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Die Stunde des Anführers

Im Sieg im EM-Achtelfinale zeigt Dennis Schröder, wie wichtig er für die deutschen Basketballer ist

Dennis Schröder (u.) ging beim knappen Achtelfinalerfolg gegen Montenegro mit Kampfgeist in der Defensive voran.
Dennis Schröder (u.) ging beim knappen Achtelfinalerfolg gegen Montenegro mit Kampfgeist in der Defensive voran.

Als Montenegros Spielmacher Kendrick Perry sieben Minuten vor Spielende seinen fünften Dreipunktwurf traf – den zweiten innerhalb von 24 Sekunden – und den Rückstand damit auf fünf Punkte eindampfte, hatte sein deutsches Pendant Dennis Schröder genug gesehen. Ab jetzt würde er selbst Perry verteidigen, ihm ständig auf den Füßen stehen und einen unerklärlichen kollektiven Leistungsabfall der deutschen Basketballer im EM-Achtelfinale endlich stoppen. Oft waren in der ersten Turnierwoche die herausragenden Leistungen von Jungstar Franz Wagner oder vom aufblühenden Maodo Lô gelobt worden. Bei Schröder ging es dagegen meist nur um seinen lädierten Knöchel oder die schlechte Trefferquote seines Dreipunktwurfes. Am Sonntagabend aber konnten alle sehen, wie wichtig der langjährige NBA-Spieler und neue Kapitän für das Team des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) tatsächlich ist.

In jenen letzten Spielminuten in Berlin erzielte Schröder nicht nur wichtige sechs Punkte, er sorgte durch eine wieselflinke und enge Verteidigung des besten Gegenspielers auch dafür, dass Perry keinen Feldwurf mehr traf und Montenegros Aufholjagd jäh gestoppt wurde. Schröder setzte in der Offensive seine Mitspieler gekonnt in Szene und hechtete hinten nach jedem Ball. So war es vor allem ihm zu verdanken, dass das DBB-Team mit 85:79 doch noch den Einzug ins Viertelfinale schaffte.

Zu viele persönliche Preisungen wollte er danach dennoch nicht zulassen und betonte stattdessen die gemeinsame Anstrengung: „Jeder von uns macht viel für dieses Team. Als Kapitän muss ich die Mannschaft natürlich anführen, aber EM-Spiele werden nicht von einem einzigen Spieler gewonnen», sagte Schröder. Ein wenig Selbstkritik musste aber auch sein: „Wir waren nicht diszipliniert genug und müssen das konsequenter ausspielen. Es darf uns nicht passieren, dass wir uns so zurücklehnen, aber der Sieg ist eingefahren. Das ist die Hauptsache. Jetzt müssen wir schauen, wie wir besser werden können.»

Dabei hatten die Deutschen in der ersten ersten Spielhälfte wohl die besten 20 Minuten ihres bisherigen Turniers gezeigt und einen Vorsprung von 27 Punkten herausgearbeitet. Das Berliner Publikum war begeistert vom Spielwitz des Teams, das gedankenschneller wirkte als seine Gegenspieler aus Montenegro. Allerdings war es auch schnell leise geworden in der Arena am Ostbahnhof, denn der Partie fehlte die Spannung. 

Es folgte die mit Abstand schlechteste deutsche Darbietung dieser EM. Die Fans, die vermutlich auch durch eine undurchsichtige und sehr preisintensive Ticketpolitik der Veranstalter nicht alle der gut 14 000 Plätze in der Arena am Ostbahnhof besetzten, wachten kaum auf aus ihrer Lethargie, die eher in einen Schockzustand umschlug, je näher Montenegro herankam. »Hoffentlich ist die Halle beim nächsten Spiel komplett voll«, sagte Maodo Lô vom deutschen Meister Alba Berlin, der mit Blick auf das sicherlich noch schwerere Viertelfinale am Dienstagabend fast schon flehte: »Ich appelliere als Berliner: Zeigt doch, woraus wir geschnitzt sind und unterstützt uns, damit wir eine gute Chance haben!«

Darauf hatte sich das DBB-Team zumindest am Sonntag nicht verlassen können. Als die Gäste in Halbzeit zwei von Mann- auf Zonenverteidigung umstellten, wirkten die Deutschen ideenlos. „Wir haben gestern noch mal unsere Offensive gegen die Zone trainiert. Trotzdem standen wir nun da, als hätten wir so was noch nie gesehen», kritisierte Bundestrainer Gordon Herbert nach dem knappen Sieg.

Seine Mannschaft brauchte dringend einen Anführer, der zeigt, mit welchen Mitteln dieses Spiel noch zu retten war: mit Kampf und Klarheit, ohne Zögern und Lamentieren. Schröder füllte genau die Rolle aus, die er schon am Anfang des Sommers für sich reklamiert hatte und die ihm niemand im DBB-Team streitig macht – egal, ob seine Würfe ihr Ziel finden oder nicht. Denn in diesem Sport geht es um weit mehr, als einen Ball in einen Korb zu werfen oder irgendwelche Statistiken. „Dennis ist ganz klar unser Anführer, er trägt uns schon durchs ganze Turnier. Er macht sein Spiel und ist auch für alle anderen da. Das tut uns gut», sagte Center Jonas Wohlfahrth-Bottermann.

„Dennis war von Anfang an derjenige unter uns, der den Erfolg am meisten will. Das zeigt er auch abseits des Feldes, wenn er uns auf so einen Kampf wie heute einschwört», lobte auch der Berliner Mitspieler Johannes Thiemann den Kapitän. „Wir haben viele Spieler, die das Team in schwierigen Situationen tragen können. Dennis ist einer davon, und das hat er heute auch getan, was sehr wichtig für uns war.» Und schließlich stieg auch Bundestrainer Herbert in die Lobhudelei mit ein: „Meine Spieler haben einen Weg gefunden. Das muss man ihnen hoch anrechnen. Sie haben zusammengehalten, als es schwierig wurde. Dennis hat zwei, drei richtig gute Lösungen im Angriff gefunden, und in der Abwehr haben wir uns darauf besonnen, was wir können.»

Dennis Schröder selbst lieferte übrigens noch eine ganz andere Erklärung für den Erfolg: „Ich musste heute unbedingt gewinnen, denn meine Mutter hat Geburtstag.» Sprach’s und zog mit einem verschmitzten Lächeln davon.

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