Gastronomie: Tariflohn als Kompass

Die Gewerkschaft NGG will verstärkt in Tarifauseinandersetzungen gehen

  • Moritz Aschemeyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Rund zehn Millionen Beschäftigte arbeiten derzeit für Bruttolöhne unter 14 Euro die Stunde. Das geht aus dem »Fairness-Check der Arbeit in Deutschland« hervor, den das Pestel-Institut aus Hannover für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erstellt hat. Der Bericht wurde am Mittwoch auf dem Gewerkschaftstag der NGG vorgestellt. Angesichts der bis Ende 2024 umzusetzenden Mindestlohnrichtlinie der Europäischen Union, die eine Untergrenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens empfiehlt, sind die 14 Euro allerdings perspektivisch zu erwarten.

Doch für eine armutsfeste Rente reicht auch das nicht, wie aus den Zahlen des Pestel-Institutes hervorgeht. »Wenn ein Beschäftigter 45 Jahre in Vollzeit arbeitet, dann sollte er heute mindestens 16,50 Euro verdienen, um – auf der Basis der geltenden Regelungen für die gesetzliche Rente – eine Bruttorente zu bekommen, die mit 1500 Euro deutlich oberhalb der Grundsicherung liegt«, erklärte der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther, bei der Vorstellung der Untersuchung auf dem Gewerkschaftstag der NGG in Bremen.

Insbesondere das Gastgewerbe ist stark von Niedriglöhnen geprägt. Vor der Mindestlohnerhöhung im vergangenen Jahr arbeiteten laut Statistischem Bundesamt 63 Prozent der dort Beschäftigten zu einem Lohn von unter 12,50 Euro. Auch viele Tarifverträge starten in der Branche mit Einstiegslöhnen nur knapp über dem Mindestlohn.

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Die Verträge erreichen zudem nicht viele Beschäftigte. Laut Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung profitierten im vergangenen Jahr rund 36 Prozent der Beschäftigten im Gastgewerbe von einem Tarifvertrag. Im Bereich der Nahrungs- und Genussmittelproduktion waren es hingegen 48 Prozent und damit in etwa so viele wie im Bundesdurchschnitt, der bei 49 Prozent liegt.

Auch ist in den NGG-Branchen in den vergangenen zehn Jahren der Anteil an Fachkräften stark zurückgegangen. In der Gastronomie sank er etwa von 74 auf 46 Prozent. Zugleich, so die Untersuchung des Pestel-Instituts, kommt immer weniger Nachwuchs nach. In der Gastronomie werden über 22 Prozent weniger Auszubildende verzeichnet als noch vor zehn Jahren, in der Lebensmittelherstellung ist es ein Minus von 37 Prozent.

Die Gewerkschaft um den wiedergewählten Vorsitzenden, den 52-jährigen gelernten Hotelfachmann Guido Zeitler, hat also dicke Bretter zu bohren. Den Rückhalt seiner rund 190 000 Mitglieder zählenden Gewerkschaft sicherte sich Zeitler dafür am Dienstag mit Stimmen von 88 Prozent der 147 Delegierten. Als stellvertretende Vorsitzende wurden Claudia Tiedge (47) und Freddy Adjan (55) wiedergewählt, die jeweils über 90 Prozent der Stimmen erhielten.

In den nächsten fünf Jahren will Zeitler vor allem die sinkende Tarifbindung angehen. »Der Tariflohn muss der Kompass für den Wert der Arbeit sein, nicht der Mindestlohn«, sagte er am Mittwoch nach seiner Wahl. Eine stärkere Einkommensgleichheit sei sowohl für den gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch für den Fiskus von Vorteil, so der alte und neue NGG-Vorsitzende.

Tariflöhne seien überdies ein probates Mittel gegen Fachkräfteschwund und Nachwuchsmangel, ergänzte auch die wiedergewählte Vizechefin Claudia Tiedge. »Noch pokern die Arbeitgeber hoch. Sie betreiben Tarifflucht. Ein Beispiel dafür sind Hotellerie und Gastronomie. Dabei muss allen klar sein: Wer künftig unter dem tariflichen Lohn-Radar arbeiten und produzieren lässt, der verliert über kurz oder lang seine Leute. Denn die Job-Mobilität auf dem Arbeitsmarkt wird zunehmen.« Zudem erreichen den Berechnungen des Pestel-Instituts zufolge in den nächsten zehn Jahren rund 12,5 Millionen Menschen in Deutschland das Rentenalter.

Dass es für die Durchsetzung von mehr Tariflöhnen auch einer schlagkräftigen Organisation bedarf, darauf verwies der ebenfalls wiedergewählte stellvertretende Vorsitzende Freddy Adjan schon am Dienstag in der Ansprache zu seiner Kandidatur. Die Arbeitgeber habe man zu den guten Abschlüssen der letzten Tarifrunden nicht durch gute Argumente bewegt.

Die NGG war laut dem Arbeitskampfmonitor des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) gemessen an der Mitgliederzahl die streikfreudigste deutsche Gewerkschaft im Jahr 2022. Streikbereitschaft scheint sich auszuzahlen – so konnte die NGG laut Adjan allein durch die Arbeitskämpfe in der Süßwarenindustrie in diesem Jahr bereits 2500 neue Mitglieder gewinnen. Dieses Jahr geht die Gewerkschaft insgesamt von einem Mitgliederplus aus. Für den stellvertretenden Vorsitzenden Adjan steht daher fest: »Die effektivste Art, Mitglieder zu gewinnen, ist durch Tarifauseinandersetzungen.«

Von der Regierung erhofft sich NGG-Vorsitzender Zeitler Unterstützung in Form einer raschen Umsetzung des im Koalitionsvertrag vereinbarten Tariftreuegesetzes. Zur öffentlichen Auftragsvergabe nach Tarif hatte sich der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in seiner Eröffnungsrede zum Gewerkschaftstag am Montag bekannt. Zeitler forderte am Mittwoch Christian Lindner (FDP) dazu auf, seinen Widerstand gegen das Tariftreuegesetz aufzugeben. Doch auch der Auftritt des Bundeskanzlers verlief nicht reibungslos. Mitglieder der NGG-Jugend hielten bei der Rede von Scholz Protestplakate hoch, auf denen die kürzlich gegenüber dem »Spiegel« geäußerten Abschiebepläne des Kanzlers kritisiert wurden.

Der Gewerkschaftstag der NGG dauert bis diesen Freitag an. Bis dahin beraten die Delegierten noch über 113 Anträge.

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