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  • Musikausstellung in Leipzig

Musik der Macht, Macht der Musik

In Leipzig wirft die Ausstellung »Hits & Hymnen. Klang der Zeitgeschichte« einen Blick auf das spannungsreiche Verhältnis von Musik und Politik

  • Luca Glenzer
  • Lesedauer: 4 Min.
Diese Lederjacke in der Ausstellung stammt von Klaus Meine, Leadsänger der »Scorpions«. Sie erinnert an das Moskauer Musikfriedensfest im August 1989: Zum ersten Mal in der Geschichte der UdSSR durften auch Hard-Rock- und Heavy-Metal-Bands aus dem Westen – unter ihnen auch die »Scorpions« – offiziell auftreten.
Diese Lederjacke in der Ausstellung stammt von Klaus Meine, Leadsänger der »Scorpions«. Sie erinnert an das Moskauer Musikfriedensfest im August 1989: Zum ersten Mal in der Geschichte der UdSSR durften auch Hard-Rock- und Heavy-Metal-Bands aus dem Westen – unter ihnen auch die »Scorpions« – offiziell auftreten.

Was haben Nenas »99 Luftballons«, Udo Lindenbergs »Sonderzug nach Pankow« und »Das bisschen Totschlag« von den Goldenen Zitronen gemeinsam? Nicht sonderlich viel, möchte man meinen. Die neue Ausstellung »Hits & Hymnen« im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig hält dagegen und stellt die These auf: Alle drei Songs haben eine Ära mitgeprägt, dadurch mit dem Mittel der Musik Geschichte geschrieben und implizit den politischen Zeitgeist mitbestimmt.

Dabei sei die zeitgeschichtliche Relevanz einzelner Songs für eine bestimmte Epoche im Rückblick oftmals gar nicht mehr so präsent, erzählt Anne Martin, die die Ausstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin mitkonzipiert hat. Denkt man an das Jahr 1968, kommen einem etwa als erstes die Studentenrevolte und damit assoziierte Acts wie Bob Dylan oder die Rolling Stones in den Sinn. Doch einer der prägendsten und erfolgreichsten Songs jener Zeit sei »Mama« von Heintje gewesen, so Martin. Das sagt viel über die konservativen Beharrungskräfte jener Zeit in Westdeutschland aus, die im Rückblick zugunsten einer linearen, mitunter auch verkitschten Geschichtsschreibung gerne einmal übersehen werden.

Wie üblich in der Arbeit des Zeitgeschichtlichen Forums ist auch in »Hits & Hymnen« ein buntes Sammelsurium an Exponaten zu sehen: Da wäre etwa ein Anzug von Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel, den dieser im Zuge einer Bambi-Verleihung getragen hat und der mit aus dem Prinzen-Hit »Deutschland« entliehenen Schlagwörtern wie »Stolz«, »Auf-die-Fresse« oder »Ficken« markant geziert ist. An anderer Stelle ist eine Baumischmaschine zu sehen, die die Krautrock-Formation Faust einst als Klangobjekt einsetzte. Ein Transparent der »Wir sind mehr«-Proteste 2019 in Chemnitz zeugt wiederum vom nicht selten prekären Kampf gegen rechts.

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Zentrum der Ausstellung ist eine Videoinstallation, in der vier kurze Konzertausschnitte nacheinander projiziert werden: Zum einen die Evergreens »Born in the USA« von Bruce Springsteen und »Mädchen aus Ostberlin« von Udo Lindenberg, die die beiden etablierten Rock-Sänger während ihrer DDR-Auftritte 1988 beziehungsweise 1983 jeweils in Ostberlin vor frenetischem Publikum performten. Außerdem ist ein Ausschnitt des verhängnisvollen Köln-Konzerts von Wolf Biermann 1976 zu sehen, das schließlich zu seiner Ausbürgerung aus der DDR führte. Am Ende folgt eine kurze Szene aus dem legendären Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Leitung Daniel Barenboims vom 12. November 1989, das nur drei Tage nach dem Mauerfall stattfand und allen Ostberliner Bürgerinnen und Bürgern kostenlosen Zugang gewährte.

Alle vier Ausschnitte unterstreichen durchaus eindrucksvoll, welche Kraft der Musik mitunter innewohnt – insbesondere im Kontext der Systemkonkurrenz von Ost und West, Realsozialismus und Liberalismus, Diktatur und Demokratie. Zugleich offenbaren sie, wie mittels Musik auch Macht ausgeübt und demonstriert wird: Denn was die Macht des einen Systems untergräbt, stabilisiert oft die Macht des anderen – und umgekehrt. Biermanns Ausbürgerung aus der DDR ist nur ein Beispiel dafür. An anderer Stelle ist in der Ausstellung ein Foto zu sehen, auf dem Lindenberg dem sichtlich überforderten Staatsratsvorsitzenden Honecker eine Gitarre mit dem aufgedruckten Slogan »Gitarren statt Knarren« überreicht, das im Westen genüsslich Verbreitung fand und insbesondere in den Boulevardmedien Hohn und Spott nach sich zog.

Die zahlreichen Videoausschnitte und Exponate bieten dabei einen niedrigschwelligen Zugang, der zuvorderst empfehlenswert ist für jüngere Besucherinnen und Besucher sowie jene, die sich noch nicht eingehender mit der verhandelten Thematik auseinandergesetzt haben. Vertiefende Einblicke bietet die Ausstellung indes kaum: Die Texttafeln sind zumeist sehr kurzgefasst, Hintergrundinformationen und Deutungen fehlen in der Regel. Man fragt sich: Wie und warum wurde und wird populäre Musik von staatlicher Seite eingebunden? Wann stabilisiert sie Macht, und wann untergräbt sie diese? Was macht Musik zu einem Politikum? Hat Honecker mehr von Lindenberg, oder Lindenberg mehr von Honecker profitiert? Durch diese fehlenden Einordnungen stehen Die Goldenen Zitronen, Störkraft, Nena und Heintje auf fast schon ärgerliche Weise kontextlos und egalitär nebeneinander, ohne die doch sehr unterschiedlichen ideologischen Qualitäten der einzelnen Werke näher zu beleuchten. Was am Ende bleibt, sind Ohrwürmer, aber auch viele offene Fragen.

»Hits & Hymnen. Klang der Zeitgeschichte«,
bis 24. Juli 2024, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig. Dieser Text wird bald auch im Kreuzer publiziert, dem monatlich erscheinendem Leipziger Stadtmagazin.

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