Zurück zu monovalenten Impfstoffen

Neue Corona-Vakzine sind an eine einzige Omikron-Subvariante angepasst. Wie gut sie wirken, ist unklar

  • Kurt Stenger
  • Lesedauer: 5 Min.

Am 18. September soll es losgehen: Dann liegt der weiterentwickelte Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer in hiesigen Arztpraxen und Apotheken bereit. Ob das in ausreichender Menge sein wird, hängt von der Nachfrage ab – diese war allerdings schon seit dem Ende der kritischen Pandemie-Lage eingebrochen.

In der vergangenen Woche hatte die EU-Arzneimittelbehörde EMA die Zulassung des neuen Vakzins empfohlen. Der EMA-Fachausschuss für Humanarzneimittel hatte zuvor die verfügbaren Daten etwa »zur Sicherheit, Wirksamkeit und Immunogenität (wie gut sie Immunreaktionen auslösen)« geprüft, wie es in einer Erklärung hieß. Die Zulassung wird zeitnah von der EU-Kommission ausgesprochen, was Formsache sein dürfte. Wie Pfizer und Biontech mitteilten, habe man den Impfstoff »auf eigenes Risiko hergestellt, um die Verfügbarkeit vor Beginn der bevorstehenden Herbst- und Wintersaison sicherzustellen, in der die Nachfrage nach Impfungen voraussichtlich steigen wird«. Auch jetzt geht es weniger um die Verhinderung von Ansteckungen, wie der Chef des Mainzer Biotechnologieunternehmens, Ugur Sahin, erläutert: »Der aktualisierte Covid-19-Impfstoff soll den Schutz vor schweren Erkrankungen und Krankenhausaufenthalten weiter verbessern.«

Das Vakzin, eine erneute Weiterentwicklung des seit Ende 2020 verfügbaren Impfstoffes Cominarty, basiert auf der mRNA-Technologie von Biontech. Verabreicht werden Baupläne, um Spike-Proteine des Coronavirus herzustellen, die dann im Körper die geeignete Immunabwehr anregen sollen. Das Problem ist, dass Sars-CoV-2 ständig Mutationen ausbildet und zwar gerade im Spike – also dem dornartigen Fortsatz, mit dem das Virus an Körperzellen andockt. Mit der Anpassung der Impfstoffe an neue Subvarianten soll sich der Versuch der Immunflucht besser bekämpfen lassen.

Allerdings gleicht die Impfstoff-Anpassung angesichts der Virus-Evolution einem Hase-Igel-Rennen, bei dem die Hersteller hinterherlaufen. Das im Juni eingereichte Produkt von Biontech/Pfizer ist an die Omikron-Variante XBB.1.5 angepasst, die seit dem Frühjahr weltweit und auch in Deutschland das Infektionsgeschehen dominierte. Aktuell hat sich indes deren Untervariante EG.5 durchgesetzt, denen pfiffige Internet-Influencer den Namen »Eris« gegeben haben. Biontech geht davon aus, dass die durch den aktualisierten Impfstoff induzierten Antikörper auch EG.5 »wirksam neutralisieren«. Diese Einschätzung basiert allerdings bisher nur auf präklinischen Daten, also aus Tests in Zellkulturen und an Tieren.

Und dann wird in zahlreichen Ländern derzeit auch eine Zunahme der Infektionen mit einer ganz anderen Omikron-Sublinie registriert, die mit dem Kosenamen »Pirola« versehen wurde. Die offizielle Bezeichnung lautet BA.2.86, was darauf hinweist, dass es sich um eine Mutante der deutlich älteren Omikron-Untervariante BA.2 handelt. Daher ist es nicht überraschend, dass »Pirola« insgesamt 35 Mutationen im Spike gegenüber XBB.1.5 aufweist, während es bei »Eris« lediglich zwei sind. Sollte sich die neue Mutante durchsetzen, stellt sich die Frage der Wirksamkeit des angepassten Impfstoffs neu.

»Wie gut die neuen Impfstoffe schützen, und das muss man ehrlich sagen, wird man im Nachhinein sehen«, meint Leif Erik Sander, Leiter der Infektiologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Er verweist indes darauf, dass die vorherigen angepassten Impfstoffe einen zusätzlichen Schutz hinsichtlich schwerer Krankheitsverläufe gebracht hätten. Diese waren bivalente Impfstoffe, bei denen neben dem varianten-angepassten Bestandteil auch einer mit dem ursprünglichen Impfstoff gegen den Corona-Wildtyp enthalten war.

Dass man bei der jetzigen Weiterentwicklung wie zu Beginn der Corona-Impfkampagnen auf ein monovalentes Vakzin setzt, hat seine Gründe. Einzelne Studien lassen die Vermutung zu, dass sich durch das Impfen mit dem immer gleichen Bestandteil eine Immunprägung herausbildet. Demnach werden die immer gleichen Antikörper gebildet, die zwar gegen den Wildtyp des Virus gut wirkten, aber gegen stark mutierte Subvarianten weniger gut als eine Infektion. Die Impfung mit einem neuen monovalenten Vakzin, wie sie etwa in den USA mittlerweile empfohlen wird, könne dem entgegenwirken, so die Hoffnung. Anders als in Deutschland setzt man dort aktuell auf mehrere Hersteller: neben Biontech auch auf den mRNA-Konkurrenten Moderna aus den USA sowie Novavax mit seinem proteinbasierten Impfstoff.

Auch wenn bei der Frage des richtigen Impfstoffs vieles im Nebel liegt, gibt es wenig Zweifel daran, wer sich mit Blick auf den Herbst und Winter impfen lassen sollte: Laut der bislang gültigen Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für Deutschland sollten sich alle Personen einen Booster holen, die 60 Jahre oder älter sind oder zu einer besonderen Risikogruppe wie den Immunsupprimierten zählen. Dabei sollte die letzte Impfung oder Infektion mindestens zwölf Monate zurückliegen. Die Empfehlung gilt auch für Beschäftigte im Pflege- und Gesundheitsbereich. Allen anderen Über-18-Jährigen empfiehlt die Stiko eine Grundimmunisierung aus mindestens drei »immunologischen Ereignissen« aus mindestens zwei Impfungen und höchstens einer durchgestandenen Infektion. Ob es mit Blick auf den neuen angepassten Impfstoff nennenswerte Änderungen gibt, gilt als unwahrscheinlich. Allerdings berät die Stiko darüber noch.

Dafür, es dabei zu belassen, spricht auch, dass weiterhin alle neuen Corona-Mutanten, die Experten weltweit nachweisen konnten, der Sars-CoV-2-Variante Omikron zuzurechnen sind. Diese schafft es zwar etwas besser, die Immunabwehr teilweise zu umgehen, aber sie ist eben auch deutlich weniger pathogen als die vorherigen Varianten. Das gilt auch für die neueren Sublinien, die in den Medien Schlagzeilen machen, auch wenn sie eher von fachlichem Interesse sind. Hinzu kommt die verbreiterte Immunität der Bevölkerung durch Impfungen und Infektionen. »Alle hatten Omikron«, sagt Sandra Ciesek, Chefvirologin am Universitätsklinikum Frankfurt/Main. Solange es Omikron bleibe, sei sie »relativ entspannt«.

Das gilt auch mit Blick auf die Krankenhäuser. Derzeit hat lediglich ein Prozent der Menschen auf hiesigen Intensivstationen eine Corona-Infektion, und von diesen wird wiederum ein Teil wegen anderer Erkrankungen dort behandelt. Auch in der kalten Jahreszeit dürfte es weniger kritisch werden als etwa im vergangenen Jahr, zumal sich bei Covid noch keine richtige Saisonalität herausgebildet hat. Das Analyse-Portal Airfinity erwartet für die USA und Großbritannien, dass »die Dreifachbelastung durch Covid-19, Grippe und RS-Viren in diesem Winter geringer ausfallen wird«. Wie die Forscher am Donnerstag in London mitteilten, sei davon auszugehen, dass die Spitze der Krankenhauseinweisungen deutlich niedriger liegen wird als vor einem Jahr, die Ausbrüche sich jedoch auf einen längeren Zeitraum erstrecken werden.

Wie die Lage im Winter tatsächlich sein wird, hängt unter anderem von der Impfbereitschaft ab, und zwar nicht nur gegen Covid-19. Es gilt, den Blick auf andere Infektionskrankheiten zu weiten. Oder wie es Charité-Infektiologe Sander sagt: »Gegen die Grippe kann man sich auch impfen.«

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