Hessen ist überall

Man kann den Rechtsruck beklagen. Oder sich fragen, warum die politische Linke so unattraktiv ist. Christoph Ruf hat ein paar Ideen.

  • Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Viele haben schon versucht zu erklären, warum sich die Menschen gerade in so großer Zahl etwas davon versprechen, rechte Parteien zu wählen. Ich stelle mir stattdessen die Frage, woran es liegt, dass so wenige Menschen mit der Wahl einer linken Partei (ich zähle jetzt mal wider besseres Wissen SPD und Grüne dazu) etwas Positives verbinden. Selbst die wenigen Menschen, die in Bayern und Hessen SPD oder Grüne gewählt haben, taten das ja nicht, weil sie damit konkrete Hoffnungen oder gar nur Erwartungen verbunden hätten. Wahlentscheidend war ein reiner Defensivreflex. Primär der Wunsch, Söder, Rhein und vor allem die AfD nicht allzu stark werden zu lassen. Auch außerhalb von Bayern und Hessen kenne ich kaum jemanden, der zuletzt SPD, Linke oder Grüne gewählt hätte, weil er geglaubt hätte, dass dadurch irgendetwas irgendwo besser wird.

Das allein mit der Verwirrung der Linken und der Haltungslosigkeit der rot-grünen Ampelparteien begründen zu wollen, würde zu kurz greifen, fürchte ich. »Links«, und das gilt leider nicht nur für das parteipolitisch linke Lager, wird derzeit von vielen Menschen als etwas wahrgenommen, das so anziehend wirkt wie die Straßenverkehrsordnung nachts um vier. Wenn Linke in Erscheinung treten, dann häufig mit Tabus, Verboten und moralisierendem Getue. Besonders vehement dann, wenn die Argumente ausgehen.

Man stelle sich einmal vor, es gibt irgendwo einen 16-Jährigen, der sich engagieren will. Für Frieden, für Ökologie, für eine gerechtere Weltwirtschaft, gegen Nazis, was weiß ich. Mit einem etwas mulmigen Gefühl ist man wahrscheinlich schon vor 30 Jahren zum ersten Treffen mit einer Gruppe gegangen, von der man hofft, dass sie ähnlich tickt wie man selbst. Aber heute? Im Grunde muss unser 16-Jähriger vor jedem Satz, den er spricht, in sich gehen und sich fragen, ob er sprachlich auch auf dem Stand der bereits Erleuchteten ist. Und hat er sich auch wirklich richtig ernährt? Er bleibt dann, wenn er noch bei Trost ist, lieber zu Hause. Umso schlimmer, dass SPD, Grüne und Linke in einem solch miserablen Zustand sind, denn – verstehe, wer will – für viele Menschen sind ja auch die Parteien ein Vehikel der politischen Sozialisierung. Die Sozis sind nach wenigen Jahren Scholz völlig entleert, nachdem die Schröder-Jahre ihr den größten Mitgliederschwund der Nachkriegsgeschichte beschert haben. Irgendwann rückblickend wird man lesen, dass die Partei von Otto Wels und Willy Brandt von zwei norddeutschen Juristen ruiniert wurde. Über die Grünen ist alles gesagt. Da wurde in Bayern wochenlang mit der Klage Wahlkampf gemacht, wie menschenverachtend die Anti-Grünen-Agitation der CSU doch sei. Nur um dann – zehn Minuten nach Schließung der Wahllokale – ebenjene CSU anzubetteln, doch bitte bitte mit ihnen zu koalieren. Und Die Linke? In Baden-Württemberg sind nächstes Jahr Gemeinderatswahlen, bei der Linken sind fünf Frauen auf den ersten Listenplätzen. Endlich eine Entscheidung der Linken-Basis, mit der man mal punkten kann am Wahlkampfstand, dachte ich. Zumindest bei 50 Prozent der Bevölkerung und bei großen Teilen der anderen 50 Prozent wie mir, die es gut fänden, wenn die wichtigen Gremien paritätisch besetzt wären. Daumen hoch für die Linke also ... und gleich wieder runter. Denn bei den Linken muss man offenbar mit dem Arsch umreißen, was man mit den Händen aufgebaut hat. Weshalb die Linken vor Ort die frohe Kunde nicht verkauften, wie man es tun müsste, wenn man Stimmen dazugewinnen will. Also: Frauenpower gegen Männerklüngel. Sondern so: »Mit fünf weiblich gelesenen Personen wird die Liste feministisch angeführt…«

Inhalte können noch so gut sein. Wenn man sie so schlecht verpackt, nimmt sie niemand wahr. Und schwuppdiwupp sind aus potenziell 60 bis 80 Prozent Wohlwollen 98 Prozent Unverständnis geworden. Schon allein deshalb, weil ein großer Teil der Menschen die Formulierung »weiblich gelesen« nicht auf Anhieb versteht. Man kann so formulieren. Man muss dann halt nur damit leben, dass die eigenen Wahlergebnisse so gelesen werden, wie sie sind.

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