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Weiter schlechte Aussichten in der Baubranche

Konjunktur im Baugewerbe bleibt im Abwärtstrend, Lohndumping verschärft die schwierige Auftragslage

  • Lola Zeller
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Zahl der Aufträge, die bei Bauunternehmen in Berlin und Brandenburg eingehen, ist weiterhin rückläufig. Das stellte Klaus-Dieter Müller, Päsident der Fachgemeinschaft (FG) Bau, der Interessenvertretung der Bauunternehmen, am Mittwoch bei der Vorstellung des herbstlichen Konjunkturberichtes fest. »Vieles ist nicht neu. Aber einiges rutscht ab bis zur Eskalation.« Zwei Drittel der Unternehmen erwarten demnach eine Umsatzverschlechterung in den kommenden Monaten.

In Berlin geben über 60 Prozent, in Brandenburg knapp 50 Prozent der Unternehmen an, dass sich ihr Auftragseingang seit Jahresbeginn im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert habe. »Ausgenommen davon ist der Holzbau, da läuft es gut«, sagt FG-Bau-Pressesprecher Thomas Herrschelmann bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse. Die Region rund um die Tesla-Fabrik in Grünheide sei ebenfalls vom Abwärtstrend ausgenommen.

Hohe Zinsen und die gestiegenen Energie- und Materialkosten führten dazu, dass allgemein weniger in Bauvorhaben investiert werde. Auch die »öffentliche Hand« könne dem zurzeit nicht durch eigene Aufträge entgegenwirken, weil durch Krieg und Krisen nicht genügend Geld zur Verfügung stehe, sagt Herrschelmann. »Es gibt zumindest eine Stagnation öffentlicher Aufträge.«

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Für die Bauunternehmen komme dann noch hinzu, dass es äußerst aufwendig und unsicher sei, sich auf öffentliche Aufträge zu bewerben. Der Großteil der Unternehmen, die sich nicht bewerben, gibt in der Befragung an, dass sich der Aufwand nicht lohne, weil »nur die billigsten Anbieter« den Zuschlag erhielten. FG-Bau-Präsident Müller, der selbst ein Bauunternehmen leitet, erklärt, dass viele der »billigsten Anbieter« aller Wahrscheinlichkeit nach Lohnkosten durch informelle Arbeitsverhältnisse einsparten. Denn nach Einführung der Tariftreue bei öffentlichen Aufträgen in Berlin müssten theoretisch dieselben Gehälter gezahlt werden, das werde aber in den Kalkulationen nicht ausreichend geprüft.

»Wenn ein Hamburger Unternehmen nach Berlin entsendet und dann trotzdem noch 20 Prozent unter den anderen Kalkulationen liegt, dann geht das nur über Lohndumping«, sagt Müller. Das »Schummeln« bei den Kalkulationen und die damit einhergehende informelle Beschäftigung von Bauabeiter*innen unter Tariflohn lasse sich leicht aufdecken, so der Unternehmer. Denn alle Unternehmen müssen verpflichtend bei der gesetzlichen Sozialkasse (Soka Bau) ihre Mitarbeiter*innen angeben. »Unternehmen haben dort dann beispielsweise drei Hilfsarbeiter in Teilzeit angemeldet. Damit kann man den Bauauftrag aber nicht ausführen«, sagt Müller.

Die FG Bau plädiert deshalb dafür, dass die Angaben der Soka Bau schon bei den Bewerbungen um die Aufträge mitgeschickt werden müssen, egal ob es öffentliche oder private Aufträge sind. Die Soka Bau stellt dafür eine Melde- und Beitragsbescheinigungen aus. Dadurch könnte schon vorab geprüft werden, ob das Unternehmen seine Mitarbeiter*innen ordentlich anmeldet, und auch, ob es Hilfs- oder Fachkräfte beschäftigt. Das vereinfache Verfahren, weil Prüfungen im Nachhinein hinfällig würden. Und es würde dazu führen, dass Unternehmen, die von vornherein die Tariflöhne angemessen in ihre Kalkulationen einbringen, überhaupt eine Chance haben, öffentliche Aufträge an Land zu ziehen. »Ich rechne mir doch nicht die Finger wund und stelle seitenweise Kalkulationen auf, wenn am Ende doch jemand gewinnt, der 20 bis 30 Prozent darunter liegt und schummelt«, so der FG-Bau-Präsident.

Die FG Bau fordert nicht nur die Abfrage von Soka-Bau-Bescheinigungen vom Berliner Senat. Mit dem aktuellen Entwurf zur Novelle der Bauordnung ist der Bauunternehmensverband ebenfalls unzufrieden. Gerade die Pflicht zur Dachbegrünung sei zu teuer für die Firmen, sagt Müller. Außerdem fehle den Unternehmen die Planungssicherheit, zum Beispiel bezüglich der Kostenbezuschussung für energieeffizientes Bauen. Die FG Bau wünscht sich außerdem eine Angleichung der Bauordnungen in Berlin und Brandenburg und eine Vereinfachung der Antragsverfahren.

Ein Dauerbrenner im Bauhandwerk ist und bleibt der Fachkräftemangel. Hier könnte der Grund liegen, warum trotz der miesen Auftragslage kaum Unternehmen angeben, Mitarbeiter*innen entlassen zu wollen. »Das ist eine positive Nachricht: Die Unternehmen geben an, dass sie keine Entlassungswellen geplant haben«, sagt Müller.

Da der Bedarf an Bauvorhaben in beiden Ländern weiterhin groß sei – in Berlin würden vor allem Wohnungen gebraucht, in Berlin und Brandenburg müsse die Infrastruktur dringend ausgebaut werden –, rechneten die Unternehmen damit, dass sie früher oder später wieder mehr Aufträge erhalten und dann das Personal brauchen würden. Durch altersbedingte Abgänge verlieren die Firmen sowieso Fachkräfte. Gleichzeitig blieben in Berlin rund 150 und in Brandenburg rund 230 betriebliche Lehrstellen im Baugewerbe laut Lehrstellenbörse der Arbeitsagentur unbesetzt, es komme also zu wenig Nachwuchs nach. Über 70 Prozent der Unternehmen geben an, bis Jahresende weder Mitarbeiter zu entlassen noch einzustellen, so Herrschelmann.

Was die Baufirmen laut der Fachgemeinschaft weiterhin umtreibt, sind bürokratische Hürden und die »mangelnde Leistungsfähigkeit der Behörden«, so Präsident Müller. »Wenn es zum Beispiel um die Bearbeitung von Bauanträgen geht, ist da gar nichts vorangekommen.« Die FG Bau fordert daher zum Beispiel die Einführung von Bearbeitungsfristen und Erlaubnisfiktionen bei Genehmigungsverfahren.

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