Genderkritik als Einstiegsdroge

Büchervebannung und der rechte Kulturkampf gegen sexuelle Selbstbestimmung sind ein Angriff auf die Emanzipation als Ganze

  • Alex Struwe
  • Lesedauer: 3 Min.
Bücher als Waffe: Margaret Atwoods »Der Report der Magd« taugt zum Symbol für emanzipatorische Kämpfe
Bücher als Waffe: Margaret Atwoods »Der Report der Magd« taugt zum Symbol für emanzipatorische Kämpfe

Eine neue Gesetzgebung im US-Bundesstaat Iowa soll Kinder vor schädlichem und obszönem Material schützen. Die Folge des republikanischen Vorstoßes ist das Verbot von »Unterricht in Bezug auf Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung« und »Beschreibungen oder visuellen Darstellungen eines Geschlechtsakts«, wie es im entsprechenden Senatspapier SF 496 heißt. Selbst die gehorsamsten Beamt*innen sahen sich mit der Frage konfrontiert, wie solch vage Anordnung praktisch umzusetzen sei. Schließlich ließ der Bezirk nun mithilfe künstlicher Intelligenz 19 verbotene Titel aus den Schulbibliotheken entfernen.

Die Verbindung aus staatlicher Bücherverbannung, regressivem Backlash und KI als Exekutive eines genderparanoiden Rechtsrepublikanismus inspiriert dystopische Deutungen. Es wirkt daher fast prophetisch, dass unter den verbotenen Titeln auch Margaret Atwoods Weltbestseller »Der Report der Magd« zu finden ist. Dieser Klassiker dystopischer Romane – unter anderem erfolgreich als Netflix-Serie adaptiert – handelt von der Republik Gilead, einer zukünftigen theokratischen Diktatur der Frauenunterdrückung. Der Staat organisiert darin die Gebärfähigkeit der Frauen und spricht diesen dafür jedes Eigentum ab – vor allem das am eigenen Körper.

Dabei ist es kein Zufall, dass die repressive Kontrolle von Reproduktion und Sexualität im Mittelpunkt dieser düsteren Zukunftsvision steht. Die dystopische Erzählung spitzt jene Tendenz zu, die den Kern patriarchaler Herrschaft ausmacht. Von diesem Kern aus muss auch die Obsession der evangelikalen Rechten gedacht werden, die diese mit »Gender« und jedem Hauch von sexueller Selbstbestimmung hegt.

Nun ist es immer bemüht und billig, mit dystopischer Romanvorlage gegen die Wirklichkeit zu mahnen. Führen verschärfte Abtreibungsgesetze in den USA und die Book Bans gegen sexuelle Aufklärung nicht direkt zu Atwoods Gilead? Ist das mit der KI nicht alles schon wie in George Orwells »1984«? Der Schrecken der Gegenwart muss nicht erst von einem dramaturgischen Ende aus verständlich gemacht werden. Auch so lässt sich erkennen, dass die rechte Attacke auf sexuelle Selbstbestimmung kein beliebiges Kulturkampf-Sujet ist, sondern ein Angriff auf Emanzipation als solche.

Das müssen alle bedenken, die sich der Kritik am Gendern oder den vermeintlichen Selbstgefälligkeiten einer »woken« Linken anschließen. Es handelt sich dabei um eine Art Einstiegsdroge in die Regression. Eine deutsche Version dessen wurde nun in Sachsen-Anhalt sichtbar. Hier soll »Gendersprache« in Schulmaterialien und öffentlichen Dokumenten verboten werden – mit der handgreiflichen Folge, dass vor allem jene Publikationen nicht mehr verwendet werden dürften, die Diskriminierungs- und Herrschaftsverhältnisse kritisieren. Ganz konkret beträfe dies etwa eine Publikation zur Aufklärung gegen Antisemitismus, die vom Bildungsministerium selbst mit herausgegeben wurde. Ein noch dümmeres Szenario als die Zensur von Büchern mittels KI, aber nicht minder gefährlich. Wer diese Gegenwart hat, braucht keine Dystopien mehr.

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