müssen Landespolitik und Bundespolitik besser zusammenarbeiten.« Er warnt aber auch davor, die Ergebnisse überzuinterpretieren. Die Sozialberichterstattung des Bundesamts für Statistik umfasse bereits das Jahr 2022 und zeige dort eine deutliche Reduktion der Armutsgefährdungsquote für Berlin, gerade unter sogenannten Problemgruppen. Insgesamt sei die Armutsquote über die vergangenen Jahre in etwa stabil geblieben.

Katina Schubert, sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, hält die Ungleichheit für eine große Belastung der Stadtgesellschaft. »Armut macht krank, Armut ist permanenter Stress«, sagt sie zu »nd«. Sie befürchtet, dass die Armut sich verfestigen könnte. »Arme Eltern haben arme Kinder«, sagt sie.

Sie verweist darauf, dass armutsbetroffene Menschen besonders unter steigenden Mieten litten: »Viele Menschen müssen inzwischen mehr als ein Drittel ihres Einkommens für die Miete ausgeben.« Daher fordert sie, den Bestand größerer Wohnungskonzerne zu vergesellschaften. Bei der Armutsbekämpfung erwartet sie vor allem von der Bundesregierung mehr. Hier müssten über Steuern ein größerer sozialer Ausgleich geschaffen werden und die Stellung von Geringverdienern, Arbeitslosen und Rentnern verbessert werden.

Auf der Landesebene seien die Mittel für strukturelle Veränderungen dagegen begrenzt. Vor allem bei der Bildung könne aber mehr getan werden, um Armut zu verhindern. »Alle Kinder sollten eine Kita besuchen können, auch die von Geflüchteten«, sagt sie. An den Schulen müsse es echte Chancengleichheit geben. Aktuell sind den Senatsdaten zufolge mehr als 40 Prozent der Berliner ohne Abitur oder Berufsausbildung von Armut gefährdet.

»Es geht auch darum, dass wir es schaffen, soziale Teilhabe bei Armut zu ermöglichen«, so Schubert. Daher müssten günstige Angebote geschaffen werden. »Das Wichtigste ist für uns, dass die Menschen mehr verdienen«, sagt sie.

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