»Vergiss Meyn nicht«: Trauer, Liebe, Unverständnis

Zum fünften Todestag von Steffen Meyn ist ein Film erschienen

Einweihung einer Gedenkstätte für Steffen Meyn im Hambacher Forst (Archivbild von 2018).
Einweihung einer Gedenkstätte für Steffen Meyn im Hambacher Forst (Archivbild von 2018).

Wer sich »Vergiss Meyn nicht«, anschaut, der wird wohl wissen, worauf er sich einlässt. Trotzdem, die ersten paar Minuten des Films lassen Zuschauer*innen verstört zurück. Dann ein harter Schnitt. Irgendwann im Jahr 2017: Steffen Meyn ist in seiner WG zu sehen, er nimmt seine Kamera in Betrieb. »Die 800-Euro-Kamera«, wie eine Freundin ihn fragt. Fröhliche Szenen, die ein Kontrast zum Beginn des Films sind. Dann werden die Zuschauer mitgenommen in die Idee, die Steffen Meyn hat. Ein dokumentarisches Filmprojekt über die Besetzung des Hambacher Forsts und seine drohende Räumung.

Wir begleiten Steffen im Herbst 2017 in den Wald, es sind erste Schritte. Ehemalige Besetzer*innen kommen zu Wort, erzählen, wie sie Steffen wahrgenommen haben, dass er als Stadtmensch, der auch noch ständig eine 360-Grad-Kamera auf einem Fahrradhelm trug, keinen leichten Stand bei den Waldmenschen hatte. Dass er aber auch bald ein bisschen dazugehörte. Wir sehen Steffen, wie er mit dem Klettern anfängt, sich vorsichtig bewegt, stets auf Sicherung bedacht ist. Und wir sehen, wie er mit den Menschen im Wald spricht, ihnen zuhört und er sich selbst Gedanken darüber macht, warum all das um ihn herum passiert.

Steffen ist bei Situationen dabei, die einen tiefen Einblick in den Kampf um den Hambacher Forst geben, eindrücklich sind die Szenen aus der gerichtlich gestoppten Rodungssaison 2017. Debatten zwischen Waldbesetzer*innen und einem für die Kommunikation zuständigen Polizisten. In einer Szene wird gelacht, in der nächsten schlägt die Stimmung um. Steffen Meyn denkt über den Umgang mit dem Beamten und die Rolle der Polizei nach. Auch Besetzer*innen kommen zu Wort, vor fünf Jahren genauso wie heute. »Vergiss Meyn nicht« ist auch eine hautnahe Beschreibung und Reflexion des Lebens von Aktivist*innen im Allgemeinen und eben im Besonderen im Hambacher Forst.

Als im Herbst 2018 die Räumung im Hambacher Forst beginnt, begleiten wir Steffen wieder bei einem gedanklichen Prozess. Erst begleitet er die Räumung am Boden. Wir sehen nicht viel. Der Dokumentarfilmer steht an den Absperrungen, die die Polizei vorgegeben hat. Vor allem hören wir hier diesen ganz speziellen Hambi-Räumungssound. Eine Mischung aus Durchsagen der Polizei, Rufen von Aktivist*innen und das alles untermalt vom Krach der Motorsägen und Baufahrzeuge. Im Film sieht man Steffens Ärger über die Arbeitsbedingungen. Die Polizei bestimmt, ob Journalist*innen in den Wald kommen und wo sie sich aufhalten dürfen.

Steffen Meyn beschließt nach oben zu gehen. Ins Baumhausdorf Beechtown, das als nächstes geräumt werden soll. Wir sehen, wie er sich auf und zwischen den Bäumen bewegt. Es sind Szenen aus dem bizarren Räumungsalltag im Hambi. Gespräche, die es in einen »normalen« Dokumentarfilm wohl nicht geschafft hätten. Und dann irgendwann ist Schluss. Steffen macht den tödlichen Schritt. Wer hat die Schuld daran? Auch diese Frage wird gestellt. Die Antwort bleibt vielschichtig.

Die Regisseur*innen Fabiana Fragale, Kilian Kuhlendahl und Jens Mühlhoff waren Freund*innen von Steffen Meyn, sie haben ihn bei seinem Projekt begleitet. Kilian Kuhlendahl stand an dem Baum, an dem Steffen tödlich stürzte, er hatte Speicherkarten für Steffens Kameras dabei. Fabiana Fragale saß im Zug auf dem Weg zum Hambacher Forst, als sie erfuhr, dass ein Journalist im Hambi gestürzt ist, Jens Mühlhof hatte es auf Twitter gelesen.

Die enge Beziehung der drei Regisseur*innen zu Steffen Meyn, aber auch zum Hambacher Forst, hat einen Film ermöglicht, der viel Herz hat, der nah dabei ist. Trauer, Unverständnis über das, was passiert ist, und viel Liebe für Steffen und die Menschen, die im Wald gelebt haben, tragen einen Film, der bewegt. »Der Hambi hat mein Leben tiefgreifend verändert«, sagt einer der ehemaligen Besetzer. Die Besetzung hat viele Leben verändert. Sie hat auch Leben beendet. Nicht nur das von Steffen. Im Abspann erinnert der Film an weitere Besetzer*innen, die heute nicht mehr leben.

Am kommenden Samstag findet im Hambacher Forst eine Gedenkveranstaltung für Steffen Meyn und fünf weitere Menschen statt, die in der Waldbesetzung aktiv waren.

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