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DBB-Team macht wichtigen Schritt vor der Basketball-WM

Deutsche Basketballer besiegen in einer bewusst schwierigen Vorbereitung Kanadas NBA-Stars mit 86:81

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.
Kanadas Defensive machte es dem DBB-Team oft schwer, doch Kapitän Dennis Schröder (u.) fand am Ende gute Lösungen.
Kanadas Defensive machte es dem DBB-Team oft schwer, doch Kapitän Dennis Schröder (u.) fand am Ende gute Lösungen.

Es ist der 3. September 2019, kurz vor 19 Uhr im Bay Sports Center von Shenzhen. Letzter Angriff: Danilo Barthel steht noch hinter der Drei-Punkte-Linie. Der Center hat derlei Distanzwürfe zwar in seinem Repertoire, die sicherste Option der deutschen Basketballer beim Rückstand von 68:70 gegen den zweiten WM-Gruppengegner aus der Dominikanischen Republik ist er aber ganz bestimmt nicht. Dennoch passt der Star des Teams, Dennis Schröder, den Ball zum Münchner. Barthels Wurf verpasst klar sein Ziel, und die Auswahl des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) ist plötzlich raus aus der WM in China, die doch zur Geburtsstunde jener neuen hochtalentierten Generation hätte werden sollen. Stattdessen Enttäuschung, Ratlosigkeit. Dieser Moment, dieser ganze Sommer wird in den folgenden Jahren hundertfach analysiert. Ob die richtigen Schlüsse daraus gezogen wurden, entscheidet sich spätestens jetzt, vier Jahre später, wenn in zwei Wochen die nächste Weltmeisterschaft ansteht.

Der knappe 86:81-Erfolg gegen NBA-erfahrene Kanadier am Mittwochabend in Berlin könnte ein erster Hinweis darauf sein, dass der DBB-Tross dazugelernt hat. Dabei ist das Ergebnis »gerade eher zweitrangig«, wie der beste deutsche Distanzschütze Andreas Obst danach erklärt. »Klar will man immer gewinnen, aber wir wollen jetzt Fortschritte sehen und Dinge erkennen, die wir noch verbessern müssen. Und das haben wir heute.« Obst war schon 2019 dabei, durfte in fünf WM-Partien aber nur insgesamt 21 Minuten lang aufs Parkett. Mit 27 ist er mittlerweile ein wichtiger Teil der Mannschaft. Das Wichtigste ist ihm und dem gesamten Rest des Teams, dass man überhaupt mal diese starken Gegner vor der Brust hat, bevor es in ein großes Turnier geht.

Vor vier Jahren war das noch ganz anders. Deutschland testete gegen Schweden, Tschechien, Polen, Ungarn, Tunesien und Japan – allesamt höchstens zweitklassig. Fast jedes Spiel wurde hoch gewonnen, nur gegen Japan nicht. Erst der letzte Testgegner Australien war von hohem Niveau, doch da wollte sich schon niemand mehr kurz vor dem Turnier verletzen. Die Intention war klar: Ein junges deutsches Team mit viel Talent sollte psychologisch mit vielen Siegen aufgebaut werden. Das Problem, wie die Analyse später zeigen sollte, war, dass die WM-Gegner dann plötzlich viel mehr Gegenwehr boten und Deutschland nicht darauf vorbereitet war. All das Talent half nichts gegen versteckte Fouls, nerviges Geschubse oder fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen. Gegenhalten, wenn es eng wird, hatten die DBB-Akteure nicht gelernt. Und so versagten sie, als genau das gefragt war.

Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft von 2023 braucht kein Selbstvertrauen mehr. Das hat sie vor einem Jahr beim Gewinn der EM-Bronzemedaille vor Heimpublikum zu Genüge getankt. »Wir wissen, dass wir jeden schlagen können«, bestätigt das Alba Berlins Center Johannes Thiemann bei der Rückkehr in die EM-Arena von Berlin. Was gebraucht wird, sind hartnäckige Gegner, um zu lernen, wie man auch auf Weltniveau in knappen Spielen besteht und damit beim in zwei Wochen startenden Turnier in Japan, den Philippinen und Indonesien eine Medaille holt. Der Erfolg gegen die Kanadier kann da viel wert gewesen sein.

Diesmal sind es auch keine Nebendarsteller, sondern die NBA-Stars Dennis Schröder, Franz und Moritz Wagner, die mit den letzten elf Punkten in der Schlussphase Verantwortung übernehmen, nachdem die Kanadier dank intensiver Verteidigung in Halbzeit zwei einen 18-Punkte-Rückstand kurz vor dem Ende ausgeglichen haben. »Die zweite Halbzeit war sehr lehrreich für uns. Genau darum geht es in diesen Tests. Nicht darum, Teams mit 30 Punkten wegzuhauen«, sagt Franz Wagner später. »So ein Gegner ist sehr wichtig für uns. Hier können wir lernen, bereit zu sein, wenn es bei der WM darauf ankommt.«

Ist das Team denn schon jetzt bereit für die Medaille? Da wiegelt Bundestrainer Gordon Herbert sofort ab: »Noch nicht, wir haben einen langen Weg vor uns. Das war eine wirklich gute erste Halbzeit, doch dann haben wir in fünf Minuten all unser Momentum verloren. Wenn man das an so gute Teams wie Kanada abgibt, weil man sorglos spielt, ist das gefährlich.«

Immerhin: Die Schwächephase wurde diesmal überwunden. Das DBB-Team weiß mittlerweile um seine Stärken und wie man diese ausspielen kann. Mit harter Verteidigung und dem Duo Wagner-Schröder im Angriff. »Wir haben ihren Lauf gestoppt und wieder unseren Basketball gespielt«, umschreibt das Johannes Thiemann. »Genau das wird uns auch bei der WM erwarten. Die Gegner werden heiß sein. Insofern ist das das beste Training. Wir haben einen Schritt nach vorne gemacht.«

Die weiteren sollen in den fünf noch folgenden Vorbereitungsspielen gemacht werden. Beim Supercup in Hamburg trifft das Team auf China und danach entweder auf Neuseeland oder noch einmal Kanada. Bei einer für den Verband sicher lukrativen, jedoch in Sachen Regeneration und ökologischer Nachhaltigkeit eher fragwürdigen Zwischenstation in Abu Dhabi geht es dann gegen Griechenland und die US-Basketballstars aus der NBA. Viel schwerer kann es bei der WM auch nicht mehr werden.

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