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Nicht nur Ärzte arbeiten hart

Medizinische Fachangestellte verlangen von der Politik mehr Wertschätzung

  • Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Praxen der niedergelassenen Ärzte würden nicht funktionieren ohne die Medizinischen Fachangestellten (MFA). Kein Mediziner könnte im Takt von wenigen Minuten Patienten empfangen, wenn der Tresen nicht gut organisiert und ständig besetzt wäre. Die Arbeit dieser Beschäftigten umfasst viel mehr, als nur die Kassenkarte der Patienten vor der Sprechstunde zu erfassen oder ein Rezept auszudrucken. Oder Termine zu vergeben. Sie fragen nach bei Fahrdiensten, erklären Rezepte oder Wege zur Weiterbehandlung bei anderen Ärzten. Der Aufwand wuchs in der Pandemie noch um die Organisation von Impfterminen und Tests. Und mitunter werden die Beschäftigten von Patienten beschimpft. Unter dem Strich ein harter Job, der aber in Fragen der Anerkennung häufig zu kurz kommt.

Diese muss von Praxisinhabern genauso kommen wie von den Patienten. Und sie wird jetzt von der Gesetzlichen Krankenversicherung erwartet, die den Praxen die gestiegenen Lohnkosten nach Tarif gegenfinanzieren soll. An diesem Punkt wird deutlich, dass das Problem der Vergütung eben nicht nur die Berufsgruppe an sich betrifft, sondern auch die Praxisinhaber. Geben die MFA nämlich ihren Job auf, suchen sich etwas Ruhigeres oder besser Bezahltes, funktioniert das System schlechter oder nicht mehr. Insgesamt 340 000 MFA arbeiten in den etwa 100 000 Arztpraxen hierzulande. Hannelore König, Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe, macht deutlich: »Die Jobs der MFA sind systemrelevant. Aber sie sind auch mit enormer Stressbelastung und Gefährdung verbunden.«

König verweist auf eine Analyse des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Demnach sind die MFA Spitzenreiter bei den durchgestandenen Sars-CoV-2-Infektionen nach Berufsgruppen. Einen Corona-Bonus gab es für die Fachangestellten indessen nicht. Eine Stärkung aller Gesundheitsberufe, zu denen die MFA ebenfalls gehören, steht zwar im Koalitionsvertrag, umgesetzt ist für diese Gruppe noch nichts. Stattdessen gibt es Spargesetze. Auch deshalb protestierten die Fachangestellten am letzten Freitag erneut am Brandenburger Tor, diesmal mit Schwerpunkt auf die Zahnärztlichen Fachangestellten (ZFA) und Zahntechniker. Etwa 2000 Teilnehmer waren gekommen. Die Aktion lief unter dem Motto »Rote Karte für die Gesundheitspolitik«. Auf der langen Rednerliste standen vor allem Personen vom Fach, daneben Ärztevertreter. Auch einige Politiker fanden sich ein. Deren Beteiligung erhielt allerdings eine leichte politische Schlagseite: Neben dem CSU-Bundestagsabgeordneten Stephan Pilsinger ergriff auch der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek das Wort, beide deutlich im bayerischen Landtagswahlkampf.

Andererseits sprach auch Ates Gürpinar von der Linke-Fraktion des Bundestages. Er ging auf die schlechte Verdienstsituation der MFA ein. Sie würden selbst bei maximal möglicher Lebensarbeitszeit in der Altersarmut landen. Die geringe Bezahlung trage dazu bei, dass weniger Menschen diesen Ausbildungsweg wählten. Gürpinar ermutigte zur Selbstorganisierung: »Nicht nur ihr könnt es euch nicht leisten, für so wenig Geld zu arbeiten, vor allem kann die Gesellschaft es sich nicht leisten, dass es noch weniger MFAs und ZFAs gibt.«

Protestiert wird von den MFA immer wieder seit dem Jahreswechsel 2021/2022. Den meisten Zuspruch vorab erhielten die Fachangestellten auch diesmal von diversen Ärzteorganisationen. Das ist kein Zufall, verhandelt die Kassenärztliche Bundesvereinigung seit dem 9. August doch mit dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung über die künftigen Honorare. Von Seiten der Ärzte geht es dabei um den Ausgleich für explodierende Kosten der Praxen. Allein die Personalkosten machten 60 bis 70 Prozent aller Ausgaben aus, und die Aufwendungen dafür seien zwischen 2018 und 2021 um mehr als 22 Prozent gestiegen.

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