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- »The Buccaneers«
Toni Buddenbrook auf Aperol Spritz
Die Serie »The Buccaneers« gibt sich null Mühe, die Realität von Frauen vor 150 Jahren wirklich abzubilden
Wer den Trend zum Freund will, sollte Augen offener halten als Ohren. Schließlich bewohnen wir eine Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit alles ist und vieles davon Optik. Die Kreativen hinter der Serie »The Buccaneers« haben sich deshalb ganz genau umgesehen, bevor das gleichnamige Buch der Pulitzerpreis-Trägerin Edith Wharton zur Unterhaltung wurde – wenngleich weniger in Schulbüchern als auf einem Streamingdienst.
Bei Sky zum Beispiel oder Amazon Prime, RTL und natürlich Netflix, wo »Gentleman Jack« oder »Sanditon« und reihenweise aktualisierte »Sissis« abrufbar sind, natürlich auch das Prachtstück fiktionalisierter Realitäten: »Bridgerton«. Sie alle sind so frei, die Menschen vergangener Epochen, insbesondere ihr Verhalten nebst Sprache, moderner zu zeichnen als geschichtlich verbrieft. Edeldamen sind darin keine sittsamen Objekte patriarchaler Macht, sondern frivole Partnerinnen auf Augenhöhe fortschrittlicher Herren mit losem Mundwerk, Starrsinn, gelegentlich gar dunkler Hautfarbe.
Seltsam. Aber so erfolgreich, dass Showrunnerin Katherine Jakeways den Trend der frisierten Vergangenheit zu ihrer besten Freundin macht und im Mainstream populärer Fantasy-Romane vor historischer Fototapete mitschippern lässt. »The Buccaneers« sind demnach unbedingt heiratswillige Frauen, die vor rund 150 Jahren als fünf verschiedene Carrie Bradshaws der Belle Époque erst durch New York, später Cornwall tanzen wie Toni Buddenbrook auf Aperol Spritz.
Wie üblich im romantischen Historytainment sind die »Freibeuterinnen« zwar ganztägig auf der Suche nach Männern fürs Leben. Dabei agieren sie allerdings nur selten wie Geldadelssprösslinge der puritanischen USA anno 1875. Eher schon sind es It-Girls im Reifrock à la Nan (Kristine Frøseth) und Mabel (Josie Totah), die das Elternhaus ihrer Freundin gleich mal in Schampus baden wie Influencerinnen anno 2023. Der Grund? Conchita heiratet. Wie schön! Und absurd.
Denn die Braut (Alisha Boe) ist schwarz, hätte vor 150 Jahren daher den Dienstboteneingang genommen, statt mit Lord Richard (Josh Dylan) durchs Portal Richtung Sonnenuntergang zu reiten. Der liegt übrigens in England, wohin drei neureiche, aber statusarme Familien ihre fünf Töchter Mitte der ersten von vorerst acht Folgen schicken, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Gatte für Geld, Adelstitel gegen Liquidität. Eine win-win-Situation würde man heute sagen. Damals hieß es: gute Partien.
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Und darum geht es »The Buccaneers« wie drei Jahre zuvor auch dem Serienpersonal von »Bridgerton«, wo die halbe Aristokratie inklusive Königin afrikanische Wurzeln hat und ausnahmslos ans Ehelichen denkt. Hier ließe sich zwar einwenden, der Kulturclash flatterhafter Amerikanerinnen mit hüftsteifen Engländern sei nun mal ebenso ein Märchen wie Whartons zentrale Lovestory der burschikosen Nan zwischen dem kultivierten Duke Theo (Guy Remmers) und dem farbigen Dandy Guy (Matthew Broome).
Entzückend, nicht tiefgründig. Dekorative Unterhaltung für den Augenblick und somit ein bisschen egal? Mag sein – und greift trotzdem zu kurz. Denn Serien wie diese relativieren emanzipatorische Bewegungen der vorigen 150 Jahre gewissermaßen popkulturell und verkleben reaktionäre Reaktionsmuster so schick kostümiert mit progressiven, dass weibliche Selbstermächtigung zum bloßen Accessoire männlicher Ehefrauenzucht schrumpft.
Anders ausgedrückt: Auch wenn die Mädels irgendwie autonom sind, bleiben sie doch Heiratsware – nur dass sie wider alle Überlieferung nicht tagein tagaus unterdrückt, vergewaltigt, erniedrigt werden, sondern auf Händen getragen. Da war Romy Schneiders Sissi ja 1955 schon weiter. Dass dann auch noch Schwarze unter den oberen Zehntausend mitmischen und natürlich Homosexuelle, als sei die US-Gesellschaft jener Zeit nicht strukturell rassistisch und homophob gewesen, macht die Sache nur noch abstruser. Wären die »Buccaneers« tatsächlich Prinzessinnen, könnte man sie als geigenumflort schönen, opulent ausgestatteten Geschichtskitsch wenigstens ignorieren.
Die Umstände aber orientieren sich eben doch oft an der sozialen Wirklichkeit – sonst würden ihre Schwiegereltern Conchitas Rolle nicht kühl als »Mutter eines gesunden Sohnes und Tochter eines reichen Vaters« beschreiben, was zur Eigenerkenntnis führt, die Hautfarbe sei schuld an der Ablehnung im viktorianischen Verpaarungsexil, dessen Upper Class ja doch wieder weiß ist. All das macht »The Buccaners« nicht zur missratenen, aber ignoranten Serie. Sie hätte entweder mehr oder weniger Tatsachen verdient. Ihr Mittelmaß wirkt irgendwie verstörend.
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