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Sandra Hüller im Interview: Das Unbekannte zulassen

Sandra Hüller ist als Schauspielerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Ein Gespräch über ihre Rollenauswahl, ihre Herkunft und Filme über die DDR

  • Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 5 Min.

Frau Hüller, Sie haben ein sehr erfolgreiches Jahr, waren mit zwei Filmen – »Anatomie eines Falls« von Justine Triet und »The Zone of Interest« von Jonathan Glazer – auf dem Cannes-Filmfestival, die beide auch die Hauptpreise gewonnen haben. Wie fühlen Sie sich momentan?

Ich bin gestern Nacht von Bochum von der Theatervorstellung hierher gefahren worden und habe vier oder fünf Stunden geschlafen, davor war ich auf Reisen mit den Teams der beiden Filme. Ich bin ein bisschen müde, aber bereit, mit Ihnen zu sprechen.

In »Anatomie eines Falls« spielen Sie eine ambivalente deutsche Schriftstellerin, Sandra, die des Mordes an ihrem Mann verdächtigt wird. Was finden Sie an dem Charakter Sandra interessant?

Dass sie für sich eine Freiheit in Anspruch nimmt, die ich mir auch gerne nehmen würde, was ich mich aber nicht immer traue. Dass sie sich nicht entschuldigt für die Entscheidungen, die sie getroffen hat. Dass sie die Konsequenzen aller ihrer Entscheidungen trägt und einen ganz feinen Humor hat. Dass sie eine große Liebende ist, mit einer sehr großen Liebesfähigkeit, die sie aber nicht jedem schenkt. Sie ist unglaublich klug, talentiert, unabhängig, erfolgreich. Das ist faszinierend, dass sie es schafft, in diesem Prozess, in dem sie sehr angegriffen wird, ruhig zu bleiben, weich zu bleiben.

Manche Schauspieler*innen, die auch internationale Karriere machen, finden irgendwann, dass sie aufgrund ihrer Herkunft nur bestimmte Rollen angeboten bekommen. Wie ist es bei Ihnen?

Interview

Sandra Hüller wurde 1978 im thüringischen Suhl geboren. Nach dem Abitur ging sie an die renommierte Schauspielschule »Ernst Busch« in Berlin. Nach diversen Stationen als Ensemblemitglied an Theatern in Jena, Leipzig, Basel und München hat sie 2006 ihre erste Rolle im Film »Requiem«, die viel Aufmerksamkeit erregt. Ab dann ging es für sie nur noch aufwärts. Es folgten weitere Filmrollen, in denen sie glänzte, so in »Brownian Movement« (2010) und dem extrem erfolgreichen »Toni Erdmann« (2016). Beim diesjährigen Filmfest in Cannes wurden zwei Filme »Anatomie eines Falls« und »The Zone of Interest«, in denen sie die Hauptrolle spielte, mit den wichtigsten Preisen des Festivals (Goldene Palme und Großer Preis der Jury) ausgezeichnet.

Bei Jonathan Glazer ist die Herkunft wichtig gewesen, weil er deutsche Menschen in dem Holocaust-Film »The Zone of Interest« besetzen wollte – aus Gründen, die ich klug finde. Bei Justine Triet finde ich nicht, dass meine Herkunft unbedingt eine Rolle spielt, weil sie die Figur dahingehend geschrieben hat, dass sie eben eine deutsche Schriftstellerin ist, damit ich sie spielen kann, damit mein Akzent der richtige ist. Das hat mir eher geholfen, es war kein Hindernis. Da endet meine Expertise auch schon. Auch in »Brownian Movement« von Nanouk Leopold vor vielen Jahren ging es nicht darum, wo eine Figur herkommt.

Um beim Thema Herkunft zu bleiben: Ihre ostdeutsche Kindheit wird vor allem in Interviews oft thematisiert. Wann ist es für Sie okay oder relevant und wann nervig?

Das kann ich Ihnen nicht so genau sagen. Meine Identität und dass ich in diesem Land geboren bin, das jetzt ein anderes ist, ist ein Fakt, mit dem ich umgehe. Dann gibt es Projektionen: Manchmal ist es interessant, die auch geradezurücken oder selbst darüber noch etwas herauszufinden, und manchmal ist es unglaublich langweilig. Und nur weil ich dort gelebt habe, bin ich nicht unbedingt Expertin dafür.

Gibt es gute Filme über die DDR? In einem Interview sagten Sie mal: »Es fehlt der Film, in dem es mal nicht nur um die Ausstattung, um die Spreewaldgurken geht.«

Ich habe nicht alle Filme über die DDR gesehen. Man braucht wahnsinnig viel Zeit, um komplexe Sachverhalte zu begreifen, diese zu verarbeiten und dann irgendwann Kunst daraus zu machen. Ich denke, so ist es mit jedem Thema, das so viele Schicksale bestimmt hat, deswegen kann ich mir vorstellen, dass es bei Filmen über die DDR einfach noch länger dauert, bis der Abstand noch größer ist.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf nicht?

Was ich schwierig finde, ist, wenn es tatsächlich nur ums Geld geht. Dieses ergebnisorientierte oder produktorientierte Denken oder Arbeiten liegt mir nicht, auch wenn ich schon manchmal Teil davon war. Ich finde einfach Prozesse interessant, finde es immer toll, wenn es sowohl finanziell als auch zeitlich Raum dafür gibt, Sachen auszuprobieren und vielleicht auch mal danebenzuliegen; das ist im Schaffensprozess so eingeschrieben, aber manchmal vergessen wir das. Neulich hat jemand, der mir so nahesteht, zu mir gesagt, dass im Zuge des Experimentes, des Gedankens der Moderne dieser Raum des Unbekannten durch alles ersetzt wurde, was mit Null und Eins zu tun hat. Wir müssen die Dinge immer berechnen können. Wir müssen immer vorher herausfinden, wie das dann sein wird. Es muss schon klar sein, wo das Ende ist. Das weiß ich aber nicht. Niemand weiß das. Wenn man das allgemein mehr in den Schaffensprozess integrieren könnte, wäre es toll.

Was war das schönste Erlebnis im Laufe Ihrer Karriere?

Oh, da gibt es ein paar. Aber das kann ich Ihnen nicht mitteilen. Das ist immer privat gewesen, hatte eher mit der Verbindung zu den Leuten zu tun, die mir in meinem Leben etwas bedeuten, aber was dann irgendwie an einem bestimmten Punkt der Arbeit passiert ist.

Sie spielen sowohl in Filmen als auch in Theaterstücken. Wann kommt Film infrage und wann Theater?

Ich habe mit Theater angefangen, bin für Theater ausgebildet. Irgendwann, nach sieben Jahren im Beruf, fand jemand, dass ich auch Filme machen sollte; damit hat es angefangen. Ich habe nach wie vor keine Filmausbildung, mache aber auch Filme, weil es auch gut funktioniert. Doch das Theaterspielen ist immer noch mein Hauptberuf, weil es mich immer daran erinnert, warum ich das am Anfang gemacht habe, was ich da gesucht habe.

Wollten Sie immer Schauspielerin werden?

Nein, erst mit 16, 17 Jahren habe ich es herausgefunden. Vorher wollte ich alles Mögliche werden: Archäologin, Tierärztin, Hebamme, Lehrerin.

Was ist am Spielen so faszinierend für Sie?

Ich glaube, das Erforschen des Menschseins: Warum Leute etwas tun, was sie tun, wie sie das tun. Wie unterschiedlich wir sind, wie unterschiedlich wir leben und denken. Was für verschiedene Arten von Humor es gibt. Das macht einen zu einem offeneren Menschen.

»Anatomie eines Falls«: Frankreich 2023. Regie: Justine Triet, Buch: Justine Triet,
Arthur Harari. Mit: Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado Graner. 150 Min. Jetzt im Kino.

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